Kapitel 4 4
DANIIL
Es sind vierzehn Monate vergangen, seit ich eine Frau gesehen habe.
Diese hier war das Warten wert.
Sie hängt schlaff gegen den Sitz, die Haut gespenstisch, der Blick leer. Sie wirkt fast leblos. Eine Porzellanpuppe, die sich dorthin bewegen ließe, wohin ich sie setze. Ihr Haar klebt an den Seiten ihres Gesichts, und Wassertropfen glitzern noch über den Rundungen ihrer Brüste. Sie durchnässt den Sitz, doch sie scheint es nicht zu bemerken.
„Anschnallen“, sage ich.
Sie dreht sich zu mir, sieht eher durch mich hindurch als mich an. „Hä?“
Ich beuge mich hinüber, greife nach dem Gurt und lege ihn ihr an. Sie riecht nach Flieder und Champagner, und in meiner Hose wird mein Schwanz beinahe augenblicklich hart.
Es wäre leicht zu behaupten, das würde heute bei jeder Frau passieren, die ich zu Gesicht bekäme. Über ein Jahr Gefangenschaft reduziert einen Mann auf seine animalischsten Instinkte. Aber ich weiß bis ins Mark, dass das nicht stimmt.
Nicht, weil sie eine Frau ist.
Sondern weil sie diese Frau ist.
Rosa Lippen, weich wie eine Wolke. Errötete Wangen. Blassgrüne Augen wie das oberste Blatt eines Baumes, genau in dem Moment, wenn der Morgen zu dämmern beginnt.
Das Schloss des Gurts klickt ein. Als ich die Hand zurückziehe, streift sie ihre Brust. Sie steckt in viel zu vielen Schichten aus Spitze und Stoff, als dass es auch nur im Geringsten sexuell wäre, und doch lässt mich dieser flüchtige Kontakt frösteln.
Die ganze Zeit über beobachtet sie mich nur ausdruckslos.
Ich habe Glück, sie in diesem Zustand gefunden zu haben. Panisch, verletzlich, gebrochen. Sie ist genauso auf der Flucht wie ich, wenn auch auf sehr, sehr andere Art. Ich muss diesen Moment so gut ausnutzen, wie ich kann, bevor sie richtig zu sich kommt.
Bevor sie anfängt, sich zu wehren.
Also ziehe ich den Wagen heraus und fahre weiter, in dieselbe Richtung, in die sie unterwegs gewesen war. Das Fahrzeug stöhnt und bebt zuerst, doch es fängt sich, als wir schneller werden. Die Sirenen werden lauter.
Es dauert ein paar Meilen, aber das Mädchen kommt langsam wieder zu Sinnen. Sie sieht, wie mein Blick zwischen Rückspiegel und Straße vor uns hin und her springt, und schließlich stellt sie die Verbindung her.
„Gehören die Sirenen dir?“, fragt sie leise. Das einzige andere Geräusch ist das gleichmäßige Dröhnen der Autobahn.
Ich lasse den Blick nach vorn gerichtet. „Ja.“
Ich spüre, wie sie mich ansieht. Nicht so wie bei unserem ersten Zusammentreffen, auf diese betäubte, vorsichtig hoffnungsvolle Weise, wie ein Schlafender sich im Traum umschaut. Diesmal sind ihre Augen scharf und prüfend. Geradezu zynisch. Sie haben Dinge gesehen, die sie zerbrochen haben, und jetzt sind sie jederzeit bereit, noch mehr vom Gleichen zu sehen.
„Was hast du getan?“, fragt sie. Diesmal sanfter. Vorsichtiger.
„Ich habe einem Mann nicht gehorcht, der es nicht mag, wenn man ihm nicht gehorcht.“
Hinter uns sehe ich die ersten flackernden Reflexe von Rot und Blau, die gegen das Blätterdach hinaufwerfen. Sie sind noch weit weg, aber sie kommen schnell näher. Die Sirenen werden mit jeder Sekunde lauter. Ich muss etwas unternehmen. Sofort.
Ich nehme das Tempo raus, suche, suche—perfekt.
Ein kaum erkennbarer kleiner Abzweig, ein festgetretener, erdiger Pfad, führt in den Wald. Der Eingang, markiert von zwei Eichen, so dick wie mein Leib, ist gerade breit genug, um diese zu Tode geschundene Karre hindurchzulassen.
Ich drehe das Lenkrad geschmeidig nach rechts. Kinsley schreit auf, aber ich ignoriere es. Ich habe alles vollkommen unter Kontrolle. Ein Reifen holpert von der Straße, dann zwei, drei, vier, dann rumpeln wir über unwegsamen Boden und lassen die Lichter der Autobahn hinter uns. Der Wald verschluckt uns.
Ich fahre etwa eine Viertelmeile hinein, hoffentlich tief genug, dass keine vorbeiziehenden Scheinwerfer sich im Wagen spiegeln. Ich stelle den Motor ab und sitze in der Stille. Ich höre Kinsley schlucken.
„Was machen wir hier?“, würgt sie hervor.
„Sei still.“ Ich hebe den Blick wieder zum Rückspiegel. Gerade eben, kaum sichtbar durch Reihe um Reihe aufragender Kiefern, sehe ich einen Konvoi Streifenwagen vorbeijagen. Als sie weg sind, ist es wieder still.
Ich spüre Kinsleys Blick auf mir und wende mich ihr zu. Im Mondlicht, das durch die Wipfel hinabfiltert, ist sie ätherisch schön. Ihre Augen leuchten, und das leise Säuseln ihres Atems ist auf eine Weise erotisch, von der ich nicht wusste, dass so etwas möglich ist.
Am seltsamsten ist, dass sie nicht so verängstigt ist, wie ich erwartet habe. Oder vielleicht ist sie es, aber sie hat einfach nicht mehr die Fähigkeit, dieses Ausmaß an Angst zu empfinden. Legst du die Hand zu lange auf eine heiße Herdplatte, verlierst du jedes Gefühl darin. Ich habe das Gefühl, dass sie vor ernsthaftem Schmerz flieht.
„Was wollen die von dir?“, fragt sie.
„Sie wollen mich wieder in eine Zelle stecken.“
Das Grün in ihren Augen schimmert. Ich bin halb versucht, die Hand auszustrecken und das verkrustete Blut aus ihrem Mundwinkel zu wischen, aber ich lasse die Hände im Schoß.
„Du … du meinst … du warst im Gefängnis?“
„War ich. Jetzt nicht mehr. Und ich gehe nicht zurück.“
Sie schaut auf meine Kleidung. Dunkel, verkrustet, anonym – sie hat bessere Tage gesehen, auch wenn es übertrieben ist, sie „meine“ zu nennen. Sie lag in der Sporttasche, die am ersten Kontaktpunkt auf mich gewartet hatte, nachdem ich ausgebrochen war. Ich hatte gerade genug Zeit, sie auszugraben, bevor der Plan den Bach runterging und ich durch die Wälder stapfte, auf der Suche nach einem neuen Weg in die Freiheit.
Verdammter Petro. Mein bester Freund hätte eine Garnitur Klamotten aussuchen können, die ein bisschen weniger nach Kartoffelsack aussieht. Ich bin sicher, er fand es urkomisch.
„Du musst keine Angst vor mir haben“, sage ich zu Kinsley. „Du musst nur kooperieren.“
Die stumpfe Furcht in ihrem Gesicht weicht für einen Moment, bevor sie von Empörung ersetzt wird. „Und was soll das heißen?“, fragt sie. „Wenn ich nicht kooperiere, habe ich allen Grund, Angst vor dir zu haben? Das ist eine Drohung, keine Beruhigung.“
„Da hast du nicht unrecht.“
Sie versteift sich und lehnt sich von mir weg. Ich weiß nicht, was sie erwartet hat – sie ist zu einem Mann ins Auto gestiegen, der doppelt so groß ist wie sie und aus dem Wald kommt. Sie kann froh sein, dass sie noch atmet.
Ihre Augen flackern zum Türgriff, dort, wo das Schloss ist.
„Ich würde nicht weglaufen, wenn ich du wäre“, rate ich ihr.
„Weil du mir nachjagen würdest?“
„Weil du stolpern würdest. Wieder.“
„Ich kann besser rennen, als du glaubst“, faucht sie.
„Ich glaube, das stimmt mehr, als sogar du begreifst, Prinzessin.“
Ihr Mund presst sich zusammen. Das schwarze Make-up, das ihre Augen umrandet, ist in wütenden Streifen über ihr Gesicht gelaufen. Auf seine Weise ist es schön. Ich war schon immer von kaputten Dingen angezogen.
„Alles, was ich brauche, ist, meinen nächsten Abholpunkt zu erreichen“, erkläre ich. „Sobald ich dort bin, wirst du mich nie wieder sehen oder von mir hören müssen.“
„Warum brauchst du mich überhaupt?“, fragt sie.
„Du wirst mein Alibi sein.“
BRRRING.
