Kapitel 6 6
KINSLEY
„Du siehst nicht gerade wie ein Bräutigam aus“, bemerke ich und mustere ihn von Kopf bis Fuß.
Mein Blick bleibt an seinen Händen hängen. Sie sind riesig, passend zum Rest von ihm. Rau sind sie auch. Schwielig und sehnig, mit hervortretenden Adern, bedeckt von Dreck und kleinen Narben wie Sternschnuppen. Tätowierungen ziehen sich wie Spinnennetze über die Knöchelrücken.
„Wie sehe ich denn aus?“ fragt er.
„Wie ein Mann auf der Flucht.“
Er verdreht die Augen. „Verdammter Petro …“
„Wie bitte?“
„Nichts. Ich sehe aus wie das, was ich bin. Das ist in Ordnung.“
„Im Kofferraum ist ein Koffer“, platze ich heraus. „Das war … Das sollte das Auto sein, mit dem wir in die Flitterwochen fahren. Wir wollten nach der Zeremonie los. Jedenfalls haben wir eine Tasche für die Reise gepackt. Tom hat wahrscheinlich ein paar Sachen, die dir passen könnten.“
Er sieht mich einen langen Moment an. Diese kühlen blauen Augen gleiten über mich, als würden sie Dinge erkennen, die ich ihm nie zeigen wollte. Dann nickt er, hält den Wagen an, kurz bevor wir wieder auf den Highway auffahren, und steigt aus.
Im Seitenspiegel sehe ich, wie er herumgeht und den Kofferraum öffnet. Ich höre das doppelte Ploppen der Kofferverschlüsse, die aufschnappen, dann das Rascheln von Stoff.
Eine seltsame Art von Unruhe wühlt mir im Bauch, als er beginnt, sein Hemd aufzuknöpfen. Die ersten Streifen seiner Brust werden sichtbar. Zwei Bauchmuskeln, vier, sechs. Ein leichter Hauch dunkler Brustbehaarung.
Er streift es ab und wirft es in den Wald, legt Bizepse frei, durch die sich eine dicke grüne Vene schlängelt. Er öffnet die Schnalle seiner Hose, zieht sie über die Hüften hinunter – und dann blickt er direkt in den Spiegel.
Ich werde rot wie ein Stoppschild und senke hastig den Blick. Ich könnte schwören, ich höre ein belustigtes Schnauben, obwohl das auch nur meine überdrehte Fantasie sein mag.
Ich lasse den Blick starr in meinem Schoß, selbst als ich den Kofferraum zuschlagen höre, das Knirschen von Stiefeln auf Kies und dann, wie sich die Fahrertür wieder öffnet. Erst als der noch immer namenlose Mann sich räuspert, sehe ich auf.
Er trägt die zu kurze Hose, die über den Knöcheln umgeschlagen ist, und die Ärmel von Toms zu engem Hemd hochgekrempelt, auf eine Art, die irgendwie unerklärlich stilvoll wirkt. Der Stoff klebt an ihm wie eine zweite Haut. Ich kann jede Wölbung seiner Bauchmuskeln nachzeichnen, den Verlauf jeder Ader auf seinen Unterarmen. Er ist ein wandelndes Anatomieposter.
„Es passt“, murmele ich überflüssigerweise.
„Nicht ganz“, sagt er, als er sich hinter das Lenkrad schiebt. „Aber fürs Erste reicht es.“
„Und jetzt?“ frage ich.
„Jetzt“, sagt er düster, „entscheiden wir, was wir mit dir machen.“
Meine Augen werden vor Panik groß. „Du … du hast gesagt, du würdest mir nicht wehtun.“
„Stell dich nicht so an. Ich meinte dein Gesicht.“
Ich klappe die Sonnenblende herunter und schiebe den kleinen Spiegel darin auf. Mein Gesicht starrt mich an, unkenntlich und zerstört.
Ich habe versucht, mich sauber zu machen, als ich losgefahren bin, auch wenn man es mir nicht ansieht. Schweiß, Make-up, Tränen und winzige Blutspritzer sind zu einer verkrusteten, grotesken Collage eines Hochzeitstags geraten, der schiefgegangen ist. Ich sehe aus wie etwas aus einem Albtraum.
Und auf einmal schäme ich mich. Nicht nur dafür, wie ich aussehe. Sondern auch dafür, dass außen zu innen passt. Dieser Fremde aus dem Wald sieht mich am tiefsten Punkt meines Lebens.
Na ja, an einem davon jedenfalls. Es ist eher so ein „such dir was aus“-Ding. Es gibt genug Tiefpunkte zur Auswahl.
„Ich sehe furchtbar aus.“
Ich drehe mein Gesicht von einer Seite zur anderen. Jeder Winkel ist schlimmer als der davor. Ich versinke so sehr im Selbstmitleid, dass ich nicht sehe, wie er nach mir greift, bis er mir bereits unter das Kinn fasst.
Ich schnappe nach Luft und zucke zurück. Er seufzt nur, packt mein Kinn erneut und zieht mich zu sich heran.
„Stillhalten.“
Er wühlt im Handschuhfach und zieht eine Packung Feuchttücher heraus. Dann führt er eines an mein Gesicht und beginnt, es über meine Haut zu ziehen. Ich rieche den scharfen Alkohol und den Zitronenduft.
Ich ertappe mich dabei, dass ich mich erklären will. Ihm sagen will, dass ich normalerweise nicht so aussehe, mich nicht so verhalte. Dass das hier das Ergebnis einer Reihe harter Erkenntnisse und schlechter Entscheidungen ist. Dass dies das Gesicht einer verzweifelten Frau ist, die entschieden hat, sie müsse eine drastische Veränderung erzwingen, um sich davon abzuhalten, zu genau dem zu werden, wovor sie immer Angst gehabt hat.
„Normalerweise trage ich nicht so viel Make-up“, sage ich, bevor ich mir auf die Zunge beißen kann. Er zeigt keine Regung, die erkennen ließe, dass er mich gehört hat, aber die Stille ist so laut, dass sie anzufangen scheint, wehzutun, also rede ich weiter, nur um sie in Schach zu halten. „Toms Mutter hat heute auf eine Visagistin bestanden. Also hab ich einfach mitgemacht, um sie glücklich zu machen. Ich mache das oft, glaube ich. Zu oft. Ich versuche immer, zu—“
„Hör auf zu reden.“
Ich presse die Lippen zusammen. Noch mehr Scham brennt mir in die Wangen. Es ist schon schlimm genug, am eigenen Hochzeitstag auseinanderzufallen. Noch schlimmer ist es, es vor einem Mann wie ihm zu tun.
Er dreht mich hierhin und dorthin, dann nickt er. „Reicht.“
Ich schaue wieder in den Spiegel. Meine Haut ist jetzt größtenteils nackt, obwohl ich, wenn ich ganz nah herangehe, noch sehen kann, wo Tränen und Blut ineinander gelaufen sind und eine einzige, gewundene Spur gebildet haben.
„Danke“, murmele ich.
Er nickt wieder. Ein Mann weniger Worte, dieser hier. Dann lässt er den Motor aufheulen und zieht mit uns zurück auf den Highway. Wir fahren weitere zehn Minuten in einer öden Stille, bis wir um eine weite Kurve kommen …
Und Polizisten sehen, die vorne an einer Straßensperre warten.
Mein Herz springt mir in den Hals und versucht, mich zu ersticken. Ich bin auf alles gefasst – darauf, dass er wieder querfeldein abbiegt, dass er einfach durch die Blockade rast und Hartfords beste Männer über die Windschutzscheibe schmiert. Verdammt, ich wäre sogar darauf gefasst, dass ihm Flügel wachsen und er wie ein Adler davonfliegt. So unwirklich ist dieser Tag gewesen.
Aber nichts davon passiert. Er rollt einfach gemütlich bis zu der Stelle, an der der Beamte ihn heranwinkt, und kurbelt das Fenster herunter. Ich höre das Klacken von Stiefeln auf Asphalt, als der Polizist zum Wagen hinüberkommt.
Und dann, genau bevor er uns erreicht, erlebe ich die verrückteste Verwandlung. Seine Hand findet meinen Oberschenkel, umfasst mich, als hätte er das unser ganzes Leben lang getan. Seine Schultern lösen sich in eine lässige Haltung, sein Gesicht entspannt sich zu einem warmen Lächeln, und die allgegenwärtige, finstere Spannung auf seiner Stirn glättet sich.
Es ist verdammt noch mal unheimlich. Im Raum eines Atemzugs wechselt er vom Monster im Wald zu glücklich-frisch-verheiratet.
„’n Abend, Officer“, sagt er mit lässigem Singsang und einem Hauch ländlicher Färbung. „Ich war doch nicht zu schnell, oder?“
Der Polizist beantwortet die Frage nicht, während er sich hinunterbeugt, um uns beide zu mustern. „Frisch verheiratet, was?“ brummt er. Sein Schnurrbart zuckt.
Mein Retter grinst breit; ein unverkennbarer Stolz strahlt aus ihm. „Sieht man noch den Hochzeitsglanz, hm? Ist ja erst ein paar Stunden her, also schätze ich, wir werden sehen, wie lange der anhält.“
