Kapitel 1

Isla

„Auf die Knie!“, befiehlt eine Stimme, und ein Stock landet mit einem lauten, scharfen Knall in meinen Kniekehlen.

Ich beiße die Zähne zusammen, um nicht aufzuschreien, und sinke auf den harten Steinboden.

Vor einer Stunde kamen sie, um mich von zu Hause abzuholen. Sie zerrten mich von meiner Familie weg und hinaus in die Nacht.

Solange ich lebe, werde ich den Ausdruck der Scham auf den Gesichtern meiner Eltern nicht vergessen, als die Initiaten unsere Tür eintraten. „Isla Oliver. Du wurdest zur Ernte gerufen.“

Galle stieg mir in der Kehle hoch, und ich sah meinen Vater wild an, um Hilfe suchend. Er schüttelte nur den Kopf. „Ich habe dir gesagt, du sollst dir einen Zuchtpartner suchen.“

Die größte Schande von allen. Ihre Tochter ist achtzehn und unverpaart.

Mein Vater, der Diplomat, konnte es nicht ertragen, mich in seinem Haus zu haben. Ich war eine Schande, und dass ich vor den Augen aller von den Initiaten abgeführt wurde, während seine anderen neun Kinder so vorbildliche Bürger waren, war ein Verrat, den mein Vater nicht ertragen konnte.

Ich drehe den Kopf zur Seite, zu den großen Fenstern mit Blick auf die Bucht. Dicker Nebel zieht vom Meer herauf und hüllt die Stadt in eine flauschige, weiße Decke. Der Vollmond wirft sein gespenstisch weißes Licht darauf und taucht die dunklen Schatten, die vor Mitternacht nach Hause eilen, in einen Heiligenschein.

Früher habe ich Nächte wie diese geliebt. Die Art, wie der Nebel die Geräusche verschluckte und die Stadt zu verschwinden schien. Die sanfte Berührung kalter Tropfen auf meiner Haut und das Gefühl, sich in der weißen Umarmung zu verlieren.

Die Glocke schlägt.

Mitternacht.

Die Märchenstunde, wie meine Mutter sie immer nennt. Dann endet die Magie.

Ein Fuß landet auf meinem Nacken. „Verbeug dich, du Undankbare“, zischt die Frau.

Sie ist nur ein Mensch wie wir alle, aber sie hat von unseren Herren Macht erhalten, und sie führt sie wie ein Schwert.

Ein Schmerz schießt durch meinen Nacken und in meine Schultern. Sie bohrt ihren Absatz in meine Wirbelsäule, bis meine Stirn den rauen Stein berührt. Ihr Stiefel schneidet in meinen Hals. Warme Blutstropfen rinnen über meine Haut und beflecken mein makelloses, weißes Kleid.

Ich beiße die Zähne zusammen und versuche mein Bestes, nicht wie das Mädchen zu schluchzen, das neben mir kniet. Rotz, Tränen und Spucke laufen über ihr Kinn und sammeln sich auf ihrer vergilbten Bluse. „Hör auf“, flüstere ich. „Sie werden dir wehtun.“

Die menschliche Wärterin hinter mir nimmt ihren Stiefel von meinem Nacken und schlägt mir mit ihrem Stock über den Rücken. „Sei still!“

Ich beiße mir auf die Unterlippe und versuche, durch den Schmerz hindurchzuatmen. Ich kann sie spüren, ihre Hitze, direkt hinter mir. Ihr Atem stinkt nach Knoblauch und Zwiebeln – zwei Gerüche, die die Vampire hassen – und sie riecht nach Schweiß.

Ich höre das Knarren der großen Doppeltüren, und ein Flüstern geht durch die Menge, die sich in der großen Halle der Vampire versammelt hat.

Sie bewegen sich wie Geister. Wir sehen sie nicht. Wir hören sie nicht. Aber wir können sie fühlen. Ihre Anwesenheit.

Sie ist magnetisch und unbestreitbar. Die Luft um sie herum verändert sich wie eine Strömung. Die Natur beugt sich ihrem Willen.

„Die Ernte soll beginnen!“, ruft ein Mann.

Diejenigen von uns, die heute Nacht nicht auserwählt werden, werden in die Spendezentren gebracht, wo man uns ausbluten und wegwerfen wird. Das hier ist unsere letzte Chance.

Trompeten erschallen, die Lichter gehen aus und tauchen uns in Dunkelheit, um die empfindlichen Augen der Vampire zu schützen.

Das Mädchen neben mir streckt die Hand aus und sucht blind nach mir. Ich nehme ihre feuchte Hand und schließe meine Finger um ihre. „Alles wird gut“, flüstere ich – mehr, um mich selbst zu beruhigen als sie.

Ich kenne sie nicht, aber ich verstehe sie. Die Angst. Sie frisst sich wie eine Raupe durch meine Eingeweide. Mein Herz schlägt so schnell, dass ich die einzelnen Schläge nicht mehr voneinander unterscheiden kann, und meine Zunge klebt am Gaumen.

„Nein“, schluchzt sie. „Nein. Ich bin hässlich und unfruchtbar. Mein Zuchtpartner hat mich verlassen.“

„Das tut mir leid“, murmle ich.

Ich wende den Blick zur Seite, in die Richtung des weinenden Mädchens. Im Dunkeln kann ich gerade noch ihren Schatten ausmachen. „Man sagt, es ist keine schlimme Art zu sterben. Eher so, als würde man einschlafen. Es gibt keine Schmerzen.“

„Ich habe alles richtig gemacht“, schreit sie und stöhnt auf, als der Stock auf ihrem Rücken landet.

„Sei still.“

Ich nicht. Ich wollte nie eine Züchterin sein. Es ist die höchste Ehre für einen Menschen, aber ich habe alle Annäherungsversuche zurückgewiesen. Ich war nie an einem der Jungen interessiert, die versuchten, mich zu schwängern.

„Willkommen, Prinz Aeron“, ruft ein Mann.

Die Trompeten hallen wider.

Die Halle wird still. Wir können ihre Annäherung spüren und werden davon angezogen – wie hilflose kleine Motten von hundert flackernden Flammen.

Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, meine Knie werden ein wenig weich, Schmetterlinge flattern in meinem Bauch und Hitze durchströmt meinen Körper wie Lava.

Kalte, feste Finger umschließen mein Kinn und zwingen mein Gesicht nach oben. „Licht“, sagt der Mann, der mein Gesicht hält, sanft.

Jemand kommt mit einer Laterne herbeigelaufen. Der orangefarbene Schein wirft genug Licht, damit ich ihn sehen kann, aber er ist nicht so hell, dass er seine Augen verletzen würde.

„Sieh mich an.“

Ich hebe den Blick und starre in die eisblauen Augen von Prinz Aeron. „Interessant“, sagt er leise.

Er ist die reinste Perfektion, mit langem, dunklem Haar, hohen Wangenknochen, einer geraden Nase und vollen Lippen.

Ich schlucke den Kloß in meinem Hals hinunter. Die Anziehungskraft eines Vampirs ist unbestreitbar. Niemand kann ihnen widerstehen. Sie sind … magnetisch.

Die Augen des Prinzen leuchten rot auf und meine Eingeweide ziehen sich ein wenig zusammen. „Eine Jungfrau“, sagt er mit einer tiefen, rauen Stimme, die mir einen Schauer über den Rücken jagt. „Wie … reizend.“

Die anderen Vampire beginnen mit papierdünnen Stimmen zu flüstern.

„Eine Jungfrau?“

„Es gibt keine Jungfrauen.“

„Sie ist eine.“

Der Prinz lässt mich los, zieht seine Hose hoch und kauert sich vor mich hin. „Ich kenne dich.“

Ich nicke. „Ich bin Elijah Olivers Tochter.“

„Natürlich“, sagt er mit einer tiefen, dunklen Stimme, die mein Inneres zu Brei werden lässt. „Ich nehme dich.“

Er erhebt sich und die Lichter gehen wieder aus.

Luft entweicht meinen Lippen und ich sacke nach vorne, am ganzen Körper zitternd.

„Fangt an, sie zu sortieren“, sagt Prinz Aeron. „Bringt die Übriggebliebenen zum Spendezentrum.“

Seine Stimme scheint weiter entfernt zu sein, als er ruft: „Bringt das Mädchen.“

Jemand packt mich an den Oberarmen – große, raue Hände – und hebt mich vom harten Steinboden hoch.

Erst da wird mir alles klar. Was das bedeutet.

Aeron hat mich erwählt. Der Prinz der Vampire hat mich erwählt.

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