Kapitel 3
Aeron
Ich sehe den Groll in Islas Augen, als sie nach hinten greift, um den Reißverschluss ihres Kleides zu öffnen, aber sie ist außerstande, meinem Befehl zu widerstehen.
Sie zieht die Arme aus den Ärmeln und das hauchdünne Kleid schwebt zu Boden, wo es sich zu ihren Füßen sammelt.
Sie will gerade ihren BH aufhaken, doch ich halte sie auf. „Das wird nicht nötig sein. Dreh dich um.“
Stirnrunzelnd dreht sie sich um und zeigt mir ihren Rücken.
„Heb dein Haar an“, befehle ich und fühle mich, als hätte mir jemand die Luft aus den Lungen geraubt.
Sie wirft ihre langen, braunen Locken nach vorne und steht vollkommen still da, während ich ihren Körper absuche und die Schürfwunden an ihrem Hals übergehe, die der Aufseher in der großen Halle hinterlassen hat.
Ich senke den Blick, lese sie von links nach rechts … und dann sehe ich es. Genau zwischen ihren Schulterblättern. Es leuchtet unter ihrer Haut, blassblau und wunderschön. Perfekte konzentrische Kreise, die die unendliche Dunkelheit symbolisieren.
Ein Stich der Sehnsucht schießt mir durchs Herz.
Es sieht genauso aus wie das auf meiner Brust. Es pulsiert als Antwort, und ich kann spüren, wie ihr Blut in meiner Seele widerhallt.
Die Rune. Der Beweis. Endlich. Nach all den Jahren. Nach jahrhundertelanger Suche, nach unzähligen Fehlschlägen. Endlich. Ich habe sie gefunden.
„Zieh dich an“, sage ich. „Ein Vertrauter wird dir in Kürze dein Essen bringen. Du wirst nur essen, was ich dir gebe, verstanden?“
„Ja, Prinz“, flüstert sie.
„Gute Nacht, Isla“, sage ich und verlasse ihr Zimmer, ohne mich umzudrehen, wobei ich die Tür hinter mir schließe.
Ich gehe hinauf zu meiner Wohnung im obersten Stockwerk und greife nach dem Blutbeutel, den meine Vertraute, Eve, für mich auf dem Tresen der Bar zurückgelassen hat.
Sie ist die Einzige, die mir dient. Sie dient mir auch im Bett, aber jetzt, da Isla hier ist, wird sie gehen müssen.
Wäre Isla irgendjemand anderes, würde ich Eve behalten, aber meine Braut verdient etwas Besseres.
Ich wusste, dass ich sie heute Nacht finden würde. Ich spüre sie schon seit Monaten. ‚In der Nacht des Erntemondes, zu ihrem achtzehnten Jahr, wird der Prinz des Steins seine Braut finden.‘
Und das habe ich. Einfach nur da kniend, Blut tropfte auf ihr weißes Kleid und befleckte ihre Reinheit, als wäre sie nichts weiter als eine gewöhnliche Spenderin.
Samuel, mein Bruder, klopft an und tritt ein, ohne auf eine Einladung zu warten. Er war schon immer so forsch, und das ist ihm nicht abzugewöhnen. Er schenkt mir ein breites, weißes Lächeln und reißt seinen eigenen Blutbeutel auf. „Schlückchen gefällig?“, fragt er.
„Ja“, sage ich mit einem Seufzer und lasse mich auf das antike Sofa fallen.
Einige der genialen Erfindungen der Menschen haben wir behalten. Ich möchte nicht in eine Welt ohne Inneninstallationen und warmes Wasser aus dem Hahn zurückkehren.
Elektrizität ist nervig – Menschen können es nicht hören, dieses ständige Zischen und Knistern der stromführenden Leitungen, aber es ist leiser als früher, und sie brauchen es zum Überleben.
Samuel schlendert zur Bar in der Ecke und schenkt jedem von uns ein halbes Glas Whiskey ein. Er ist ein gutaussehender Mann – einen Kopf kleiner als ich, aber mit dichten schwarzen Locken, hellbraunen Augen, langen Wimpern, die ein Model neidisch machen würden, und makelloser Haut.
Er fügt die Hälfte unserer Blutbeutel zum Whiskey hinzu. Das ist die einzige Möglichkeit, wie wir einen Rausch bekommen können, es sei denn, wir sorgen dafür, dass ein Mensch stockbetrunken oder high wie nur was ist, bevor wir uns an ihm laben.
„Na“, sagt Samuel und lässt sich in den tiefbraunen Ledersessel mir gegenüber fallen. „Hast dir also ein neues kleines Haustier zugelegt, was? Wie lange wirst du diese hier behalten?“
„Eine Weile. Sie ist die Eine.“
„Die Eine?“, fragt Samuel, und ich kann förmlich sehen, wie bei ihm der Hamster vom Laufrad fällt. „So wie die Eine? Die Auserwählte.“
„Ja.“
Ich nippe an meiner Whiskey-Blut-Mischung. Ich werde noch einige davon brauchen, bevor ich die Wirkung spüre, aber es wärmt mich von innen, und das hilft ein wenig.
„Bist du dir sicher? Das dachtest du schon früher, und die haben sich alle als Nieten herausgestellt.“
Mein Bruder hat recht. Im Laufe der Jahrhunderte habe ich viele Bräute gefunden, von denen ich dachte, sie seien die Eine, aber dieses Mal ist es anders. Sie trägt das Mal. „Ziemlich sicher.“
Samuel nickt nur und nippt an seinem Blut-Whiskey. „Nun, die Zeit wird es zeigen. Hast du es ihr gesagt?“
„Natürlich nicht. Sie muss es von selbst erkennen.“
Mein Bruder mustert mich skeptisch. „Von selbst? Wie denn? Menschen sind langsam.“
„Tsk“, schnalze ich mit der Zunge.
Samuel hat im Allgemeinen eine besonders geringe Meinung von Menschen. Er mag sie allein schon aus Prinzip nicht.
„Wir waren alle einmal Menschen“, erinnere ich ihn.
„Ja“, stimmt er zu und führt das Glas an seine Lippen, „dann wurden wir besser.“
Ich verdrehe die Augen, muss aber gleichzeitig lachen.
„Wie soll sie denn herausfinden, was sie für dich ist?“, fragt mein Bruder.
„Es ist ein … Gefühl. Sie weiß es bereits, sie weiß nur noch nicht, dass sie es weiß.“
Samuel grinst und zieht die Augenbrauen hoch. „Du hast wirklich Glück, mich zu haben.“
„Ach ja?“
„Hm. Ich bin vielleicht der einzige Mensch auf der Welt, der versteht, was du gerade gesagt hast.“
Kichernd leere ich mein Glas und halte es Samuel hin, der wortlos aufsteht, um mir einen neuen Drink zu mischen.
Ich lehne meinen Kopf zurück und schließe die Augen. Ich lausche meinem Bruder, wie er zur Bar geht – Menschen können uns nicht hören, aber ich kann ihn hören. Die Art, wie er die Gläser so abstellt, dass es kaum ein Geräusch gibt, das leise Plätschern des Whiskeys, der auf den Boden des Tumblers trifft.
Ich kann das Summen des Kühlschranks hinter der Bar hören, eine Grille, die am anderen Ende des Gartens zirpt, eine Maus, die über das Dach huscht. Ich kann Samuels Spender riechen, den scharfen Geruch von Alkohol, Islas Parfüm an meinen Fingern.
„Hier, bitte“, sagt Samuel.
Ich öffne die Augen und nehme ihm das Glas ab, doch bevor ich trinken kann, zerreißt ein Schrei die stille Ruhe des Schlosses.
Isla.
Ich bin auf den Beinen und aus der Tür, bevor Samuel sein Glas überhaupt abstellen kann.
Er wird mich nicht einholen. Ich bin der älteste lebende Vampir in diesem Schloss – niemand sonst kann es mit meiner Stärke oder Geschwindigkeit aufnehmen.
In weniger als einer Minute lege ich fünf Treppenabsätze und die sieben verschiedenen Windungen und Wendungen zurück, die zu Islas Zimmer führen.
Ihre Tür steht offen und ich kann den unverkennbaren Geruch ihres Blutes riechen, der mit einem Luftzug zu mir getragen wird.
Ich trete in ihr Zimmer und sehe einen jungen Novizen auf ihr, seine Fänge in ihrem Hals vergraben.
Rot.
Das ist die Farbe, die ich sehe, wenn ich so wütend bin, dass ich jeden umbringen werde, der mich nur falsch ansieht.
Die ganze Welt färbt sich in verschiedenen Purpurtönen.
Ihr Herzschlag verlangsamt sich bereits.
Sie kühlt aus, ihr Leben entgleitet ihr.
Mein Magen zieht sich zu einem kalten Knoten aus Wut zusammen.
Sie ist mein.
Ich packe den Novizen am Genick und ziehe ihn von ihr herunter. „Was zum Teufel glaubst du eigentlich, was du da tust?“, knurre ich.
