Kapitel 5
Isla
Ich sehe sein Gesicht.
Das Gesicht des Vampirs, der in mein Zimmer kam und erklärte, er wolle mich kosten. „Ich habe gehört, Jungfrauenblut ist … köstlich“, hatte er mit einer seltsamen, leisen, flüsternden Stimme gesagt. „Nur ein kleiner Bissen.“
Ich schüttelte den Kopf. „I-ich gehöre P-Prinz Aeron“, stotterte ich. „Ich glaube, das ist gegen die Regeln.“
Der Vampir schnaubte. „Aeron hält sich für was Besonderes. Dabei ist er kein bisschen besser als wir anderen.“
Dann lag er auf mir. Seine Reißzähne bohrten sich tief in meinen Hals.
Ich habe von anderen Spendern gehört, dass es lustvoll ist, wenn ein Vampir sich an einem nährt. Manche nannten es sogar orgastisch.
So fühlte es sich nicht an, als der Fremde sich in mein Fleisch verbiss, als wäre ich nichts weiter als ein Stück Fleisch.
Ein stechender Schmerz schoss meine linke Seite hinab und meine Knie gaben nach. Dann begann das Summen. Hinten in meinem Schädel, wie ein Bienenschwarm.
Ich schreie. Die Schreie reißen an meinem Körper. Ich strecke die Hände aus und beginne zu kratzen, zu schlagen, zu treten und wie eine Besessene auf dem Bett um mich zu schlagen.
Eine verschwommene Gestalt taucht in meinem Blickfeld auf, als jemand auf das Bett steigt und sich rittlings auf mich setzt. Ich spüre sein Gewicht, die Kälte seiner Haut, die in meine übergeht, seine roten Augen füllen mein Blickfeld, und alles, was ich denken kann, ist, dass ich heute Nacht sterben werde.
„Heiliger Strohsack“, knurrt er, und dann packen feste Hände meine Handgelenke und drücken sie auf beiden Seiten meines Kopfes ins Kissen. „Hör auf. Zu schreien.“
Die Schreie ersticken in meiner Kehle, und die Fata Morgana wird fest, verwandelt sich vom jungen Novizen in Aeron. Ich bin so verwirrt, dass ich für einen Moment vergesse, Angst zu haben.
„Du hast eine Menge Vampirblut bekommen“, sagt er.
Schwer atmend runzle ich die Stirn und sehe zu ihm auf. Er ist wirklich ein sehr gut aussehender Mann. Seine Anziehungskraft ist jenseits aller Vorstellungskraft, anders als alles, was ich je in meinem Leben erfahren habe. Sie hat etwas Chaotisches an sich. Ursprünglich. Dunkel und erfüllt von animalischer Lust.
„Es kann Halluzinationen auslösen … und du wirst Dinge fühlen. Es verbindet uns, also wirst du dich eine Zeit lang zu mir hingezogen fühlen.“
„Z-zu Ihnen hingezogen?“
Er nickt und lässt mich los. „Mehr als sonst.“ Er setzt sich auf die Fersen zurück, steigt aber nicht von mir herunter.
„Warum haben Sie mir Ihr Blut gegeben?“
„Der Novize hätte dich beinahe getötet. Es war die einzige Möglichkeit, dich zu retten.“
Mein Herz macht einen kleinen Purzelbaum und Schmetterlinge wirbeln einen Tornado in meinem Magen auf. Hitze durchströmt mich und setzt sich genau im Kern meines Wesens fest.
Ich will ihn nicht nur. Ich sehne mich nach ihm.
Ohne nachzudenken, strecke ich die Hand aus, um sein Gesicht zu umfassen, aber er schlägt meine Hand weg, als wäre ich ein unartiges Kind. „Lass das“, bellt er.
Ich schlucke an einem dicken, schweren Kloß in meinem Hals vorbei. „Entschuldigung.“
Ich hatte es vergessen. Menschen dürfen Vampire nicht berühren, es sei denn, sie erhalten die ausdrückliche Erlaubnis. Sie sind unsere Herren.
Es klopft an der Tür, und erst dann gleitet Aeron von mir herunter. „Herein“, ruft er.
Eine junge Frau, wunderschön und wahrscheinlich jemandes Lieblingsspenderin, betritt mit einem Tablett das Zimmer. Aeron zeigt auf die Kommode. „Bringen Sie Isla morgen Abend bei Sonnenuntergang bitte in mein Apartment“, sagt er.
Die Vertraute nickt und tritt beiseite, die Hände vor sich gefaltet, den Kopf gesenkt.
Sie wartet ein paar Sekunden, bevor sie mich ansieht. Sie wirft ihr langes, blondes Haar über die Schulter und fixiert mit ihren kalten, grauen Augen meinen blutigen BH. Sie schnaubt leise. „Was macht dich denn so verdammt besonders?“
„Wie bitte?“, frage ich, völlig überrumpelt.
Sitzen wir nicht alle im selben Boot, paddeln stromaufwärts und hoffen einfach, dass wir die Fünfzig erreichen?
„Ich versuche herauszufinden, warum Prinz Aeron eine abgelehnte Zuchtfrau ins Schloss bringen würde.“
„Ich wurde nicht abgelehnt“, sage ich und erhebe mich vom Bett. Es ist eigentlich nur eine schmale Pritsche, kaum des Namens Bett würdig, aber bequem genug. „Mein Vater hat viele Verbindungen für mich arrangiert.“
„Warum bist du dann hier“, fragt sie sarkastisch, „und nicht bei deinem Zuchtpartner?“
„Warum bist du hier?“, kontere ich ihre Frage. Ich habe schon vor langer Zeit gelernt, dass die Leute meine Erklärungen, warum ich jede von meinem Vater arrangierte Verbindung ablehnte, nicht akzeptieren. „Du bist hübsch. Ich bin sicher, du hattest mehr als genug Angebote.“
„Ich habe mich ihnen hingegeben.“ Sie streckt sich zu ihrer vollen Größe und reckt das Kinn vor, als ob die Tatsache, dass sie sich den Vampiren freiwillig verschrieben hat, sie adlig oder so etwas macht. „Du wurdest aus der Herde ausgewählt … wie eine gewöhnliche Kuh.“
Ich weiche einen Schritt zurück, als hätte sie mich geohrfeigt, aber ich fange mich schnell wieder. „Warum regst du dich so auf?“
„Ich rege mich nicht auf“, antwortet sie etwas zu schnell. „Ich bin nur verwirrt. Ich bin seit fünf Jahren hier, und in all der Zeit hat Prinz Aeron noch nie einen Menschen aus der Ernte ausgewählt. Er nennt euch minderwertig.“
Ich kichere sarkastisch und drehe ihr den Rücken zu. Ich bin bei Weitem nicht so selbstbewusst, wie ich vorgebe, aber ich bin mit vier älteren Brüdern und drei zickigen älteren Schwestern aufgewachsen – ich weiß, wie ich mich behaupten kann, selbst wenn ich meine Chancen nicht besonders gut einschätze.
Ich hebe die Speiseglocke an und betrachte das Essen. Alles ist frisch. Das Gemüse ist noch nicht schlaff und das Steak ist von bester Qualität – nicht die billigen, zähen Abschnitte, die wir auf dem Markt kaufen können.
„Wie kannst du es wagen, mir den Rücken zuzukehren?“, fragt die Frau. „Weißt du nicht, wer ich bin?“
„Wer bist du denn?“, frage ich und nehme eine perfekte kleine Karotte.
„Ich bin Prinz Aerons Gefährtin. Eve.“
Ich blicke über meine Schulter zu dem Mädchen und verberge die Eifersucht, die mich wie eine Flutwelle überrollt. „Okay. Und?“
Ich untersuche die Karotte und stecke sie mir in den Mund. Es ist die köstlichste, die ich je gegessen habe.
Eve beugt sich näher zu mir. „Wenn du glaubst, dass du meinen Platz einnehmen wirst, hast du dich geschnitten, kleines Mädchen. Prinz Aeron ist ein Mann mit sehr … speziellen Vorlieben, und du wirst ihn niemals zufriedenstellen.“
Ich seufze und beschließe, die Spielchen zu beenden. „Hör zu … er will mich nur, weil ich Jungfrau bin.“
Davon gibt es heutzutage nicht mehr viele. Die meisten Menschen sorgen dafür, dass sie mit sechzehn verpartnert sind, und da jungfräuliches Blut so begehrt ist, bezahlen Eltern dafür, ihre unverpartnerten Kinder entjungfern zu lassen, bevor sie achtzehn werden und Eigentum der Vampire werden.
Eve stockt ein wenig. „Stimmt das?“
„Ja. Meine Eltern haben dreizehn Kinder. Ich bin das achte. Sie konnten es sich nicht leisten, mich entjungfern zu lassen oder was auch immer.“
Und nachdem mein Vater Tausende für Kuppler verschwendet hatte, war er nicht bereit, noch mehr Geld für einen professionellen Entjungferer auszugeben.
Eve lacht, aber kaum hat sie angefangen, hört sie auch schon wieder auf. „Du bist nichts weiter als ein glorifizierter Blutbeutel. Solange du deinen Platz kennst, werden wir keine Probleme haben.“
