7. Rawrrr
7. Rawrrr
Emara Stone
Gleich am nächsten Tag.
Der Konferenzraum im siebten Stock ist riesig, so groß wie zwei Basketballfelder zusammen. Statt einer kleinen Sitzung sieht das hier eher nach einer Pressekonferenz aus. Reporter und Medienleute wuseln hektisch umher wie eine Herde Schafe, bepackt mit ihren Kameras und Mikrofonen.
Ich setze mich in die letzte Reihe neben den Ausgang, da ich niemandes Aufmerksamkeit erregen will.
Ich schau mir einfach nur die Show an.
„Ist dieser Platz besetzt?“ Ich blicke in Richtung der Stimme. Ah! Die Empfangsdame. Ihr Lippenstift ist auch heute wieder über den Rand gemalt.
„Bitte, sei meine Nachbarin“, antworte ich liebenswürdig, woraufhin sie errötet. Diese Ziege! Innerlich verdrehe ich die Augen, als sie mit ihren langen, falschen Wimpern klimpert.
„Du bist wirklich süß, Ethan. Übrigens, ich heiße Rita“, sagt sie, während sie auf ihren Stuhl rutscht.
Ich habe nicht einmal nach ihrem Namen gefragt. Alles, was ich tun will, ist das Taschentuch aus meiner Tasche zu ziehen und ihr den Lippenstift aus dem Gesicht zu wischen. Es irritiert mich maßlos.
„Rita, ich glaube, wir werden gute Freunde.“ Ich grinse süffisant. Ja! Ab in die Friendzone mit ihr.
„Rita, warum sitzt du ganz hinten?“ Plötzlich tauchen zwei Frauen in unserem Blickfeld auf und mustern abwechselnd mich und Rita.
„Shelly, das ist Ethan. Heute ist sein erster Tag und seine erste Sitzung in unserem Büro.“ Ihre Freundinnen setzen sich neben sie und werfen mir ihre koketten Lächeln zu.
Oh, nein... Ich habe sowieso schon eine Allergie gegen Zicken. Nicht heute, Satan. Ich werde deine Rituale jedes Wochenende durchführen, aber bitte nicht heute.
„Hi Ethan, ich bin –“ Ihre zierliche Stimme geht im lauten Lärm der Menge unter, als alle Reporter wie im Rausch zum Tor stürmen. Ich versuche, mich vom Stuhl zu erheben, um zu sehen, wer hereingekommen ist.
Inmitten der Reporter und des Blitzlichtgewitters sehe ich einen großen Mann im schwarzen Anzug. Die Szene erinnert an ein gigantisches Schiff, das kleine Boote zermalmt und unbeirrt weiterfährt. Er schreitet kerzengerade herein wie ein ägyptischer Gott und schert sich einen feuchten Kehricht um irgendjemanden.
Die Reporter skandieren seinen Namen: „Ryan, ein Foto! Ryan!“, aber er dreht sich nicht um. Seine Aura ist mächtig wie die eines Jägers, so tödlich und gefährlich. Er scheint den Raum um sich herum auszufüllen wie eine dunkle Wesenheit.
Ich bemerke gar nicht, wie ich auf meinem Stuhl hin und her rutsche; die Temperatur meines Sitzes steigt automatisch an und bringt meinen Hintern zum Kochen.
Plötzlich verstummen die Rufe, als er stehen bleibt, sich umdreht und mich ansieht. Meine Lungen stellen den Betrieb ein, meine Augen weiten sich und mein Mund klappt auf, genau wie bei einem Zombie, als ich ihn zum ersten Mal sehe.
Verdammte Schönheit!
Seine Wangenknochen und seine Kieferpartie sind schärfer als die Kanten von Möbelstücken. Seine Augenbrauen sind dichter als meine beiden zusammen. Seine vollen Lippen sind besser als die jedes Models, und plötzlich ertappe ich mich dabei, wie ich mir auf die eigene Lippe beiße. Er ist unwiderstehlich.„Oh mein G– Oh mein Gott, er sieht mich an!“ Rita und ihre Freundin kreischen auf. Ich hatte diese Mädchen und mich selbst völlig vergessen. Ich kann ihn nicht so anstarren. Ich bin ein Mann. Ich bin jetzt Ethan!
Er sieht aus, als wäre er gut eins achtzig groß. Wenn ich dicht neben ihm stünde, würde ich ihm vielleicht bis zu den Schultern reichen. Mit High Heels käme ich vielleicht bis zu seinen Ohren.
„Hast du gesehen? Er hat mich angelächelt. Gestern hat er mich zweimal gerufen, um ihm Kaffee zu bringen“, sagt Rita und errötet dabei.
„Die letzten zwei Tage sind wir zur gleichen Zeit im Aufzug gefahren. Wir hatten dreimal Blickkontakt“, kontert Shelly leidenschaftlich.
„Er hat mich auch angelächelt, als ich vorbeigegangen bin.“
Diese Zicken sind doch blind, er hat mich angesehen. Oder vielleicht in Richtung der Fotografen. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen.
Ich ignoriere die Mädchen und richte meine Aufmerksamkeit ganz auf diesen heißen Typen. Ich sehe, dass er bereits das Podium erreicht hat und sich voll der Menge zuwendet. Seine Schultern sind breit und kantig, während seine schweren Augenlider den Blick durchdringend auf das Publikum richten, als würden sie etwas suchen. Er wirkt so animalisch, als wäre er im Raubtiermodus. Rawrrr.
Verdammt, dieser Körperbau!
Die Leute machen Fotos von ihm und laden sie in ihre Snapchat- und Instagram-Storys hoch. Ich sehe, wie Rita versucht, den Hundefilter über sein Gesicht zu legen. Ihre Freundinnen spähen auf ihr Handy und machen „Awwwww!“.
„Guten Morgen, Mitarbeiter der Damison Group.“ Seine autoritäre Stimme dröhnt durch den Saal. Ein heftiger, intensiver Schauer läuft mir über den Rücken und lässt mich tiefer in meinen Sitz sinken. Seine raue Stimme verursacht Gänsehaut auf meinen Armen.
Er wirkt unglaublich mächtig; in seiner Nähe kann ich nicht männlich tun. Ich bin wahrscheinlich feucht.
„Er ist so heiß.“ „Ja, total heiß“, diskutieren Rita und ihre Freundinnen.
Ja, absolut! Er ist verdammt heiß! Ich kann diesen Mädchen nur zustimmen.
• Mein Verstand sagt: Er ist ein CEO, intelligent, ein griechischer Gott, hat wahrscheinlich haufenweise Flittchen am Start.
• Mein Herz argumentiert: Er ist wunderschön, wir sollten ihn in einem Museum ausstellen. Sogar seine Hände sind hübscher als mein Gesicht!
• Meine Vagina schreit: NIMM ES, nimm einfach meine Jungfräulichkeit. Nimm mich genau jetzt hier auf der Bühne. Verdammt noch mal, nimm es einfach.
Ich würde ihn wahrscheinlich dafür bezahlen, ihn nackt zu sehen.
Er ist bezaubernd. Sein dunkles Haar ist ordentlich nach hinten gegelt, wie bei einem König der Unterwelt-Mafia. Seine Lippen sind voll und bewegen sich in perfektem Takt. Seine definierten, muskulösen Arme umklammern das Rednerpult fest. Ich wünschte, diese Hände wären an mir, an meinem Hals und würden mich würg–
„Vielen Dank für Ihre Zeit. Sie können an Ihre Arbeit zurückkehren.“ Seine Worte holen mich in die Realität zurück.
Was zur Hölle! Habe ich während seiner gesamten Rede taggeträumt?
Der heiße Typ schließt seinen Jackettknopf, während er noch einmal in die Menge starrt. Die gesamte Damison Group könnte in seinen betäubenden Augen ertrinken, so sehr durchbohrt sein Blick die Köpfe der Leute. Er atmet tief ein, wirft einen letzten Blick zu den Fotografen und verlässt den Saal.
Und plötzlich bereue ich es, ganz hinten zu sitzen.
