Kapitel 1 Der Ghost Twin

Kapitel Eins: Der Geisterzwilling

Die Flure des Anwesens der Ainsworths lagen an diesem Morgen still da, erdrückend und prunkvoll. Sonnenlicht sickerte durch die Buntglasfenster, sprengte Rot und Gold über den polierten Marmorboden, doch nicht einmal Schönheit vermochte ein Haus zu wärmen, das auf Grausamkeit gebaut war.

Lucien saß allein am langen Esstisch, den Rücken gerade, die Hände ordentlich im Schoß gefaltet. Vor ihm stand kein Frühstück, nicht einmal Tee. Er durfte erst essen, wenn die anderen fertig waren. So lautete die Regel.

Er war siebzehn, schlank, blass, mit Augen in der Farbe von Asche nach einem Brand. Sein dunkles Haar kringelte sich leicht um die Ohren, heute Morgen ungekämmert, weil das Dienstmädchen ihn schon wieder vergessen hatte. Oder vielleicht hatte man es ihr befohlen.

Sein Zwillingsbruder Cassian hatte bereits gegessen und war gegangen. Lucien hatte ihn vorhin im Flur gehört, lachend mit ihrem Vater. Mit demselben Mann, der seit Jahren kein freundliches Wort mehr an Lucien gerichtet hatte.

Die Stille im Raum wurde schwer, beinahe höhnisch.

Schritte. Lucien drehte den Kopf nicht. Er wusste schon, wer es war.

„Du bist immer noch hier?“ Gerard Ainsworths Stimme schnitt durch die Luft, scharf und kalt.

Lucien stand hastig auf und senkte den Blick. „Guten Morgen, Vater.“

Gerard schnaubte, ein Laut des Ekels. „Du sprichst, als hättest du ein Recht, mich zu grüßen.“

Lucien antwortete nicht. Er hatte gelernt, dass Schweigen sicherer war.

Gerard ging an ihm vorbei zum Kopfende des Tisches und warf einen Blick auf die leeren Teller. „Hast du heute Morgen überhaupt den Ostflügel geputzt? Oder warst du zu beschäftigt damit, in deinem Zimmer zu schmollen wie ein nutzloses Mädchen?“

„Ich habe ihn geputzt“, erwiderte Lucien leise.

Das brachte ihm eine Ohrfeige ein. Nicht hart genug, um einen blauen Fleck zu hinterlassen, aber scharf genug, um zu brennen.

Lucien zuckte nicht zusammen.

„Lüg mich nicht an. Ich rieche deine Faulheit. Ich hätte dich ins Priesterseminar schicken sollen, wie ich es vorhatte. Dann müsste ich wenigstens nicht dein erbärmliches Gesicht ansehen.“

Er blieb reglos stehen und blinzelte das stechende Brennen aus den Augen. Nicht wegen der Ohrfeige. Wegen der Worte.

„Du solltest etwas essen“, flüsterte Lucien. „Dein Blutdruck …“

Noch eine Ohrfeige. Härter.

„Sag mir nicht, was ich zu tun habe.“

Die Tür knarrte erneut. Cassian.

„Vater.“ Cassians Stimme war ruhig, aber bestimmt. „Du hast in dreißig Minuten ein Treffen mit dem Southridge-Rat. Solltest du dich nicht vorbereiten?“

Gerard wandte sich seinem bevorzugten Sohn zu, und augenblicklich wurde sein Ausdruck weich. „Ah, Cassian. Mein goldener Junge. Du hast recht, wie immer.“

Cassian warf Lucien einen schnellen Blick zu. Ihre Augen trafen sich nur für eine Sekunde. Eine stumme Entschuldigung.

Gerard fegte aus dem Raum wie ein vorüberziehender Sturm und ließ kalte Luft hinter sich.

Als sie allein waren, durchquerte Cassian den Raum und berührte Luciens Wange sanft.

„Hat er dich wieder geschlagen?“

Lucien antwortete nicht.

Cassian seufzte. „Du solltest dich wehren, Lucien. Du bist nicht schwach.“

Lucien schüttelte den Kopf. „Du weißt, dass es alles nur schlimmer macht.“

Einen Moment lang standen sie schweigend da. Dann sagte Cassian: „Heute Abend gibt es eine Party. Eine große. Vater richtet sie aus, für die Familie Crescent.“

Lucien zog die Brauen zusammen. „Die Mafiafamilie?“

„Ja. Und … ich bringe jemanden mit.“

Lucien legte den Kopf schief. „Wen?“

„Sie heißt Selene Kingsley. Zayn Kingsleys Schwester.“

Lucien starrte ihn an. „Ist das sicher? Sie hierherzubringen?“

„Es war ihre Idee“, erwiderte Cassian. „Sie will die Familie kennenlernen.“

Lucien sagte nicht, was er dachte. Er wusste, wie mächtig die Kingsleys waren. Und er wusste auch, wie leichtsinnig Cassian sein konnte, wenn er glaubte, verliebt zu sein.

Cassian fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. „Hör zu … Ich weiß, dass es heute Abend schwer wird. Vater wird alles im Blick haben. Bleib einfach … unsichtbar.“

Lucien nickte.

„Und zieh etwas Anständiges an“, fügte Cassian hinzu. „Nicht diesen alten Pullover.“

Lucien lächelte schwach. „Ich versuch’s.“

Cassian sah ihn einen Moment länger an, dann sagte er: „Er hasst dich nicht wegen dem, was du bist, Lucien. Er hasst dich, weil er dich nicht versteht.“

Luciens Lächeln erlosch. „Ich verstehe mich ja nicht einmal selbst.“

Cassian griff in die Tasche und zog eine feine Silberkette hervor, an der ein winziger Stern hing. „Hier. Für Glück.“

Lucien zögerte, dann nahm er sie. „Danke.“

Als Cassian gegangen war, trat Lucien wieder ans Fenster. Draußen errichtete das Personal den großen Pavillon. Tische, in Weiß drapiert, Kristallgläser, die die Nachmittagssonne einfingen.

Eine Party für Menschen, die zählten.

Und er, der verborgene Sohn, der Geisterzwilling, würde ebenfalls dort sein.

Doch nicht, um gesehen zu werden.

Nur um den Kopf hinzuhalten, falls es nötig wurde.

Und etwas in seiner Brust flüsterte ihm zu, dass sich heute Nacht alles ändern würde.

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