Kapitel 6 Der Gefangene
Kapitel Sechs: Der Gefangene
Die Autofahrt verlief schweigend.
Lucien saß dem Mann gegenüber, dessen Namen er nur geflüstert gehört hatte — Zayn Kingsley. Dem Mann, der die halbe Stadt hinter schwarz getönten Fenstern und kugelsicherem Glas regierte. Und jetzt war er hier, in diesem Wagen, nur ein paar Fuß entfernt, und sagte nichts.
Zayn sah ihn nicht an. Kein einziges Mal.
Er lehnte sich in seinen Sitz zurück, die Beine übereinandergeschlagen, die Finger auf der Armlehne abgelegt, als dachte er an etwas unendlich Wichtigeres als an den Jungen vor ihm. Das einzige Geräusch war der Motor und gelegentlich das Klicken des Blinkers.
Lucien ließ die Hände auf den Knien, den Blick gesenkt.
Niemand hatte erklärt, was geschah. Niemand hatte ihm gesagt, warum man ihn wegschaffte. Aber er wusste es bereits. Sein Vater hatte die Entscheidung getroffen. Cassian war fort. Die Lüge war besiegelt.
Er war das Opfer. Der Wagen bog scharf auf eine Privatstraße ein. Bäume säumten beide Seiten, hoch und dicht, und sperrten den Rest der Welt aus. Der Weg führte zu einem hohen Tor mit Kameras, Wachen und Mauern, die eher an eine Festung als an ein Zuhause erinnerten. Das Tor öffnete sich. Der Konvoi fuhr hinein.
Sie passierten einen zweiten Kontrollpunkt, bevor sie in die lange, kreisförmige Auffahrt einbogen. Lucien erhaschte einen Blick auf das Anwesen — gewaltig, aus dunklem Stein, älter, als es wirkte, mit schwarzen Fensterläden und langen, schweren Vorhängen, die die Fenster verhängten. Ein Ort, der die Sonne nie hereinließ.
Der Wagen hielt.
Der Fahrer stieg zuerst aus. Dann öffnete sich die hintere Tür.
Lucien rührte sich nicht.
Zayn sah ihn endlich an. Kalt. Leer.
„Raus.“
Lucien gehorchte.
Er trat in die kalte Morgenluft, die Beine steif. Die Wachen umringten ihn, als wäre er gefährlich, als könnte er fliehen. Er tat es nicht.
Zayn sagte kein Wort mehr. Er ging voraus. Die Wachen stießen Lucien nach vorn.
Drinnen war das Herrenhaus schlimmer. Still. Zu sauber. Kein Lachen. Keine Wärme. Die einzigen Menschen, an denen sie vorbeikamen, waren Dienstmädchen, die den Kopf nicht hoben, und Sicherheitsleute, die kaum blinzelten.
Oben an der großen Treppe blieb Zayn stehen.
„Du wirst im Ostflügel untergebracht. Du gehst nicht raus, außer wenn man dich ruft. Du sprichst nicht, außer wenn man dich anspricht. Du fasst nichts an, was dir nicht gehört. Du redest nicht mit meiner Tochter. Du siehst meine Frauen nicht an.“
Lucien sagte nichts.
Zayn wandte sich an einen der Wächter. „Sperrt ihn in die alten Dienstbotenquartiere. Räumt alles aus dem Zimmer, was nicht nötig ist.“
Der Wächter nickte.
Zayn sah Lucien ein letztes Mal an.
„Du wirst dir wünschen, du wärst nie in dieses Auto gestiegen.“
Dann ging er.
Der Raum war klein. Staubig. Kalt.
Die Matratze auf dem Boden hatte kein Laken. Das einzige Fenster war vergittert. Kein Schreibtisch, kein Stuhl, kein Lichtschalter. Nur eine flackernde Birne an der Decke, die summte, als hasste sie es, am Leben zu sein.
Lucien stand in der Mitte des Zimmers, als die Tür hinter ihm zuschlug. Ein lautes Klicken folgte.
Abgeschlossen.
Schon wieder.
Seine Knie gaben nach. Langsam sank er zu Boden, den Rücken gegen die Wand gedrückt.
Er wollte weinen.
Aber die Tränen kamen nicht.
Er hatte genug geweint im Haus der Ainsworths. Als seine Mutter starb. Als sein Name ausgelöscht wurde. Als Geburtstage kamen und gingen, ohne dass jemand daran dachte, dass er überhaupt lebte. Als Cassian alles bekam und er nichts.
Sein Hals schmerzte.
Er zog die Beine an die Brust, schlang die Arme darum und legte die Stirn auf die Knie. Sein Körper zitterte, nicht vor Kälte, sondern vor Erschöpfung. Vor Angst. Vor einer Einsamkeit, so scharf, dass sie ihn von innen heraus durchbohrte.
Es gab keine Spiegel in dem Raum.
Aber er brauchte keinen, um zu wissen, wie er aussah. Blass. Dünn. Seine Lippen aufgesprungen. Seine Augen zu groß, zu leer. Zayns Stimme hallte ihm noch nach: „Er atmet, weil ich es erlaube.“
Lucien schloss die Augen.
Er war nicht in Sicherheit.
Er war nicht zu Hause.
Er wusste nicht, ob jemand kommen würde, um ihn zu retten.
Er wusste nicht einmal, ob er es wollte.
Unten hatten die Frauen sich ins Salonzimmer zurückgezogen. Die in Creme schenkte sich mit bedächtiger Anmut Tee ein.
„Zayn“, sagte sie, ohne sich umzudrehen, „du hast einen Fremden nach Hause gebracht.“
„Geht dich nichts an, Daisy.“
Daisy drehte sich nun um, ihr Lächeln straff. „Alles unter diesem Dach geht mich etwas an.“
Die andere Frau, im weinroten Kleid, trat vor. „Wer ist er?“
Zayn schenkte sich einen Drink ein und ignorierte beide.
„Bleibt er?“ fragte Daisy.
„Vorerst.“
„Er sah kaum lebendig aus.“
Zayns Blick zuckte nach oben. „Ihr haltet euch von ihm fern. Ihr beide.“
Daisy blinzelte. „Warum?“
„Weil ich es sage.“
Die andere Frau, sie hieß Vera, sprach wieder. „Wir folgen deinen Regeln seit Jahren. Strapaziere unsere Geduld nicht.“
Zayns Kiefer arbeitete. „Er ist nicht für eure Unterhaltung oder eure Politik hier. Fasst ihn nicht an. Redet nicht mit ihm.“
„Und wenn wir es tun?“ fragte Vera, die Augen verengt.
Zayn trank aus, stellte das Glas hart ab. „Probiert’s aus.“
Dann verließ er den Raum.
