Kapitel 7 Angst - Lily
Das Mädchen im Spiegel bin ich, und doch auch nicht.
Sie sieht aus wie Lily Sullivan, das Mädchen, das zu blass ist – nur ist sie jetzt kunstvoll geschminkt und wirkt, als gehöre sie in ein Gemälde, das in einem Museum hängt, damit jeder ihre Schönheit bewundern kann.
Die Leute waren schon immer von meiner Haarfarbe verzaubert. Nana hat immer gesagt, das liege daran, dass es die Farbe von Blut sei, ein tiefes Rot, das keine Farbe nachmachen könne.
Ich sehe aus wie sie.
Wie meine Mutter, die sechs Fuß unter der Erde liegt, weil sie es gewagt hat, mich zu bekommen.
Ich sollte gar nicht hier sein.
Und doch stehe ich hier, in dem elegantesten Brautkleid, das ich je gesehen habe, aus teurer weißer Seide, die sich um meinen Oberkörper schmiegt wie eine Umarmung und nach unten hin in einen Reifrock ausstellt, wie gemacht für eine Königin.
Das bin nicht ich.
Ich bin gern barfuß im Gras, mit Farbe auf meiner Latzhose, nicht in Stöckelschuhen vom Designer, die mich verflucht noch mal absolut perfekt aussehen lassen.
Heute lasse ich alles hinter mir, was ich je gekannt habe, und gehe den Weg, den meine Familie für mich vorgesehen hat. Eine Pflicht, für die ich geboren wurde.
Eine Pflicht, die ich mir nicht ausgesucht habe.
Meine Handflächen sind klamm, die Nerven drohen, mir Tränen in die Augen zu treiben.
Die Tür öffnet sich, und Nana schlurft mit ihrem Stock herein. „Bist du bereit? Wir müssen bald los, wenn wir pünktlich in der Kirche sein wollen.“
Sie bleibt neben mir stehen und betrachtet mein Gesicht im Spiegel. Ich spüre, wie meine Lippe zittert, während ich versuche, meine Gefühle zurückzuhalten.
„Sullivans weinen nicht“, sagt Nana hart. „Zumindest nicht vor anderen Leuten, hast du mich verstanden?“
Ich beiße mir auf die Lippen, die mit einem edlen rosafarbenen Gloss bemalt sind.
„Wir Frauen vor dir haben weitaus Schlimmeres ertragen.“ Nanas Miene wird ein wenig weicher. „Und ich habe den DiCassio-Jungen gesehen, er ist ausgesprochen gut aussehend, du solltest dankbar sein.“
Ich hätte nie gedacht, dass ich jemanden wählen würde, weil er ausgesprochen gut aussehend ist. Ich rede mir gern ein, dass mir Charakter mehr bedeutet als Aussehen.
„Ich habe Angst“, flüstere ich.
Was, wenn er grausam zu mir ist? Die meisten Männer in der Mafia sind grausam; sie haben keine andere Wahl, als brutal zu sein. Ich habe keinerlei Erfahrung im Leben. Ich mag stur sein, aber ich habe immer in einem geschützten, behüteten Leben gelebt.
Nana tritt vor mich und packt meinen Arm mit der freien Hand. „Hör mir gut zu, Mädchen, ich sage das nur ein einziges Mal.“
Ich bin größer als sie, in den Absätzen erst recht. Ich senke den Blick auf ihr Gesicht, das sonst immer streng wirkt, doch heute sehe ich Mitgefühl darin. Und, wage ich es zu sagen, Liebe.
„Dein Großvater hat immer gesagt, die Frauen der Sullivans seien aus dem Granit gemacht, auf dem die ganze Familie steht.“ Sie lächelt ein wenig. „Ich bin in diese Familie eingeheiratet, und auch ich musste zum Granit der Familie werden. Wenn es eine Explosion gibt, geht alles den Bach runter, und doch bleibt Granit. Er mag erschüttert und zerbrochen werden, aber er wird nicht völlig vernichtet. Heute wirst du dieser Granit, nicht nur für diese Familie, sondern für die Iren als Ganzes. Du lässt nicht zu, dass irgendetwas oder irgendjemand dich zerstört. Du trägst dich mit erhobenem Kopf, mit Stolz in deinen Schritten und mit Granit in deinem Herzen. Du verzauberst diesen Mann so, dass er keine andere Wahl hat, als dich anzubeten.“
Ich frage mich, wie ich das schaffen soll, wenn ich mit der männlichen Spezies noch nie gesprochen habe – außer mit ihm.
Nana streicht mit den Händen über meine nackten Schultern. „Und du musst dir nicht allzu viele Sorgen machen. Ein kleines Vögelchen hat mir gezwitschert, dass er das andere Mädchen abgelehnt hat, das man ihm anbieten wollte. Er will nur dich.“
Das bezweifle ich sehr. Es sei denn, er hat einen Fetisch für unerfahrene Mädchen, die viel jünger sind als er.
Es klopft, dann kommt Papa herein, in den Händen eine flache, schwarze Samtschatulle.
„Das wurde gerade geliefert.“ Er stellt die Schachtel ans Fußende meines Bettes, und wir alle drei schnappen nach Luft, als er sie öffnet.
Darin liegt ein exquisiter Satz aus Halskette und Ohrringen, die Diamanten vermutlich Millionen wert.
„Da ist eine Notiz.“ Papa reicht mir den kleinen Umschlag, und mit zitternden Händen ziehe ich den Zettel heraus.
Bellisimo,
betrachte das als dein Etwas-Geliehenes.
Ich freue mich darauf, dich zu heiraten.
Vincent
Wer um alles in der Welt würde jemandem, den er kaum kennt, so etwas Wunderschönes leihen?
„Was bedeutet bellisimo?“, frage ich.
„Allerschönste.“ Nana antwortet mit einem wissenden Grinsen.
Bin ich wirklich das, was er will? Es erscheint mir reichlich absurd, dass ein achtundzwanzigjähriger Mann Interesse an einer Neunzehnjährigen zeigt, die nichts von der Welt weiß, außer dem, was sie in den sozialen Medien sieht.
Ich weiß nicht einmal, wo ich anfangen soll, um ihn zu verzaubern, wie Nana es gesagt hat.
Die Diamanten liegen schwer an meiner Kehle und an meinen Ohren, und ich bemühe mich, auf dem Weg zur Kirche nicht daran herumzufummeln.
Als wir vor der majestätischen Kathedrale halten, warten draußen bereits Fotografen, um einen Blick auf die irische Mafia-Prinzessin zu erhaschen, die den italienischen Mafia-Prinzen heiratet.
Nana dreht sich zu mir und senkt den klassischen Schleier über mein Gesicht. „Denk an das, was ich gesagt habe: Granit für deine Familie, und Granit in deinem Herzen.“
Als Papa mir aus dem Wagen hilft und alle nur versuchen, ein Foto von mir zu bekommen, weiß ich, dass das gesichtslose Leben, das ich geführt habe, vorbei ist.
Und als Papa meine Hand in die Beuge seines Arms legt und die Fotografen mir zurufen, ich solle zu ihnen schauen, bete ich Nanas Worte in meinem Kopf herunter.
Granit für meine Familie.
Granit in meinem Herzen.
