Kapitel 6 Ihre Verbindungen zur Familie Neville sind unterbrochen

Der Atem des Hundes, heiß und metallisch, nach Blut stinkend, strich ihr übers Gesicht.

Caroline rollte sich in die Ecke, die Arme verzweifelt wie ein Schild um sich geschlossen. Ihre Stimme brach zu einem Flüstern. „Bitte … nicht … bitte …“

Hunde verstanden kein Flehen. Sie verstanden nur Bewegung. Sie verstanden Beute.

Ein Schatten schnellte vor.

Caroline schrie und riss die Arme über den Kopf. Das Gewicht krachte in sie hinein, schleuderte sie hart zu Boden. Ihr Schädel schlug mit einem scharfen Knacken auf den Beton, weiße Funken explodierten hinter ihren Augen.

Dann kam der Schmerz, scharf und reißend an ihrem Unterarm. Zähne bohrten sich ins Fleisch. Warmes Blut quoll schnell hervor.

„Ah!“ Ihr Schrei war roh, aus ihrer Kehle gerissen.

Sie trat wild um sich, die Finger krallten sich in Fell, doch Menschenkraft war nichts gegen ein abgerichtetes Tier. Ein weiterer Hund schnappte sich ihr Hosenbein, riss, zerrte, verdrehte, versuchte sie auseinanderzureißen. Ein dritter umkreiste sie, die Augen fest und gierig.

Der Schmerz war elektrisch, brannte sich den Arm hinauf, doch noch schlimmer war die Hilflosigkeit. Sie war festgenagelt, gefangen wie ein Insekt unter Glas, das darauf wartete, dass die Sektion begann.

Warum weiterleben? Der Gedanke schnitt wie eine Klinge durch das Chaos.

Wenn sie hier starb — von Hunden zerfetzt — würde das Leiden dann endlich enden?

Sie murmelte: „Edith … würdest du mich dich finden lassen? Würdest du mich jetzt zu dir kommen lassen?“

Ihr Körper wurde schlaff. Sie hörte auf zu kämpfen. Die Arme fielen ihr an die Seiten, die Augen schlossen sich, sie ergab sich dem Ende.

Doch die Hunde hielten inne.

Sie wichen zurück, kreisten um sie. Ihr Training sagte ihnen, was der Unterschied war zwischen Widerstand und Ergebung. Das … stand nicht in ihren Befehlen.

Caroline lag auf dem kalten Boden und rang nach Luft.

Die Zeit verschwamm. Blutverlust und die Kälte des Kellers zogen sie in Richtung Bewusstlosigkeit. Bilder flackerten in ihrem Kopf — Bruchstücke, halb erinnert.

Eine nasse Gasse. Der junge Alexander am Boden, Blut, das ihm von der Stirn sickerte. Ältere Jungs, die auf ihn eintraten, Fäuste, die niederkrachten. Sie hatte sich hinter einem Müllcontainer versteckt, zitternd, doch ihn leiden zu sehen, rührte etwas Wildes in ihr auf. Sie griff nach einem Stein, warf ihn.

„Polizei!“, schrie sie.

Die Jungs stoben auseinander.

Sie rannte zu ihm, ließ sich auf die Knie fallen. Seine Augen gingen auf, benommen und ohne Fokus. Ungeschickt drückte sie ein Gänseblümchen-Taschentuch auf seine Wunde. „Hab keine Angst … ich … ich hol meinen Dad …“

Ihr Vater kam, trug Alexander ins Krankenhaus. Später nahm Alexanders Familie ihn mit nach Hause. Er hatte sich noch einmal umgedreht, etwas gesagt, das sie nicht mehr genau wusste.

Die Erinnerung zerbrach.

Caroline blinzelte heftig, Tränen mischten sich mit Staub und Blut.

Es musste eine Halluzination sein. Sie konnte Alexander nicht gerettet haben. Wenn er sich erinnerte – wie konnte er sie dann so behandeln?

Schritte hallten jenseits der Eisentür. Dann das Geräusch eines sich drehenden Schlosses.

Ihr Körper spannte sich an. Die Hunde stellten die Ohren in Richtung Tür.

Licht stach in den Raum, als die Tür aufschwang. In der Öffnung stand die Silhouette einer eleganten Frau – Isabella.

Sie drückte sich ein Taschentuch vor die Nase, während ihr Blick den verdreckten Keller mit unverhohlener Abscheu abtastete. Dann blieb er an Caroline hängen, die zusammengerollt auf dem Boden lag, blutbefleckt und zerbrochen.

„Raus“, sagte Isabella zu dem Bodyguard, der sie hergebracht hatte.

Der Mann zögerte und warf einen Blick hinter sie.

Im Schatten lehnte Alexander an der Wand, die Hände in den Taschen, der Ausdruck unlesbar. Er gab ein kaum merkliches Nicken.

Der Bodyguard ging.

Die Hunde sahen Alexander und trabten zu ihm, die Schwänze wedelnd, und ließen sich gehorsam zu seinen Füßen nieder.

Erst dann trat Isabella vor, blieb jedoch mehrere Schritte entfernt stehen, nicht bereit, näher zu kommen.

„Sieh dich nur an“, sagte sie, ihre Stimme triefte vor Verachtung. „Du beschmutzt die Familie Neville.“

Caroline versuchte, sich aufzurichten, doch ihr verletzter Arm weigerte sich, das Gewicht zu tragen. Sie scheiterte, sank zurück und starrte zu Isabella hinauf.

„Mom …“ Ihre Stimme brach, erneut liefen ihr Tränen über die Wangen. Sie wusste nicht, ob es der Schmerz war, die Demütigung oder die Verzweiflung.

„Nenn mich nicht so.“ Isabellas Ton war Eis. „Seit dem Tag, an dem du Edith getötet hast, bist du nicht mehr meine Tochter.“

Sie hatte diese Worte unzählige Male gehört. Und doch war jede Wiederholung ein frisches Messer, das in dieselbe Wunde schnitt.

Caroline schloss die Augen und ließ die Tränen fallen.

„Ich bin nicht hier, um dich zu bemitleiden“, sagte Isabella und zog ein Dokument und einen Stift aus ihrer makellosen Handtasche. Sie beugte sich hinab und legte beides neben Caroline auf den Boden.

„Unterschreib.“

Caroline öffnete die Augen und las die Überschrift. Eine Verzichtserklärung auf das Erbe.

„Was … ist das?“ Ihre Stimme war kaum hörbar.

„Dein Vater überarbeitet sein Testament“, sagte Isabella, richtete sich auf und ragte über ihr auf. „Dein Anteil geht vollständig an Celeste. Unterschreib, und du hast mit der Familie Neville nichts mehr zu tun.“

Caroline stockte der Atem. Ihr Blick glitt von Isabella zu Alexander im Schatten. Er blieb reglos, abgekoppelt, als ginge ihn das alles nichts an.

„Warum? Dad …“

„Du wagst es, von deinem Vater zu sprechen?“ Isabellas Stimme schärfte sich zu einer Klinge. „Weißt du, wie er diese letzten fünf Jahre gelebt hat? Jeden Tag starrt er mit Tränen in den Augen auf Ediths Foto, sein Haar wird weiß. Er kann ihr Grab nicht besuchen, weil es ihn daran erinnert, dass du sie getötet hast.“

„Ich habe nicht …“, versuchte Caroline schwach zu widersprechen.

„Du hast es nicht?“ Isabella ging in die Hocke und packte sie am Kragen. „Du bist an dem Tag weggelaufen, nicht wahr? Edith ist zu den Docks gegangen, um dich zu suchen, stimmt’s? Du bist lebend zurückgekommen, aber meine süße, gütige Edith kam als Leiche zurück.“

Jede Frage war ein Schlag, schwerer als Wintereis, das von einem Dach stürzt.

„Ich träume jede Nacht“, Isabellas Stimme zitterte nun, Tränen liefen ihr über die Wangen, „von Edith, über und über mit Blut bedeckt, wie sie mich fragt: ‚Mama, warum hat Caroline mich nicht gerettet? Warum ist nicht sie gestorben?‘“

Sie schluckte hart. „Caroline, ich frage mich dasselbe. Warum nicht du? Warum hast du überlebt, nur um uns weiter weh zu tun?“

Caroline zerbrach. Ihr Mund öffnete sich, doch kein Laut kam heraus. Tränen strömten unaufhaltsam.

Isabellas Worte waren das Echo ihrer eigenen Qual, die Frage, die sie sich seit fünf Jahren stellte.

„Unterschreib.“ Isabella ließ sie los und deutete auf die Papiere.

Caroline nahm mit zitternder linker Hand den Stift. Er fühlte sich unmöglich schwer an.

Der schwarze Druck des Dokuments buchstabierte ihre Kapitulation aus, den Verzicht auf sämtliche Rechte an Neville-Familienbesitz, Anteilen, Treuhandvermögen. Ihre Hand bebte so heftig, dass die Spitze zuerst wirre Kratzer zog, ehe sie den ersten Buchstaben zustande brachte: C.

Jeder Strich war Qual, als würde sie sich in das eigene Fleisch ritzen. Aber sie hörte nicht auf.

Das war es, was Isabella wollte. Vielleicht auch ihr Vater.

Sie hatte hier keinen Platz. Das Erbe war nie für eine Sünderin bestimmt gewesen.

Als sie fertig war, glitt ihr der Stift aus den Fingern. Isabella riss die Papiere an sich, überprüfte die Unterschrift und schob sie in ihre Tasche.

Ohne Caroline auch nur eines Blickes zu würdigen, drehte sie sich um und ging. An der Tür hielt sie inne, doch sie sah nicht zurück.

„Komm nicht wieder. In der Neville-Familie ist kein Platz für dich.“

Die Tür fiel ins Schloss. Absätze klackten davon, bis nur noch Stille blieb.

Alexander blieb einen Moment länger im Schatten, dann pfiff er. Die Hunde erhoben sich und folgten ihm hinaus.

Caroline lag reglos da. Der Schmerz in ihrem Arm und die Wunden an ihrem Körper waren nichts im Vergleich zu der Leere in ihr. Sie war zu groß, zu kalt, verschlang den letzten Rest Wärme.

Von ihr war nichts mehr übrig. Selbst das letzte juristische Band zu ihrer Familie war gekappt.

Sie wusste nicht, wie lange sie dort gelegen hatte, bis das Licht am Lüftungsschacht vom Mondlicht zum Morgen kippte.

Endlich bewegte sie sich, schleppte sich hoch. Ihr Körper schmerzte, als hätte man jeden Knochen auseinandergehebelt.

Sie riss einen Streifen aus dem Innenfutter, verband ihren Arm unbeholfen und nutzte dann die Wand, um auf die Beine zu kommen.

Sie musste weg.

Sie hatte heute eine Patientin — ein Mädchen im Teenageralter mit schwerer Depression. Sie hatte versprochen, da zu sein.

Es war einer der wenigen Momente, in denen sie sich noch gebraucht fühlte.

Sie taumelte zur Tür und klopfte so lange, bis sie geöffnet wurde. Ein Dienstmädchen sah sie ausdruckslos an.

„Ich muss in die Klinik“, krächzte Caroline.

Der Blick des Mädchens blieb einen Moment an ihr hängen, dann ging sie. Zehn Minuten später kam sie zurück und schloss die Tür auf. Alexander musste zugestimmt haben.

Zurück im Apartment war er verschwunden. Doch Celestes Parfüm hing noch schwach in der Luft. Caroline wusste, dass sie die Nacht miteinander verbracht hatten – und erst vor Kurzem gegangen waren.

In ihren Augen erlosch etwas. Sie ging nach oben und zog die zerrissenen, blutbefleckten Sachen aus.

Der Spiegel zeigte ein eingefallenes Gesicht, fahle Haut, tiefe Schatten unter den Augen. Ihr Arm war mit einem schmutzigen Verband umwickelt, Blut sickerte hindurch.

Sie wusch sich hastig, zog saubere Kleidung an, verbarg die Wunde unter langen Ärmeln, legte Make-up auf, um die Blässe zu kaschieren – doch es half kaum.

Als sie die Klinik erreichte, war sie dreißig Minuten zu spät. Linas Augen wurden groß.

„Dr. Neville … Sie sehen … geht es Ihnen gut?“

„Mir geht’s gut. Ich habe nur schlecht geschlafen“, sagte Caroline und zwang sich zu einem Lächeln, während sie in ihr Büro ging. „Ist die Patientin von heute schon da?“

„Sie wartet“, sagte Lina, die Sorge stand ihr in den Augen.

Drinnen saß die sechzehnjährige Hannah und klammerte sich an ein Stofftier. Sie blickte auf. „Doktor … Sie sehen müde aus.“

„Mir geht’s gut“, sagte Caroline und setzte sich ihr gegenüber, die Stimme fest. „Fangen wir an. Wie war deine Woche?“

Hannah begann zu sprechen, doch Carolines Konzentration schwankte. Seit dem Morgen schmerzte ihr Magen. Jetzt zog sich der Schmerz enger zusammen, wie eine Hand, die ihr Innerstes auswrang. Schweiß trat ihr an der Schläfe hervor. Ihr Blickfeld verdunkelte sich, der Arm pochte.

Sie ballte die Fäuste und zwang sich, bei der Sache zu bleiben.

„… und dann habe ich mich wieder geschnitten“, sagte Hannah und zog den Ärmel hoch, um Narben zu zeigen, alte und neue. „Es lässt mich … mich besser fühlen.“

Caroline zog sich das Herz zusammen. In diesen Linien sah sie ihre eigenen, versteckten Narben.

Sie holte Luft und verankerte sich. „Hannah, hör zu. Dir wehzutun ist nicht die Antwort. Schmerz kann dich für einen Moment ablenken, aber er nimmt dir nicht weg, was in dir ist. Wir müssen ein anderes Ventil finden …“

Sie sprach über kognitiv-verhaltenstherapeutische Techniken, über Tagebuchschreiben, Zeichnen, darüber, Eiswürfel in der Hand zu halten, wenn der Drang kam. Doch jedes Wort zehrte an ihr. Der Schmerz wurde schärfer, zog sie nach unten.

„Doktor … sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht?“ fragte Hannah, Angst in der Stimme. „Ihre Lippen sind ganz weiß.“

„Ich … mir geht’s gut …“ Caroline versuchte zu lächeln, doch als sich ihre Lippen bewegten, explodierte ein heftiger Krampf in ihrem Magen und riss durch ihren Körper.

Sie beugte sich nach vorn, die Hände um den Bauch gekrallt. Dunkelheit verschluckte ihr Sichtfeld. Das Dröhnen in ihren Ohren übertönte Hannahs Stimme.

„Doktor! Lina! Hilfe!“

Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel