Kapitel 9 Eindringling im Haus der Liebe
Caroline hob den Kopf langsam, ihre Augen waren glasig, als suchten sie Alexanders Gesicht ab.
„Raus“, wiederholte er, die Stimme aller Wärme beraubt.
Sie stritt nicht und entschuldigte sich nie. Ohne ein Wort stieß sie die Tür auf und trat hinaus, unbeholfen, fast wie eine Maschine.
Die schwarze Limousine wartete nicht. Sie setzte sich in einer einzigen, fließenden Bewegung in Gang, wurde von dem dunklen Straßenband verschluckt, bis ihre Rücklichter verschwanden.
Irgendwann hatte der Regen eingesetzt. Jetzt prasselte er heftiger, schwere Vorhänge, die auf den Asphalt schlugen und sie in Sekunden durchnässten. Die Kälte biss ihr in die Haut, und ihr Haar klebte ihr in tropfenden Strähnen im Gesicht.
Sie stand mitten auf dem Gehweg und starrte ausdruckslos auf die Stadt um sich herum.
Grandhavens Nacht lebte – volle Straßen, glühende Schilder, erleuchtete Fenster –, doch keines dieser Lichter gehörte ihr.
Wohin sollte sie gehen?
In Alexanders Penthouse? Das war kein Zuhause. Es war ein vergoldeter Käfig, geschniegelt und erstickend.
In die Klinik? Lina wäre längst nach Hause gegangen.
In die Neville-Villa? Diese Tür hatte sich vor Tagen für sie geschlossen, mit endgültigem Klicken verriegelt.
So groß und prachtvoll Grandhaven auch war – es gab keinen Platz für sie.
Nach einem langen Moment setzte sie sich in Bewegung, in Richtung der Wohnung. Ihre Schritte waren langsam, mechanisch, als bewege sich ihr Körper ohne die Zustimmung ihres Verstandes.
Die Kälte kroch ihr bis in die Knochen. Ihre Zähne klapperten unkontrollierbar. Regenwasser lief über ihren verletzten Arm, betäubte den Schmerz, bis nur noch ein dumpfes Pochen blieb. Ihr Kopf drehte sich, ihr Magen zog sich in heftigen Krämpfen zusammen.
Bilder blitzten immer wieder in ihrem Kopf auf – Blut, das sich auf Beton sammelte, das ohrenbetäubende Dröhnen von Schüssen, der Gestank von Rauch und Eisen. Das Lagerhaus. Der Dock vor fünf Jahren. Ediths Körper, der zusammensackte. Alexanders Stimme, die durch das Chaos schnitt: „Sieh hin. Merk dir dieses Gefühl. Das schuldest du ihr.“
Ja. Sie schuldete Edith etwas.
Sie schuldete ihr ein Leben. Sie schuldete ihr Glück. Sie schuldete ihr eine Familie, die nie wieder ganz sein würde.
Also verdiente sie das. Sie verdiente die Demütigung, den Schmerz, den kalten Regen, der sie durchnässte wie einen streunenden Hund, den man von jeder Türschelle jagte.
Sie wusste nicht, wie weit sie gegangen war, als ihre Beine nachgaben. Ihre Schritte stockten, ihre Sicht verdunkelte sich in Wellen. Als sie um eine Ecke bog, knickten ihre Knie ein, und sie schlug hart auf dem nassen Pflaster auf.
Schmerz schoss durch ihre Knie, scharf genug, um sie für einen Moment zurückzuholen. Sie versuchte aufzustehen, doch ihre Kraft war fort. Ihr Körper zitterte heftig, und jeder Versuch endete damit, dass sie wieder zusammensackte.
Schließlich blieb sie liegen und starrte hinauf in einen Nachthimmel, so tief, dass er endlos wirkte. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht, füllte ihr den Mund mit dem Geschmack von kaltem Wasser und Sand.
Vielleicht wäre es gar nicht so schlimm, hier zu sterben.
Der Gedanke kam wieder, verführerisch in seinem Versprechen von Erlösung. Sie schloss die Augen, ergab sich der Kälte, ließ ihr Bewusstsein davontreiben.
Im Dunst war sie woanders – Jahre zuvor, im Garten der Familie Neville, unter einer Sonne, so hell, dass sie die Luft vergoldete.
Blauregen hing schwer vor Blüten. Edith, noch ein Kind, trug ein weißes Kleid mit Puffärmeln, zart wie eine Puppe, und rannte über den Rasen einem Schmetterling hinterher.
„Caroline! Schau! Er ist so hübsch!“ Edith lachte und winkte sie heran.
Caroline lief zu ihr, sah zu, wie der Schmetterling sich auf eine Rose setzte. Edith streckte vorsichtig die Hand aus, und zu ihrer Freude ließ er sich auf ihrer Fingerspitze nieder.
„Caroline, siehst du? Er mag mich!“ Ihre Augen funkelten.
„Das liegt daran, dass du die süßeste Prinzessin der Welt bist. Sogar Schmetterlinge lieben dich“, hörte Caroline sich sagen, warm in der Stimme.
„Dann bist du auch eine Prinzessin“, erwiderte Edith ernst. „Und wir werden für immer zusammen sein. Die besten Schwestern fürs Leben.“
Caroline lächelte, fast bis ihr die Tränen kamen.
Doch die Szene zerbrach.
Edith rannte wieder auf sie zu, doch diesmal blühte das weiße Kleid in der Dunkelheit rot auf, wie eine Blume, die ein Sturm zerfetzt. Warmes Blut spritzte über Carolines Haut.
„Caroline … lauf …“ Ediths Stimme war kaum mehr als ein Hauch.
„Nein! Edith! Nein!“ Caroline schrie, hielt sie fest umklammert, während ihr Körper schlaff wurde.
„Versprich mir … leb gut … pass auf Alexander auf … und auf Mom und Dad …“
Ediths Blick verlor den Halt, doch ihre Lippen versuchten, sich zu einem Lächeln zu formen.
„Caroline … es tut mir leid … ich kann nicht bleiben …“
„Edith! Edith!“ Caroline schluchzte, rüttelte an dem Körper, der schon kalt zu werden begann.
„Warum warst nicht du es?“ Eine Stimme, giftig und anklagend, schnitt durch die Luft.
Caroline hob den Kopf. Edith stand vor ihr, triefend vor Blut, die Augen hohl, auf sie geheftet.
„Caroline … warum warst nicht du es? Mir ist so kalt … es tut so weh … gib mir mein Leben zurück …“
„Nein … Edith … ich war’s nicht …“ Caroline wich zurück, Entsetzen krallte sich ihr an die Kehle.
„Doch. Du warst es. Du hast mich zu den Docks gebracht. Du bist von zu Hause weggelaufen. Du hast mich umgebracht. Du. Du.“
Edith trat näher, ihre blutigen Hände griffen nach Carolines Hals.
„Ah!“ Carolines Augen rissen auf. Sie starrte an eine Decke, die sie nicht wiedererkannte, im matten Schimmer einer Lampe gebadet.
Eine Decke lag über ihr. Ihr durchnässtes Kleid war verschwunden, ersetzt durch trockene Sachen. Die Wunde an ihrem Arm war sauber verbunden.
Sie lebte.
„Dr. Neville! Sie sind wach!“ Linas Stimme brach, Tränen liefen über, als sie zum Bett hastete. „Gott sei Dank … Sie haben mich halb zu Tode erschreckt.“
Caroline blinzelte sie an, unsicher, wo der Traum endete und die Wirklichkeit begann.
„Wie … wie bin ich hier?“
„Ich hab Sie auf der Straße gefunden!“ Linas Stimme zitterte. „Ich hab ständig Ihr Handy angerufen, aber Sie sind nicht drangegangen. In der Klinik war niemand. Ich dachte, ich schau bei Ihnen in der Wohnung vorbei, aber unterwegs … hab ich Sie im Regen liegen sehen.“
Ihre Stimme brach erneut. „Was ist passiert? Warum haben Sie eine Schusswunde? Mr. Hamilton—“
„Frag nicht, Lina.“ Caroline schloss die Augen, die Erschöpfung drückte sie nieder. „Danke … dass du mich gerettet hast.“
Lina schluckte ihre Fragen hinunter. Sie half Caroline, sich aufzusetzen, reichte ihr Wasser und brachte ihr etwas zu essen.
Caroline schaffte nur ein paar Bissen, dann wehrte sich ihr Magen gegen den Rest. Ihre Haut glühte vor Fieber, ihr Kopf war schwer, und ihre Gedanken trieben hin und her, tauchten weg und kamen wieder.
Die Nacht zog sich endlos. Schlaf kam nicht. Fieber und Erinnerungen krallten sich in sie, bis zum Morgen, als die Hitze endlich nachließ.
Sie bestand darauf, zurück in die Wohnung zu gehen.
„Sie können nicht zurück! Mr. Hamilton—“ Linas Stimme stieg panisch an.
„Ich muss.“ Caroline schüttelte schwach den Kopf. „Das ist mein Zuhause. Mein Mann ist dort. Ich habe Edith versprochen, dass ich lebe … und dass ich mich um ihn kümmere.“
Die letzten Worte waren kaum hörbar.
Kümmern? Sie konnte kaum für sich selbst sorgen, geschweige denn für einen Mann, der sie hasste.
„Für ein Versprechen würden Sie sich den Rest Ihres Lebens von Mr. Hamilton zerstören lassen? Das ist es nicht wert!“ Linas Augen füllten sich wieder.
Wert?
Caroline hatte seit langer Zeit nicht mehr darüber nachgedacht, was etwas wert war. Vielleicht hatte es nie eine Rolle gespielt.
„Vielleicht nicht, Lina“, sagte sie mit einem schwachen Lächeln. „Aber ich schulde es Edith. Ich habe keine Wahl.“
Lina sagte nichts mehr. Sie half Caroline in saubere Kleidung, wickelte sie in einen Mantel. Sie bot an, sie zu fahren, doch Caroline lehnte ab.
„Lass mich allein gehen. Danke, Lina. Wirklich.“ Caroline umarmte sie, die einzige Person, die sich noch um sie scherte, dann drehte sie sich um und ging.
Als sie das Wohnhaus erreichte, blieb sie draußen stehen und blickte hinauf zu dem Turm, der den Himmel zu zerkratzen schien.
Das Nachmittagslicht war klar, scharf, spiegelte sich in blendenden Blitzen in der Glasfassade. Nichts davon berührte sie.
Sie legte den Finger auf den Scanner, trat in den Aufzug.
Als die Zahlen stiegen, sank ihr das Herz.
Die Türen öffneten sich in der obersten Etage.
Sie trat hinaus – und erstarrte.
Dort, im Eingangsbereich, stand ein Paar zarte, rosafarbene High Heels.
