Kapitel 5: Monster

Das Treffen war zwanglos, im Grunde eine Dinnerparty, bei der belanglose Dinge besprochen wurden – Lieferungen, Zahlungen und Neuigkeiten über die Geschäfte der Valentes. Catherine schaltete anfangs ab, ihr Kopf raste bei dem Gedanken an mögliche Fluchtpläne. Doch ihre Aufmerksamkeit kehrte schlagartig zurück, als sie einen bekannten Namen hörte.

„Cesare Santoro“, sagte einer der Männer mit einem Hauch von Verachtung in der Stimme. „Er hat seine Operationen in der East Side verstärkt. Mehr Männer, strengere Sicherheitsvorkehrungen.“

Kieran lehnte sich in seinem Stuhl zurück, die Fingerspitzen aneinandergelegt, während er zuhörte. „Erwartet“, sagte er. „Aber nicht genug, um das aufzuhalten, was kommt.“

Ein anderer Mann warf ein: „Unsere Kontakte in den Reihen der Santoros sagen, ihre Loyalität schwankt. Cesares Söhne machen zwar Druck, aber es gibt Spaltungen, einer von ihnen ist ja jetzt sowieso tot. Das können wir ausnutzen.“

Catherines Herz zog sich zusammen. Antonio, Alex und Julian, ihre Brüder. Sie waren Kämpfer, loyal zu ihrem Vater … Trotz ihrer Probleme hatten sie sie immer beschützt. Jetzt war Alex tot, und die Vorstellung von Rissen in der Verteidigung ihrer Familie ließ sie frösteln.

„Und die Lieferung?“, fragte Kieran.

„Alles nach Plan. Wir schlagen morgen Nacht zu.“

„Gut“, sagte Kieran, sein Tonfall kalt und berechnend. „Lasst sie denken, sie wären in Sicherheit. Wir werden sie Stück für Stück ausbluten lassen, sie werden abgelenkt sein, während sie versuchen, die Prinzessin zu retten. Wenn Cesare merkt, was geschieht, wird es zu spät sein.“

Catherine konnte den Keucher, der ihren Lippen entfuhr, nicht unterdrücken. Die Blicke der Männer schnellten zu ihr, und Kierans Grinsen kehrte zurück, als er seinen Blick auf sie richtete.

„Ein Problem, Miss Santoro?“, fragte er mit gespielter Besorgnis in der Stimme.

„Du hast meinen Bruder getötet“, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen, ihre Stimme zitterte vor unterdrückter Wut. „Du bist ein verdammtes Monster …“

Kierans Grinsen wurde breiter. Er beugte sich näher, seine Stimme ein leises Flüstern, das nur für sie bestimmt war. „Du hast ja keine Ahnung, Liebling.“


Fünf Jahre zuvor …

Catherine spazierte am Rande des Gartens entlang, ihre Absätze knirschten leise auf dem Kiesweg. Das ferne Summen von Gelächter und Gesprächen aus dem Haus erinnerte sie an die Party, der sie gerade entkommen war. Sie hatte heute Abend keine Geduld für die Geschäftspartner ihres Vaters, ihr falsches Lächeln und ihre kaum verhohlenen Drohungen oder die Last der Erwartungen, die immer auf ihrer Brust zu lasten schien. Sie alle sahen sie an wie abgerichtete Jagdhunde, die über einem Stück Fleisch sabberten, von dem sie wussten, dass sie es nicht fressen durften, es aber sofort verschlingen würden, wenn ihr Herrchen nur für eine Sekunde wegsah.

„Du solltest nicht allein umherwandern, Catherine“, sagte Kieran, seine tiefe Stimme durchbrach ihren Schleier aus Gedanken.

Sie blieb abrupt stehen und legte eine Hand auf seine Brust, um sich abzustützen. Sein Körper war warm und fest unter ihrer Berührung, und ihre Wangen röteten sich. Kieran war wie üblich nicht für die Party gekleidet. Die Ärmel seines schwarzen Hemdes waren hochgekrempelt und gaben den Blick auf die Tätowierungen frei, die sich über seine Unterarme schlängelten, und seine Augen – scharf und haselnussbraun – trafen ihre mit stiller Intensität.

„Kieran“, sagte sie mit melodischer, verspielter Stimme. „Du schleichst dich immer an mich heran.“

Er zog eine Augenbraue hoch, sein Blick wanderte zu der Hand, die immer noch auf seiner Brust lag. „Und du hast getrunken.“

Catherine lachte leise, ein spitzbübisches Lächeln spielte auf ihren Lippen. „Vielleicht ein bisschen.“ Sie ließ ihre Hand sinken und trat einen Schritt zurück, ihre Augen funkelten. „Sag es nicht meinem Vater. Er wäre stinksauer.“

Kierans Miene veränderte sich, eine Mischung aus Sorge und Belustigung. Er trat näher, seine Präsenz war gebieterisch, während er sie musterte. „Ich kann es an deinem Atem riechen“, sagte er mit leiser Stimme. „Was hast du dir dabei gedacht?“

„Ich dachte mir, ich müsste hier weg“, sagte sie achselzuckend. „Du hast die Leute da drinnen gesehen. Es ist erstickend da drin, all diese alten Anzugträger-Gangster, die meinem Vater in den Arsch kriechen.“ Sie schwankte leicht, als sie zum Haus deutete. „Es ist immer so langweilig. Also dachte ich … warum es nicht ein bisschen lustiger machen?“

Kieran seufzte, sein Blick wurde weicher. „Du wirst Ärger bekommen, Catherine.“

„Warum?“, fragte sie und verschränkte die Arme. „Du bist doch hier, oder nicht? Ist es nicht dein Job, dafür zu sorgen, dass ich keinen Ärger bekomme?“

Etwas zuckte in seinen Augen – vielleicht Ärger oder etwas Sanfteres, das sie nicht deuten konnte.

„Ach, komm schon“, neckte sie ihn und trat näher. „Sei nicht immer so ernst.“ Sie legte den Kopf schief, und ihr Lächeln wurde kokett. „Du darfst auch Spaß haben, weißt du.“

Kierans Kiefer spannte sich an, als ihr Duft – Whiskey und Jasmin – ihn umhüllte. Er ergriff sanft ihr Handgelenk, als sie nach dem Revers seines Hemdes greifen wollte. „Du bist betrunken“, sagte er bestimmt, obwohl seine Stimme einen Hauch von Belustigung verriet.

„Ich bin nicht betrunken“, protestierte sie, doch ihr Lachen verriet sie. „Ich bin nur … glücklich. Entspannt. Das solltest du auch mal versuchen.“

Kieran zögerte, sein Blick wurde weicher, und für einen Moment dachte Catherine, er würde die Hand ausstrecken und sie berühren. Stattdessen ballte er die Fäuste an seinen Seiten.

„Catherine“, sagte er, und ihr Name klang wie eine Warnung auf seinen Lippen.

„Warum tust du das?“, drängte sie mit leiser, aber beharrlicher Stimme. „Du siehst mich an, als … als wäre ich etwas, das du willst, aber nicht haben kannst.“

„Weil du genau das bist“, sagte er schroff, und seine Stimme schnitt wie eine Klinge durch die Spannung.

Ihr stockte der Atem.

Langsam, beinahe zögerlich, hob er die Hand und strich ihr eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine Berührung war sanft, ein krasser Gegensatz zu dem Mann, der er sein musste, um für ihren Vater zu arbeiten.

Für einen Augenblick rührte sich keiner von beiden. Catherines Atem ging stoßweise, als ihr Blick auf seine Lippen fiel, und sie hätte schwören können, dass er sich vorbeugte – nur ein kleines bisschen. Doch dann, als würde er sich ertappen, wich Kieran zurück, und sein Gesichtsausdruck verhärtete sich.

„Du solltest wieder reingehen“, sagte er und trat einen Schritt von ihr weg. Seine Stimme war wieder kalt, distanziert. „Es wird kalt hier draußen. Und dein Vater wird bemerken, dass du fehlst.“

Ihre Brust zog sich zusammen, aber sie nickte und schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. „Okay“, sagte sie leise und wandte sich zum Gehen.


Das Treffen war mit einer stillen, aber unbestreitbaren Demonstration von Kierans Dominanz zu Ende gegangen. Seine Männer zerstreuten sich und verließen mit steifen Nicken die große Halle, während das Echo ihrer Schritte im weitläufigen Anwesen verhallte. Catherine stand reglos neben Kieran, und alles, was diese Situation in ihr auslöste, ließ ihre Haut kribbeln.

Catherine hatte über fünf Jahre lang geglaubt, Kieran sei tot. Sie hatte um ihn getrauert, um den Verlust ihrer ersten Liebe, ihres ersten Liebhabers … Sie war am Boden zerstört gewesen, hatte sich die Schuld gegeben, hatte gekämpft, um weiterzumachen, und tief im Inneren war ihr das nie wirklich gelungen. Und plötzlich war Kieran von den Toten auferstanden … Aber er war nicht mehr der Kieran von damals, der alles getan hätte, um sie zu beschützen, der sie geliebt und mit ihr aus dieser Welt der Gewalt hatte entfliehen wollen. Der Kieran, den sie kannte, war durch diese kalte, rücksichtslose Version ersetzt worden. Er war jetzt das Oberhaupt der Valentes. Wie hatte er das geschafft? Vor fünf Jahren war er nichts weiter als ihr Leibwächter gewesen, und jetzt befehligte er die einzige Familie, die mächtig genug war, es mit ihrem Vater aufzunehmen …

„Bring sie zurück auf ihr Zimmer“, befahl Kieran Laura mit ruhiger, aber autoritärer Stimme.

Catherines Kiefer spannte sich an, als sie spürte, wie seine Hand von ihrem unteren Rücken glitt. Die Schwere seiner Berührung blieb zurück, besitzergreifend und unnachgiebig. Sie weigerte sich, ihn anzusehen, doch ihr Herz raste, als er sich zu ihr lehnte und seine Stimme so leise war, dass nur sie sie hören konnte.

„Mach keinen Ärger, Catherine“, sagte er, und sein Atem streifte ihr Ohr. „Dir wird nicht gefallen, was sonst passiert.“

„Hier entlang, Prinzessin“, sagte Laura trocken und ging bereits auf die Treppe zu.

Catherine gehorchte, ihre Absätze klickten leise auf dem Marmorboden. Ihr Körper war angespannt, ihre Gedanken kreisten vor Frustration und einem wachsenden Gefühl des Trotzes. Kierans Worte hallten in ihrem Kopf nach. Sie musste etwas unternehmen.

Als sie die Treppe hinaufstiegen, hielt Laura ein paar Schritte Abstand, ihre Haltung war entspannt, aber aufmerksam. Catherines Blick wanderte umher, auf der Suche nach irgendetwas – einem Riss, einer Gelegenheit, diesem kranken Albtraum zu entkommen. Und dann sah sie es.

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