Kapitel 1 Der Duft des Feindes
Der schrille Alarm zerriss die schwere Stille meiner Wohnung wie eine Sirene, die mir durch den Schädel schnitt.
Ich fuhr hoch, das Herz hämmerte, die Brust klamm vor kaltem Schweiß. Einen langen Moment starrte ich nur an die rissige Decke, während das Echo meines Albtraums noch an meinem Kopf klebte: der metallische Geruch von Blut, die Stimme meines Vaters, die meinen Namen rief, und das Geräusch von Schreien.
Ich schluckte hart und zwang mich, mich zu bewegen. Die Uhr auf meinem Handy blinkte 6:43 Uhr.
„Verdammt“, murmelte ich. Wenn ich jetzt nicht aufstand, würde ich den Bus verpassen – und das Vorstellungsgespräch. Schon wieder.
Ich schwang die Beine über die Bettkante. Der Boden war kalt, übersät mit den Überresten von Rechnungen, die ich nicht bezahlen konnte, und Absagebriefen von Orten, die sich kaum an meinen Namen erinnerten. Als ich den Schalter betätigte, passierte nichts.
Dunkelheit.
Ich stieß ein humorloses Lachen aus. „Natürlich.“
Die Luft war abgestanden, durchzogen vom Geruch kalten Metalls und von Moder. Ich streifte mein feuchtes Tanktop ab, griff nach dem Handtuch, das nie ganz trocken wurde, und trat unter die Dusche. Das Wasser war eisig. Es traf meine Haut wie Glassplitter, und ich zischte zwischen zusammengebissenen Zähnen. Ich schrubbte mich hastig, benutzte das letzte erbärmliche Stück Seife, bis es mir aus den Fingern glitt und im Abfluss verschwand.
Als ich dem Spiegel gegenüberstand, blickte mir eine Fremde entgegen. Hohle bernsteinfarbene Augen. Dunkelbraune Strähnen, noch feucht von Albträumen. Meine Lippen waren blass, meine Haut spannte. Ich versuchte, meine Haare zu bändigen, aber ohne Strom und ohne Zeit konnte ich nur begrenzt etwas ausrichten. Der Anzug, den ich überstreifte, war ein verwaschenes graues Ding aus dem Wühltisch eines Secondhandladens, an den Ärmeln zu lang, an den Beinen zu kurz. Es war mir egal. Ich musste nur so aussehen, als gehörte ich irgendwohin.
Als ich die Tür abschloss, war der Himmel draußen ein stumpfer blauer Fleck des Morgengrauens. Der Bus zischte an der Haltestelle, als wollte er mich verspotten. Ich sprintete die letzten Meter, meine abgetragenen Stöckelschuhe klatschten auf den Asphalt, und ich schaffte es gerade noch, hineinzugleiten, bevor die Türen sich schlossen. Die Brust brannte, als ich stehen blieb und mich am Haltegriff festklammerte, die neugierigen Blicke der Fremden ignorierend.
Jeder Tag war gleich: aufzuwachen in einer Welt, die längst entschieden hatte, dass ich nicht dazugehöre.
Aber heute fühlte es sich anders an.
Ich konnte nicht erklären, warum, doch da war etwas in der Luft – eine seltsame statische Spannung, ein tiefes Summen, das sich unter meiner Haut regte. Der Geruch von Regen mischte sich mit etwas Schärferem, fast … Elektrischem. Der Wolf in mir, die Hälfte, die ich nie anerkannte, rührte sich unruhig. Ich drückte ihn hinunter.
„Reiß dich zusammen“, flüsterte ich mir zu und presste es weg. „Nicht heute.“
Ich hatte ein Ziel: das Vorstellungsgespräch überstehen und vielleicht, nur vielleicht, ein neues Leben beginnen. Ein normales.
Das Gebäude ragte über mir auf wie ein Turm aus Glas und Geheimnissen. Novagen Pharmaceuticals. Die Firma, bei der jeder arbeiten wollte – Genforschung am Puls der Zeit, medizinische Innovation, so ein Ort, der Karrieren machen oder zerbrechen konnte. Wenn sie mich als Labortechnikerin einstellten, könnte ich endlich aufhören, mich gerade so durchzukratzen.
Die Empfangsdame hob kaum den Blick, als ich hereinkam, auch wenn ihre Augen kurz zu dem Secondhand-Anzug huschten, bevor sie mir ein routiniertes, höfliches Lächeln schenkte. „Vierter Stock“, sagte sie tonlos und deutete auf den Aufzug.
Ich lächelte verkrampft und tat so, als hätte ich nicht bemerkt, wie sie mich von oben bis unten musterte.
Der Aufzug summte schweigend nach oben, mein Spiegelbild geisterhaft im polierten Metall. Kaum glitten die Türen auseinander, traf mich der Geruch – sauber, metallisch, mit einem Hauch von Süße. Etwas daran zerrte an meinen Sinnen, scharf genug, dass mein Puls raste.
Er legte sich um meine Wahrnehmung, schneidend und elektrisch, riss an etwas tief in mir. Mein Herz hämmerte, mein Wolf wanderte unruhig direkt unter der Oberfläche auf und ab. Ich blinzelte hart, schüttelte den Kopf.
Wahrscheinlich nur das Parfüm, das jemand auf den oberen Etagen hinterlassen hatte, als er gerade ausgestiegen war. Nichts weiter.
Im Konferenzraum wartete hinter einem eleganten Tisch ein Gremium aus fünf Personen. Sie stellten scharfe Fragen; ich gab schärfere Antworten. Ich sprach über meine Erfahrung, mein Studium und meine Präzision im Umgang mit biochemischen Proben. Zum ersten Mal verriet mich mein Verstand nicht. Als es vorbei war, lächelte einer der Interviewer, eine kleine, anerkennende Krümmung der Lippen.
„Sie hören bald von uns, Miss Soren.“
Ich zwang mir ein höfliches Lächeln ab, und mein Herz wurde leichter, als ich mich zum Gehen wandte. Vielleicht hatte ich dieses Mal nicht alles komplett an die Wand gefahren.
Und dann – der Aufprall.
Etwas Festes, Warmes und Unnachgiebiges krachte in mich hinein. Mein Ordner rutschte mir aus den Händen und verteilte sich über den Boden, Papiere flogen auf wie aufgescheuchte Vögel. Ich japste, taumelte, doch bevor ich fallen konnte, fingen mich starke Hände auf – ruhig, fest, elektrisch.
Da traf mich ein Duft, so berauschend, dass es sich anfühlte, als hätte mein Körper vergessen zu atmen.
Mein Herz setzte aus, stolperte.
Dann kam dieses Ziehen – ein elektrisches Summen, als würden unsichtbare Fäden sich um meinen Körper wickeln und mich näher zu ihm ziehen. Mein Kopf vibrierte, ihr Wolf fauchte, tief in ihr erwachend. Ich blinzelte, die Welt kippte, die Farben zu scharf, die Geräusche zu laut.
Seine Berührung jagte Funken durch meine Adern, warm, verankernd, falsch. Mein Atem stockte, die Brust eng, und einen Moment lang konnte ich mich nicht bewegen.
„Geht es Ihnen gut?“ Die Stimme war tief, voll, mit einer Kante von Befehl.
Jede Zelle in meinem Körper reagierte auf diese Stimme.
Als ich die Augen öffnete, starrte ich in die blauesten Augen, die ich je gesehen hatte. Augen wie Gletscherwasser – kalt, uralt und unmöglich vertraut. Pechschwarzes Haar strich über eine kantige Kieferlinie, und sein Ausdruck … bei den Göttern, er war nicht zu lesen.
Einen Augenblick lang war die Welt nur er – der Duft, die Hitze, das Band, das zwischen uns pulsierte wie ein Herzschlag, dem ich nicht entkommen konnte.
Und dann traf mich die Erkenntnis.
Nein. Nein, das konnte nicht sein.
Aber es war so.
Darius Kade. Der Alpha-König.
Ich hatte sein Gesicht schon tausendmal gesehen – auf Nachrichtenschirmen, in Albträumen, in Erinnerungen, die nach Blut schmeckten. Der Mann, der über jedes Werwolfrudel in allen Regionen herrschte. Der Mann, der einst den Überfall angeführt hatte, bei dem mein Vater getötet worden war.
Mein größter Feind.
Mir sackte der Magen weg, ein hohler Schmerz riss durch meine Brust. „Du“, flüsterte ich, das Wort wie Gift auf der Zunge.
