Kapitel 5 ~Der erwachende Sturm~

Arias Perspektive

Die Worte hingen in der Luft, und ich stand in der Küchentür, wieder einmal verloren und verraten. Ich holte tief Luft, zwang mich zur Ruhe, versuchte mich innerlich zu lösen, damit es nicht ganz so weh tat.

„Vater“, sagte ich, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern, „was ist mit dem Bündnis? Dem, das schon arrangiert war … für Camille?“

Er blickte von seinem Kaffee auf, die Stirn in Falten, als wäre ihm das nicht einmal in den Sinn gekommen.

„Ah, ja. Der ursprüngliche Plan.“ Er stellte die Tasse mit einem leisen Klacken ab und faltete die Hände. „Wir wollten Camille dem Alphakönig anbieten. Aber nach dem, was letzte Nacht passiert ist, haben wir umdisponiert. Du wirst ihn stattdessen heiraten.“

Ich blinzelte, und für einen Moment schien der Raum sich zu drehen.

Ich? Den Alphakönig heiraten?

Den Mann, über den bei jedem Rudeltreffen geflüstert wurde, den, um dessen jede Bewegung Gerüchte kreisten. Geisteskrank, hieß es. Hatte seine eigene Gefährtin getötet.

Ein Schauer lief mir über den Rücken, doch es war nicht nur Angst, es war die Absurdität von allem. Wegen dieser Geschichten hatte Vater sich sehr gesträubt, Camille in eine Ehe zu geben, und jetzt schob er mich zufrieden in diese Rolle, als täte er mir damit einen Gefallen.

Mein Blick verhakte sich an Camille. Sie saß da und knabberte an ihrem Toast, aber ich erwischte dieses Grinsen, das sie rasch hinter einem Schluck Saft versteckte.

Da traf es mich, und ich hätte mir beinahe gegen die Stirn geschlagen, als mir alles klar wurde. Wie hatte ich das bis jetzt nicht zusammensetzen können?

Das war ihr Plan.

Alles.

Ethan verführen, meine Welt zerbrechen, und dann in das sichere Bündnis hinübergleiten, während man mich zum Schreckgespenst der Rudel abschob. Raffiniert, verdreht, ganz Camille von früher.

Ich öffnete den Mund, um sie zur Rede zu stellen, um es direkt dort am Frühstückstisch offenzulegen. Aber ich hielt inne. Was hätte es gebracht? Vater würde mir nicht glauben. Tat er nie. Ich war die „Schwierige“, das Mädchen, das nach Mutters Tod aus der Reihe tanzte. Camille war der Engel. Mit dem Finger zu zeigen würde mich nur verbittert und dramatisch aussehen lassen.

Also schluckte ich die Worte hinunter, die mir wie Säure im Hals brannten.

„In Ordnung“, sagte ich tonlos.

Eine Welle von Übelkeit wälzte sich durch mich, heiß und benommen machend. Ich presste eine Hand an die Stirn, schob es auf den Kater, die Erschöpfung, die blanke Übelkeit dieser Familie. Meine Haut fühlte sich prickelnd und fiebrig an, aber ich ignorierte es.

„Ich mache, was du willst.“ Die Worte schmeckten in meinem Mund nach Asche, doch welche Wahl hatte ich? Kämpfen und verlieren, oder zustimmen und Zeit kaufen, um wieder atmen zu können?

Vater nickte, zufrieden. „Gut. Wir kümmern uns um die Details.“

Ich wandte mich ab, ohne noch einmal hinzusehen, und stieg die Treppe hinauf, die zu meinem Zimmer führte. Mein Zimmer war mein Zufluchtsort: schlichte Wände, Bücher auf dem Nachttisch gestapelt, eine Steppdecke, die Mutter gemacht hatte, bevor sie starb. Ich schloss ab und ging geradewegs ins Bad, streifte das Kleid ab und ließ es auf dem Boden zusammenfallen. Ich trat zum Waschbecken, spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht. Dann beugte ich mich näher, starrte mein Spiegelbild an.

Geschwollene Augen, fahle Haut. Ein einziges Desaster.

Als ich den Kopf neigte, um mir noch einmal Wasser ins Gesicht zu schütten, fiel mir im Spiegel etwas auf. Ein Mal, genau dort, wo mein Schlüsselbein in den Hals überging.

Zahnabdrücke.

Und dann dämmerte es mir: der Biss von letzter Nacht … von dem Fremden. Wärme schoss mir wieder in die Wangen, Scham und Angst mischten sich in meinem Bauch.

Worauf hatte ich mich da eingelassen? Was bedeutete das? Wer war er? Irgendein Irrer, der herumging und beliebige Frauen markierte?

„Irrer“, murmelte ich und fuhr mit dem Finger darüber. Unter meiner Berührung kribbelte es. Ich zog meinen Abdeckstift aus der Schublade und tupfte so lange, bis das Mal unter einer beigen Schicht verschwand. Weg – aber nur vorübergehend.

Ich widerstand dem Drang, den Abdeckstift gegen den Spiegel zu schleudern, der mir zeigte, was für ein Wrack ich war. Dieses Mal würde mich ständig an meinen törichten Fehler erinnern.

Die Übelkeit schlug wieder zu, diesmal stärker. Ich krallte mich am Waschbecken fest und atmete dagegen an. Ich hatte definitiv einen Kater. Und ich hatte die Nase voll von meinem Leben … die Nase voll von diesen Menschen.

Ich spritzte mir noch mehr Wasser ins Gesicht und zog mich dann an. Als ich meine Uhr anlegte, fiel es mir auf. Mein Armband fehlte, das, das Ethan mir letztes Jahr zu unserem Jahrestag geschenkt hatte. Es musste irgendwo abgegangen sein.

Ein Stich traf mich, scharf und unerwartet. Nicht nur wegen des Verlusts, sondern wegen dem, wofür es stand. Drei Jahre meines Lebens, weggeworfen wie Müll. Ich schüttelte es ab.

„Wer braucht schon Erinnerungen?“ Was ich brauchte, war Luft.

Der Garten hinter dem Haus war mein Zufluchtsort, ein kleines Stück Grün mit Mutters alten Rosenbüschen. Ich schlich leise die Treppe hinunter, mied die Küche und trat hinaus. Die Morgenbrise trug den Duft blühender Blumen heran. Ich ging zur Bank unter der Eiche, ließ mich darauf sinken und schloss die Augen. Dieses seltsame Gefühl blieb, eine fremde Unruhe unter meiner Haut.

Schritte knirschten auf dem Kies. Ich öffnete die Augen und sah Camille auf mich zukommen, in jeder Faser die unschuldige Schwester.

„Aria“, sagte sie, ihre Stimme zuckersüß. „Ich wollte nach dir sehen.“

Ich antwortete nicht, starrte nur die Rosen an. Ignorier sie. Sie lebt von Reaktionen.

Sie setzte sich ungefragt neben mich und schlug die Beine übereinander. „Hör zu, es tut mir leid wegen Ethan. Aber du musst zugeben, wir ergeben mehr Sinn. Er wird Alpha. Er braucht jemanden Starken, nicht … na ja, du weißt schon.“

Die Stichelei saß, doch ich ließ mein Gesicht ausdruckslos. „Klar.“

Sie beugte sich näher, ihr Grinsen kehrte zurück. „Und hey, der Alpha-König? Das ist aufregend. Obwohl ich gehört habe, er ist nicht ganz bei sich. Aber du wirst das schon hinkriegen, oder? Wo du doch so … widerstandsfähig bist.“

Die Worte drehten das Messer. Sie wusste genau, was sie tat – Salz in die Wunde reiben, mich an meinen Platz erinnern. Das seltsame Gefühl schwoll an, meine Haut kribbelte, Hitze sammelte sich tief in mir. Ich stand auf und wischte sie mit einer Handbewegung ab.

„Wie auch immer, Camille. Genieß dein neues Bündnis.“

Ich wandte mich ab und wollte den Garten verlassen, jeder Schritt schwerer als der vorherige. An den Rändern verschwamm die Welt, ein stechender Schmerz schoss durch meine Knochen. Das fühlte sich nicht mehr nach Kater an. Meine Knie gaben nach, und ich stürzte nach vorn, fing mich im Gras ab.

Qual riss durch mich, Knochen knackten, Haut spannte sich, eine wilde Energie entrollte sich in meinem Inneren. All meine Sinne wurden scharf.

Ich schrie, aber es kam als Knurren heraus. Mein Körper zuckte, Fell brach aus meiner Haut, Glieder formten sich neu.

Das war die Verwandlung. Meine erste Verwandlung.

Kraft strömte in mich, roh und berauschend, spülte jeden Zweifel fort in einer Flut aus Stärke.

Camille wich zurück, die Augen weit aufgerissen. „Aria? Was … was passiert?“

Ich erhob mich auf vier Pfoten, mein Blick traf ihren. Und in diesem Moment, als ich die Angst in ihren Augen sah, wusste ich, dass mein Leben gerade eine scharfe Wendung genommen hatte. Alles, was ich tun konnte, war zu hoffen, dass diese Veränderung zum Besten war.

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