Kapitel 1 LENA
Lena starrte auf die Räumungsklage in ihren Händen, als wäre sie ein Todesurteil, zugestellt wie ein kranker Witz. Sie war auf ein billiges Stück Papier gedruckt und besaß nicht einmal den Anstand, schwer oder bedeutsam auszusehen ... die Art von Dokument, die wenigstens die Schwere des Schadens respektieren würde, den sie in ihrem Leben anrichtete. In Lenas zitternder Hand flatterte sie wie ein Hohn.
LETZTE MAHNUNG, stand dort. RÄUMEN SIE INNERHALB VON SIEBEN TAGEN.
Sie sank auf den staubigen Holzboden der Galerie hinunter, den Rücken gegen die Wand gepresst, die ihr Vater einst eigenhändig gestrichen hatte. Das war alles, was von dem Vermächtnis ihres Vaters geblieben war ... die Galerie, die er mit nichts als hartnäckigen Händen und unmöglichen Träumen aufgebaut hatte. Dieselbe Galerie, in der sie endlose Sommer verbracht hatte, zusammengerollt zwischen Farben, die ihre Finger verfärbten, und mit dem Traum, ihn stolz zu machen. Und jetzt? Jetzt stand all das kurz davor, ihr genommen zu werden, kurz davor, von diesem wertlosen Stück Papier zerstört zu werden, das sie in der Hand hielt ... von dieser einen brutalen Zeile und einer Frist von sieben Tagen, falls sie kein Wunder fand.
Ihr Hals brannte, doch sie weinte nicht; sie hatte sich schon vor langer Zeit gesagt, dass Weinen nie etwas löste, sondern den Schmerz nur schlimmer machte. Stattdessen zwang Lena sich zu atmen, durch diesen erstickenden, kalkigen Geschmack des Versagens, der ihren Mund überzog, während sie ihr gesprungenes Handy aus der Tasche zog, um auf die Uhr zu sehen ... der Alarm, den sie für heute gestellt hatte, summte hartnäckig: „Ausstellung - 18 UHR. LETZTE CHANCE.“
Sie hatte noch ein Bild übrig, einen letzten verzweifelten Versuch, sich aus diesem drohenden Desaster herauszukrallen. Wenn sie es nur verkaufen konnte ... nur dieses eine Werk, dann könnte sie dem Mistkerl von Vermieter noch einen weiteren Monat bezahlen oder zumindest etwas Zeit gewinnen, um sich etwas anderes einfallen zu lassen.
Heute Abend war ihr letzter verzweifelter Versuch: die Winterbourne-Gala, das größte und angesehenste Kunstereignis des Jahres, bei dem sich die oberen Kreise der Gesellschaft einfanden. Eigentlich hätte sie gar nicht dort sein dürfen; nur ein wackliger Gefallen eines ehemaligen Professors hatte ihr einen Platz auf der Gästeliste verschafft, irgendwo tief vergraben zwischen all den Namenlosen.
Lena starrte sich im gesprungenen Spiegel an; sie erkannte das Mädchen, das ihr mit großen, heimgesuchten Augen und fest zusammengepressten, blutunterlaufenen Lippen entgegenblickte, kaum wieder. Ihr billiges schwarzes Kleid schmiegte sich an ihre schöne Figur und ließ die schöne, kurvige junge Frau darunter erahnen. Ihre abgetragenen Stöckelschuhe quetschten ihre Füße erbarmungslos, doch sie biss die Zähne zusammen und zwang sich, aufrecht zu stehen.
Du brauchst nur ein einziges Ja.
Sie griff nach ihrem Gemälde ... ihrem letzten Meisterwerk, und rannte los.
Die Gala wurde dem Hype, der sie umgab, durchaus gerecht; sie war gefüllt mit allem, was in Melbourne Rang und Namen hatte, und mit Gästen aus dem ganzen Land. Lachen hallte durch den Saal, während der Champagner frei floss und die Gäste unbeschwert zu klassischer Musik tanzten, als hätten sie keine Sorgen auf der Welt. Wohin Lena auch blickte, sah sie Kleider, die mit Diamanten besetzt waren, perfekt geschneiderte Anzüge und Augen, die über sie hinwegglitten und sie sofort abschrieben.
Sie gehörte nicht hierher, das spürte sie … wie ein Brandmal, das zwischen ihren Schulterblättern brannte. Und trotzdem drängte sie sich durch die Menge, presste ihr Gemälde an sich wie einen Schild und ignorierte das Pochen in ihren Fingern, weil sie die Leinwand viel zu fest umklammert hielt.
Sie schlängelte sich gerade an den Auktionstischen vorbei, als es passierte. Dieser seltsame, schockierende Zusammenstoß … Im einen Moment wich sie noch einem Kellner aus, und im nächsten prallte sie gegen etwas … gegen jemanden, so unbeweglich, dass sie zurücktaumelte und beinahe den Halt an dem Bild verlor. Eine Hand schoss so schnell vor, dass es unmöglich schien, doch Finger schlossen sich um ihr Handgelenk und hielten sie fest. Dort, wo die Hand ihre Haut berührt hatte, knackte es wie statische Elektrizität, ein brutaler Stromstoß, der ihr Herz einen Schlag aussetzen ließ.
Sie sog scharf die Luft ein, hob den Blick, um zu sehen, gegen wen sie gelaufen war, und die Welt geriet ins Stocken. Der Mann war groß und verheerend gut aussehend, auf eine Weise, die wie dafür gemacht schien, zu zerstören. Mitternachtsschwarzes Haar, Augen so dunkel, dass sie das Licht verschluckten, und ein Mund, der zu einer grausamen, unlesbaren Linie gepresst war. Sein Anzug war schwarz wie die Sünde und saß wie eine Rüstung, doch trotz allem strahlte Macht von ihm aus, in unsichtbaren Wellen.
Er entschuldigte sich nicht, und er ließ ihre Hand auch nicht los. Stattdessen ließ er seinen Blick langsam und absichtlich über sie gleiten, von ihrer zerzausten Frisur bis zu den abgetragenen Absätzen, die sie verzweifelt zu verbergen versuchte … doch sein Blick war nicht herablassend.
„Du blutest, kleine Maus“, murmelte er mit einer tiefen Stimme, die gefährlich klang.
Lena blinzelte und sah langsam hinunter; tatsächlich zeichnete ein schmaler Schnitt ihre Handfläche, dort, wo die Kante der Leinwand sich in die Haut gebissen hatte. Bevor sie reagieren konnte, strich sein Daumen über ihre Haut … eine erschreckend intime Geste, eine Berührung, die zischte und ihr Gehirn kurzschloss.
„Vorsichtig“, flüsterte er, mit einer Stimme wie die eines charmanten, aber brutalen Halbgottes. „Wölfe können Blut riechen.“
Und dann, mit einer beinahe lässigen Bewegung, ließ er sie los und wandte sich ab … und verschmolz wieder mit der lauten, glitzernden Menge.
Lena blieb stehen, das Herz hämmerte so heftig, dass es wehtat, das Gemälde noch immer an die Brust geklammert wie eine Lebensleine.
Was zum Teufel war das? dachte sie.
Schließlich schaffte sie es, ihr Kleid zu richten und weiterzugehen, zu dem kleinen Eckplatz, der ihr zugewiesen worden war. Kaum überhaupt im Hauptraum … eher eine seitliche Nische, verborgen zwischen zwei Säulen, aber das spielte keine Rolle. Ein Gemälde, ein Käufer, mehr brauchte sie nicht.
Sie baute hastig auf, arrangierte ihr Werk mit zitternden Fingern und tat so, als würde sie nicht bemerken, wie die größeren, prunkvolleren Präsentationen um sie herum mit polierten Rahmen und eigens beauftragten Scheinwerfern funkelten. Minuten wurden zu einer Stunde, während Leute vorbeischlenderten … Manche warfen einen Blick, die meisten nicht. Eine wohlhabende Frau mit Diamanten verzog über ihren Preis höhnisch das Gesicht, während zwei junge Geschäftsleute lachten und sich hinter vorgehaltener Hand etwas zuflüsterten. Lena biss die Zähne so fest zusammen, dass ihr Kiefer schmerzte. Nur ein einziger glücklicher Käufer. Eine einzige Chance.
Doch Hoffnung war ein zerbrechliches Ding, und ihre rann ihr mit jeder Sekunde aus den Fingern.
