Kapitel 2 - Seraphine

Am nächsten Morgen sah meine Wohnung aus wie die Pinnwand aus einem Detektivfilm – überall Papiere, Fotografien, die an dem Korkbrett steckten, das ich aus dem Schrank gezerrt hatte, rote Fäden, die Muster verbanden, die nur ich erkennen konnte. Mein Kaffee war seit Stunden kalt, aber das Koffein summte mir noch immer in den Adern. Schlaf kam nicht infrage. Noch nicht.

Die Akte lag aufgeschlagen auf dem Tisch, ihr Inhalt quoll hervor wie eine Wunde, an der ich nicht aufhören konnte herumzustochern.

Zwölf Frauen. Zwölf Verschwinden in zwei Monaten. Jede anders – andere Herkunft, andere Jobs, anderes Einkommen –, aber eine grelle Gemeinsamkeit band sie zusammen wie ein Faden:

Sie alle waren verschwunden, nachdem sie den Club Obsidian Veil betreten hatten.

Ich rieb mir die Schläfen und beugte mich näher über die Fotos, die über den Schreibtisch verteilt waren. Jedes Bild hatte etwas Spukhaftes an sich. Lächelnde Frauen, eingefangen in ihren letzten Momenten von Normalität – lachend, posierend, die Augen hell vor dem Kitzel der Nacht, die vor ihnen lag. Keine von ihnen hatte auch nur die leiseste Ahnung, dass sie in ein schwarzes Loch ging.

Und dann waren da die Klamotten.

Nicht die Art Outfit, die man in einen normalen Nachtclub anzieht.

Die erste Frau trug einen eng anliegenden Latex-Bodysuit, der unter den Straßenlaternen schimmerte wie Öl; das Haar zu einem glatten Dutt gesteckt, ein halsnaher, mit Steinen besetzter Choker um den Hals. Die zweite hatte ein rotes Korsett mit goldener Schnürung an und einen transparenten Rock, der das Licht fing wie Feuer. Eine dritte trug schwarzes Mesh, das ihre Haut in zarten, bewusst gesetzten Mustern freilegte – ihre Selbstsicherheit strahlte selbst durch die körnigen Pixel des Fotos.

Sie waren für etwas Intimes gekleidet. Kontrolliertes.

Für etwas Gefährliches.

„Jesus“, murmelte ich und fuhr mir mit der Hand durchs Haar. „Was zum Teufel ist das für ein Club?“

Je länger ich studierte, desto seltsamer wurde es.

Auf jedem Foto sah man die Frauen kurz bevor sie durch die Türen des Clubs gingen – manche Aufnahmen stammten von Verkehrskameras, andere von Passanten in der Nähe oder von Sicherheitskameras umliegender Gebäude. Die Zeitstempel passten zu perfekt. Freitagabende. Zwischen neun und elf. Keine einzige war jemals beim Rausgehen gesehen worden.

Doch als ich die Fotos wieder durchging, zupfte etwas an der Ecke meines Bewusstseins. Etwas, das ich vorher nicht bemerkt hatte.

Ich breitete sie aus, nebeneinander.

Keine einzige der vermissten Frauen war allein.

Auf jedem Bild lief neben ihnen noch eine andere Frau. Jedes Mal ein anderes Gesicht – jedenfalls schien es zunächst so.

Ich beugte mich näher, blinzelte auf die glänzenden Abzüge. Das Licht war nicht besonders gut, aber ihre Silhouette – die Neigung des Kopfes, die Art, wie sie sich trug – war erschreckend gleich.

„Moment mal …“

Ich schnappte mir das erste Foto und zoomte an der Laptop-Version heran. Dann das zweite. Dann das dritte.

Unterschiedliche Haarfarben. Unterschiedliche Styles. Aber dieselbe Knochenstruktur. Dieselbe zarte Kieferlinie. Und da – kaum sichtbar – derselbe kleine Schönheitsfleck nahe dem Mundwinkel.

Ich spürte, wie mein Puls schneller ging.

Das war kein Zufall.

Das waren überhaupt keine verschiedenen Frauen.

Das war sie.

Dieselbe Frau, jedes Mal anders angezogen – andere Perücken, anderes Make-up, andere Kleidung –, aber immer da. Immer führte sie eines der Opfer durch die Tür.

Eine Anwerberin.

Oder eine Jägerin.

Ich vergrößerte ein Foto, bis die Pixel ineinander zu bluten begannen, und versuchte, die Konturen ihres Gesichts schärfer zu bekommen. Auf dieser Aufnahme trug sie eine weißblonde Perücke und ein schwarzes Cocktailkleid mit tiefem Ausschnitt. Ihre Lippen waren in einem satten Dunkelrot geschminkt, so ein Rot, das in alte Hollywood-Verbrechenszenen gehörte. Ein anderes Foto zeigte sie mit kurz geschnittenem, brünettem Haar, Smokey-Eye-Make-up und einem goldenen Seidenkleid, das wie maßgeschneidert aussah.

Auf jedem Bild hatte sie eine Hand am Rücken des Opfers, führte es vorwärts wie eine Hirtin, die Lämmer zur Schlachtbank treibt.

Mir drehte sich der Magen um.

Wer zur Hölle war sie?

Ich blätterte die Polizeiberichte zurück, überflog sie auf der Suche nach irgendeinem Hinweis auf eine weitere Frau. In jeder Akte stand dasselbe: Zuletzt gesehen beim Betreten von Obsidian Veil, in Begleitung einer nicht identifizierten Frau.

Nicht identifiziert. Wie praktisch.

Entweder war es der Polizei egal – oder jemand wollte nicht, dass sie identifiziert wurde.

Ich kritzelte eine Notiz in meinen Block:

Dieselbe Frau auf allen Bildern. Anwerberin? Verbindung zum Club? Muss sie finden.

Aber damit stellte sich die eigentliche Frage: Wie?

Wenn Obsidian Veil nur mit Einladung zugänglich war, hatte ich keine Chance, als „Seraphine Vale, investigative Journalistin“ durch diese Tür zu kommen. Ich brauchte eine völlig neue Identität – und eine, die in ihre Welt passte.

Ich klappte meinen Laptop auf und suchte Obsidian Veil noch einmal. Die Website des Clubs war geschniegelt und zugleich leer – schwarzer Hintergrund, silberne Serifenschrift, ein kryptischer Slogan:

„Obsidian Veil: Nur mit Einladung.“

Darunter stand eine einzelne Zeile:

Das Herz der Stadt schlägt um Mitternacht.

Keine Adresse. Keine Telefonnummer. Nur ein verschlüsseltes Kontaktformular, das auf eine tote E-Mail-Adresse weiterleitete.

Es überraschte mich nicht. Das war ein Ort, der verborgen bleiben wollte – und Menschen mit Geld und Macht würden verdammt noch mal dafür sorgen, dass das so blieb.

Beim tieferen Scrollen stieß ich auf Geflüster, vergraben in den Winkeln des Internets. Forenbeiträge. Gerüchte. Ein paar Fotos von Luxuswagen, die vor einem nicht gekennzeichneten Gebäude in der Innenstadt parkten.

Und ein anonymer Kommentar, der mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte:

Du wirst nicht ins Obsidian Veil eingeladen. Du wirst ausgewählt.

Ich lehnte mich zurück und tippte mit dem Stift gegen die Tischplatte. „Ausgewählt“, flüsterte ich.

Vielleicht war es das, was diese geheimnisvolle Frau tat. Sie wählte sie aus.

Und wenn ich hineinwollte, musste sie mich auswählen.

Diese Erkenntnis sank wie ein Stein in meine Brust. Ich ließ den Blick durch meine Wohnung wandern – gestapelte Papiere, leere Kaffeebecher, abgetragene Jeans und Sneaker – und hätte fast gelacht darüber, wie weit entfernt ich von den Frauen auf diesen Fotos war. Sie sahen aus, als gehörten sie in ein anderes Universum.

Ich schaute an mir hinunter: übergroßes T‑Shirt, Leggings, und der Eyeliner von gestern, verschmiert unter den Augen. Die Vorstellung, in einem Luxus-Fetischclub so aufzutauchen, war beinahe lächerlich.

Beinahe.

Denn plötzlich lachte ich nicht.

Wenn ich herausfinden wollte, was mit diesen Frauen passiert war – wenn ich diese geheimnisvolle Anwerberin aufspüren wollte oder denjenigen, der dahintersteckte –, dann musste ich eine von ihnen werden.

Ein Schauder aus Angst schoss durch mich, scharf und elektrisch.

Ich wandte mich wieder den Fotos zu und studierte die Mode der Frauen noch einmal. Jedes Outfit war anders, aber alle folgten derselben Regel: kühn, provokant, teuer. Eine Art von Selbstsicherheit, die man sich nur kaufen konnte.

Ich war nicht reich. Aber ich wusste, wie man so tat, als wäre man es.

Ich griff nach meinem Handy, öffnete eine Suche und tippte: High-End-Boutique – Leder, Korsett, Luxusmode, Innenstadt.

Wenn ich im Obsidian Veil nicht auffallen wollte, musste ich aussehen, als gehörte ich dorthin.

Eine neue Garderobe. Eine neue Persona. Eine Frau, die durch diese schwarzen Türen gehen konnte, ohne mit der Wimper zu zucken.

Aber zuerst musste ich sie finden – die geheimnisvolle Frau, die neben jedem vermissten Mädchen immer wieder auftauchte. Sie war der Schlüssel zu Obsidian Veil, die Torwächterin zu dem, was hinter dieser Tür auf mich wartete.

Wenn ich Antworten wollte, musste ich mir ein Ticket in die Hölle kaufen – genäht aus Seide und Leder.

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