Kapitel 11
Der nächste Tag.
Am Set fühlte es sich an, als liefe alles in Dauerschleife – derselbe Stress, nur ein neues Paar im Rampenlicht: Aiden und Grace.
Auch das Wetter half nicht. Den ganzen Tag grauer Himmel.
Aber William hatte gesagt, die Szene müsse heute gedreht werden, also blieb dem Regisseur nichts anderes übrig, als den romantischen Sonnenuntergang in eine Nachtszene umzubauen.
Olivia fand das überhaupt nicht lustig. Sie murmelte vor sich hin, ihre Worte so scharf wie immer: „So eine romantische Szene, und Grace lässt es aussehen wie eine Affäre.“
„Kein Wunder, dass Aiden es nicht über sich bringt, sie zu küssen.“
Elsie reagierte nicht. Sie hielt den Kopf gesenkt und konzentrierte sich darauf, die Texte der zweiten weiblichen Hauptrolle halblaut vor sich hin zu sagen.
Der Wind war irre – er verschluckte beinahe das „Action!“ des Regisseurs.
Aiden vermasselte es ständig. Zwei- oder dreimal hatten sie den Dreh schon unterbrechen müssen.
„Cut!“
„Aiden, ernsthaft? Es ist nur ein Kuss. Was ist dein Problem?“
„Krieg es in den Griff, und dann machen wir’s noch mal!“
Grace’ Gesicht fiel in sich zusammen, während sie sich vor dem Spiegel erneut schminkte.
Elsie klappte ihr Skript zu und rieb gedankenverloren mit den Fingern über die Kante.
Williams Bentley stand gleich hinter der abgesteckten Zone der Crew. So lange Grace drehte, stand dieses Auto dort – genauso lange.
Der schwarze Lack glitzerte schwach im Mondlicht.
Sie dachte an die gestern unterbrochene Kussszene zurück – die, die William im Handumdrehen gestoppt hatte.
Und jetzt? Jetzt ließ er Grace Küsse drehen und verzog keine Miene, während er sich sonst ständig in ihre Arbeit einmischte.
Was für ein Witz.
Sie warf noch einmal einen Blick auf den Monitor. Grace und Aiden hatten sich endlich durch ein paar weitere Takes gekämpft und einen halbwegs akzeptablen Kuss hinbekommen.
Kaum erquicklich, aber für den Regisseur reichte es. Er rollte das Skript mit einem Grummeln zusammen. „Das war’s!“
Grace war außer sich.
Sie stellte sich Aiden in den Weg, als er gerade zum Zelt des Regisseurs wollte. „Du verarschst mich doch absichtlich, oder?“
Aiden zuckte lässig mit den Schultern. „Natürlich nicht. Ich hab’s mit Hygiene. Ich konnte es wirklich nicht.“
„Willst du damit sagen, ich bin dreckig?“
Das traf einen Nerv – Grace war ihr ganzes Leben verwöhnt worden, niemand hatte je so mit ihr geredet. Ihr Gesicht verzog sich vor Wut.
Sie trat einen Schritt auf ihn zu, die Stimme scharf, immer höher. „Glaub bloß nicht, ich merke nicht, dass du auf Elsie stehst! Hygiene? Bitte. Wenn William dich gestern nicht gestoppt hätte, hättest du sie ohne Probleme geküsst!“
Aiden sagte kein Wort, blickte nur unwillkürlich hinüber zu der Stelle, wo Elsie nahe dem Zelt des Regisseurs saß.
Als Grace das sah, schoss ihre Wut durch die Decke. „Wenn du so Ansprüche hast, dann solltest du dich erst recht von ihr fernhalten! Eine fremdgehende Schlampe – nein, warte, inzwischen sind’s drei Kerle, dich eingeschlossen.“
Das war zu viel. Aidens Kopf fuhr herum.
Grace zuckte unter der Kälte in seinem Blick zusammen, aber sie wich nicht zurück.
„Elsie ist der Typ, der mit allen spielt. Ich tu dir einen Gefallen und zeige dir, wie sie wirklich ist. Sonst wirft sie dich irgendwann weg wie Müll, für den Nächsten – und dann viel Glück, wieder auf die Beine zu kommen.“
Sie glaubte, ihre Worte würden sitzen.
Aber Aiden starrte sie nur drei Sekunden lang an und ging dann.
Kein Streit, keine Wut – nur dieser eiskalte Blick, der ihr den Magen zusammenzog.
Für einen Moment hatte sie das Gefühl, als würde sie von etwas Tödlichem beobachtet.
Ein Schauer kroch ihr die Wirbelsäule hinauf und stellte ihr jedes Haar am Körper auf.
Unter dem Zelt
sah Elsie, wie Aiden auf sie zukam, und riss Olivia sofort auf die Beine. „Komm.“
Olivia seufzte. „Muss das wirklich sein? William hält dir Grace praktisch unter die Nase, und du bist mit Aiden doch nur Arbeitskollegen, ihr habt ja nicht miteinander geschlafen. Warum hältst du ihn nicht einfach nah bei dir?“
„Du lässt dich scheiden, Elsie. Warum interessiert dich überhaupt noch, was William denkt?“
Elsie schüttelte den Kopf.
Es ging nicht um William.
Es ging darum, Aiden zu schützen. Und sich selbst.
William war in letzter Zeit seltsam – launisch wie die Hölle und er ließ es an jedem aus, der ihr auch nur irgendwie nahekam.
Elsie wollte nicht, dass Aiden wegen ihr seine Rolle verlor, und erst recht wollte sie ihn auch nicht als Freund verlieren.
Im Rückblick begriff sie, dass sie an jenem Abend hätte Nein sagen sollen, als er sie ins Kino einlud. So, wie er für sie empfand, musste er das zwangsläufig falsch verstehen.
Genau wie damals William – so sanft und rücksichtsvoll, immer für sie da. Das hatte sie genarrt, hatte sie glauben lassen, sie sei etwas Besonderes für ihn. Bis jetzt hatte sie gebraucht, um es wirklich klar zu sehen.
Sie wollte nicht, dass Aiden denselben Weg ging wie sie.
Wenn es keine Liebe ist, sollte man jemandem gar nicht erst Hoffnung machen.
Sie stand auf, um zu gehen. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Aiden wie erstarrt stehen blieb. Ihr Herz sank ein wenig, und sie entschuldigte sich stumm in Gedanken.
—
Am nächsten Tag war Elsie und Grace’ Szene dran.
Elsie hatte ewig gewartet, bis Grace schließlich hereinspazierte, immer noch damit beschäftigt, ihr Make-up nachzubessern, als hätte sie alle Zeit der Welt.
Der Regisseur drängte sie nicht, also stand Elsie einfach da und wartete.
Endlich wollten sie drehen, als Grace aus dem Nichts herüberkam und fragte: „Weißt du, warum William mir deine Rolle gegeben hat?“
Elsie würdigte sie keines Blickes.
Grace schien das nicht zu kümmern. Das Kinn leicht erhoben, fuhr sie fort: „Nicht nur, weil du die Hauptrolle bist – sondern auch, weil wir heute eine Ohrfeigen-Szene drehen.“
Sie wedelte mit dem Skript vor Elsies Gesicht und verzog die Lippen zu einem Grinsen. „Aber jetzt rat mal, wer die Ohrfeige kassiert?“
Sie machte einen Schritt nach vorn, beugte sich dicht zu ihr und flüsterte: „Du hast mich in der Lounge bloßgestellt. William hat gesagt, ich darf dich schlagen, wie ich will – damit ich Dampf ablassen kann.“
Diesmal sah Elsie endlich zu ihr hinüber.
Sie drehte den Kopf ein wenig, die Stimme ruhig und kalt. „Das Team hinter den Kulissen und die Fan-Cam-Leute sind alle hier. Wenn du unbedingt sehen willst, wie dein Name zusammen mit ‚Bullying am Set‘ trendet, nur zu.“
Dann ging sie zu ihrer Markierung, ließ Grace hinter sich wie angewurzelt stehen, und dieses selbstgefällige Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht, als hätte man ihr einen Eimer Eiswasser übergeschüttet.
Kurz darauf liefen die Kameras.
In der Szene entdeckt die Hauptfigur, dass das Schulgeld, das sie der zweiten weiblichen Hauptrolle gegeben hatte, für irgendeinen Unsinn verschwendet worden war. Sie war außer sich und ohrfeigte sie aus Enttäuschung.
Sobald die Klappe niederging, war Elsie ganz in der Rolle.
Die Kamera fuhr für eine Nahaufnahme heran.
Ihre schlanken Finger schnippten eine Zigarette, hellblauer Lidschatten zog sich an ihrem nach oben gezogenen Eyeliner entlang, und in ihrem Blick lag eine kühle, amüsierte Leichtigkeit, als sie zu der vor Wut schäumenden Grace hinübersah.
Jede Bewegung hatte eine seltsame, fesselnde Anziehung.
Sie war die rebellische Aussteigerin wie aus dem Lehrbuch, und doch haftete ihr nicht die Spur von Billigkeit an. Stattdessen wirkte sie wie ein gefallener Engel – schön und zerbrochen.
„Cut!“
Der Regisseur klang zufrieden – genau in dem Moment, als Grace plötzlich die Hand hob und—
Klatsch.
Der Knall hallte durch den Raum.
Elsies Kopf flog zur Seite, auf ihrer Wange blühte ein roter Abdruck auf.
Grace sah vollkommen erschrocken und reumütig aus. Die Hand vor den Mund gepresst, japste sie: „Oh nein, sorry! Ausgerutscht!“
Der Regisseur riss das Megafon hoch. „Ist okay, das stand im Skript. Aber Grace, deine Gefühle waren völlig daneben. Du sollst verletzt sein, aber dich trotzdem noch um sie kümmern. Dein Gesicht darf nicht nur wütend sein.“
„Verstanden! Ich mach’s noch mal.“
Die Kamera lief kaum wieder an, da schwang Grace’ Hand schon erneut herüber.
„Oh Mist, ich hab meinen Text vergessen! Tut mir leid, Regisseur!“
Es war nicht nur laut – es war hart. Elsie spürte ein starkes Dröhnen in ihrem Ohr.
Sie sah, wie die Braue des Regisseurs zuckte. Ein Assistent neben ihm flüsterte ihm etwas zu, und er winkte nur ab. „Make-up ausbessern. Wir drehen noch mal!“
Elsie folgte ihren Blicken.
Da stand William in der Nähe. Gerade Haltung, die Hände in den Taschen, das Gesicht kalt und vollkommen ausdruckslos.
Diese leere Gleichgültigkeit fühlte sich an wie ein Eiszapfen, der ihr direkt durch die Brust stieß.
Also stimmte es. Er ließ es geschehen.
Nur weil sie ihm in der Lounge gesagt hatte, er solle sich von Grace fernhalten?
