Kapitel 9

Iris

Das Schweigen dehnte sich aus, dicht und erstickend. Mein Atem kam in flachen Stößen. Das Ziehen in meiner Brust war unerträglich geworden, ein körperlicher Schmerz, der meine Rippen zu eng wirken ließ.

Dann explodierte das Gebüsch.

Zwei gewaltige schwarze Wölfe brachen aus dem Unterholz. Sie waren riesig – die Schultern reichten mir bis zur Brust, die Köpfe auf Höhe meines Brustbeins. Unter dem glänzend schwarzen Fell wogten dicke Muskeln, bewegt von einer Raubtier-Anmut, die mir den Magen absacken ließ.

Lauf. Der Gedanke schrie durch meinen Kopf. Lauf, sofort.

Aber meine Beine gehorchten nicht. Sie fühlten sich an wie Blei, festgewachsen im Waldboden. Mein Körper verweigerte jeden Befehl, als hätte eine unsichtbare Kraft mich an Ort und Stelle verriegelt.

Die Wölfe hielten nur wenige Schritte entfernt an, ihre bernsteinfarbenen Augen hakten sich mit verstörender Intelligenz in meine. In diesen Augen lag Wiedererkennen, als würden sie etwas bestätigen, das sie längst gewusst hatten.

Ich zitterte, Angst schoss mir durch die Adern, doch das Ziehen in meiner Brust wurde nur stärker. Wie ein unsichtbares Seil, das mich nach vorn riss, als wollte es mich zu diesen Raubtieren schleifen.

Der linke Wolf machte einen langsamen Schritt nach vorn und senkte den Kopf mit bedachter Vorsicht. Das war kein Jäger, der Beute anpirschte. Das war sanft, behutsam, als näherte er sich etwas Kostbarem.

Ich wollte so sehr wegrennen, dass mir die Muskeln wehtaten, doch meine Füße blieben wie festgenagelt, mein Hals zu eng, um zu schreien.

Der Wolf kam näher. Dann zog seine Zunge – rau, nass, unmöglich warm – in einem langen, absichtsvollen Lecken über meine Wange.

Ich hätte mich ekeln müssen, mich fürchten. Stattdessen durchflutete mich etwas, das beunruhigend nach Trost schmeckte, wie Heimkommen.

Der zweite Wolf stieß ein tiefes, grollendes Summen aus. Seine bernsteinfarbenen Augen blieben auf mein Gesicht geheftet; in diesem Laut lag Zufriedenheit.

Der erste Wolf leckte meine Wange noch einmal, sanfter, und ich spürte, wie mein Körper sich gegen meinen Willen entspannte. Das Ziehen in meiner Brust verwandelte sich in etwas Wärmeres, weniger wie Fortgezerrtwerden und mehr wie ein Angezogenwerden.

Dann brach die Wirklichkeit wieder über mich herein.

Ich stand im Wald und ließ mir von zwei gewaltigen Wölfen das Gesicht ablecken. Die Absurdität traf mich wie ein körperlicher Schlag.

Ich begann zurückzuweichen, ruckartig in meinen Bewegungen. Jeder Muskel schrie mich an, langsam zu machen, ihre Jagdinstinkte nicht zu wecken. Meine Hände zitterten so sehr, dass ich sie zu Fäusten ballte.

Die Wölfe folgten nicht. Sie standen einfach da und sahen zu, Widerwillen in ihrem Blick, als wollten sie mich aufhalten, hielten sich aber zurück.

Ich wich weiter zurück, bis die Bäume sie meinem Blick entzogen. Erst dann drehte ich mich um und rannte.

Meine Füße trommelten auf den Waldboden. Ich wurde erst langsamer, als ich auf die Straße hinausplatzte und stolpernd stehen blieb.

Ich beugte mich nach vorn, die Hände auf den Knien, und rang nach Luft. Mein Herz hämmerte, meine Beine drohten nachzugeben. Schweiß rann mir übers Gesicht, und mein ganzer Körper bebte.

Aber alles, woran ich denken konnte, war, wie diese Wölfe mich angesehen hatten. Die Sanftheit dieser rauen Zunge. Die Wärme, die sich in meiner Brust ausgebreitet hatte.

Und diese beunruhigend vertrauten bernsteinfarbenen Augen.


Als ich schließlich durch die Haustür taumelte, lag das Haus im Dunkeln, bis auf das grelle blaue Flimmern des Fernsehers. Die Lautstärke war so hoch aufgedreht, dass ich den Sportkommentator noch von der Veranda aus hören konnte.

Der Geruch traf mich – abgestandenes Bier, alter Schweiß, etwas Saures. Brycen lag quer über der Couch, der Mund offen, während er schnarchte. Leere Flaschen bedeckten den Couchtisch, zwischen zerknitterten Fast-Food-Tüten und zerkratzten Lottoscheinen.

Zerknitterte Geldscheine wurden von einem Haftzettel festgehalten. Vorsichtig hob ich ihn an – die Tinte war noch leicht feucht und verschmierte unter meiner Fingerspitze. Dianas schlampige Handschrift: „Geld für diesen Monat. Lass es reichen.“

Sie musste gerade erst gegangen sein. Wenn Brycen wach gewesen wäre, als sie das hier ablegte, wäre das Geld längst weg, in seine Tasche gestopft – für seinen nächsten Wettanfall oder den nächsten Bierlauf.

Ich starrte auf die zerknitterten Zwanziger und Zehner. Davon lebten wir jetzt. Geld, das Diana von irgendeinem reichen Arschloch bekam, mit dem sie schlief.

Übelkeit stieg in mir hoch. Ich griff nach den Scheinen, stopfte sie in die Tasche und ging in mein Zimmer.


Ich schaffte es kaum bis ins Bett, bevor das Zittern anfing.

Zuerst dachte ich, es wäre der Absturz nach dem Adrenalin. Doch dann kam die Kälte – ein frostiger Griff bis in die Knochen, der meine Zähne klappern ließ. Der Stoff fühlte sich kratzig an. Ich trat die Decke weg und zog sie im nächsten Moment wieder an mich, als eine weitere Welle Kälte über mich hinwegrollte.

Etwas stimmte nicht.

Ich rollte mich auf die Seite, aber das Schütteln hörte nicht auf. Mein Kopf fühlte sich an, als wäre er mit Watte ausgestopft. Als ich mir die Hand auf die Stirn legte, brannte meine Haut – und trotzdem fror ich, als läge ich im Schnee.

Der Schlaf zog mich hinunter.

Die Träume kamen sofort. Ich war wieder im Pool, das Wasser schloss sich über meinem Kopf, Vanessas Hände drückten mich nach unten. Dann war ich im Wald, Wölfe umkreisten mich, ihre bernsteinfarbenen Augen glühten. Ihre Gestalten flimmerten, Fell schmolz weg und gab Chase und Jaxon frei, die sich beide mit raubtierhafter Anmut auf mich zu bewegten.

Chases Hand lag an meinem Handgelenk, sein Daumen zog Kreise, während Jaxon sich dicht hinter mich drängte, sein Atem heiß an meinem Hals. Das Ziehen in meiner Brust war überwältigend—

Ich fuhr keuchend hoch. Die Laken waren durchnässt. Meine Stirn fühlte sich an wie Feuer.

Tastend suchte ich nach meinem Handy, die Finger unbeholfen. Das Display war viel zu hell, als ich Mrs. Pattersons Kontakt öffnete und mit zitternden Händen tippte.

Guten Tag, Mrs. Patterson. Hier ist Iris Morgan. Ich bin krank und werde morgen nicht zur Schule kommen können. Entschuldigung für die kurzfristige Nachricht.

Ich drückte auf Senden und sank zurück. Der Raum drehte sich auf widerliche Weise.

Die Träume zogen mich wieder hinunter. Ich rannte durch den Wald, Äste rissen an mir. Die Wölfe waren hinter mir, doch als ich mich umdrehte, hatten sie Chases und Jaxons Gesichter.

Dann war Vanessa da, die Finger um meinen Hals geschlungen, sie drückte zu. Ihr Gesicht wechselte ständig – zwischen ihren Zügen und fletschenden Wolfschnauzen.

Ich wachte würgend auf, der Hals wund, die Lungen brannten. Als ich mich aufsetzen wollte, wälzte sich die Übelkeit so heftig durch mich, dass ich mich wieder hinlegen musste.

Heiß. Ich war so heiß. Ich stieß die Decke weg, doch Sekunden später zitterte ich. Meine Haut fühlte sich zu eng an, und jeder Nerv in mir schoss gleichzeitig los.

Die Fieberträume hörten nicht auf. Chases Hände an meiner Taille. Jaxons Lippen an meinem Hals. Raues Wolfsfell unter meinen Fingern. Vanessas Lachen. Der Geschmack von Chlor und Blut. Bernsteinfarbene Augen, die aus der Dunkelheit zusahen.

Zeit verlor jede Bedeutung. Alles, was ich kannte, war der Kreislauf aus Fieber und Schüttelfrost, aus Albträumen, die mich hinunterzogen.

Irgendwann versuchte ich aufzustehen, um Wasser zu holen, aber meine Beine trugen mich nicht. Am Ende lag ich ausgestreckt auf dem Boden neben meinem Bett, zu erschöpft, um wieder hinaufzukommen.

Noch mehr Träume. Wölfe, die mich umkreisten. Glühende bernsteinfarbene Augen. Das Ziehen in meiner Brust, das stärker und stärker wurde.


Ein gleichmäßiges Klopfen riss mich aus den Tiefen eines weiteren Albtraums.

Das Geräusch war abgemessen, geduldig – nicht das hektische Hämmern von jemandem in Panik, sondern der beharrliche Rhythmus von jemandem, der warten würde, so lange es nötig war. Jeder Schlag schickte einen dumpfen Schmerz durch meinen Schädel und zog mich Zentimeter für Zentimeter zurück ins Bewusstsein.

Schwaches Sonnenlicht sickerte durch meine Vorhänge und verriet mir, dass es Morgen war – obwohl ich keine Ahnung hatte, welcher Morgen. Das Klopfen ging weiter, stetig und unbeeindruckt.

Ich versuchte zu rufen, doch mein Hals war zu trocken, die Worte starben, bevor sie Gestalt annehmen konnten.

Das Klopfen setzte einen Moment aus und begann dann wieder, mit derselben geduldigen Kadenz.

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