Kapitel 5

Ich rücke mein Ohrstück zurecht. Mein Viergurtrucksack sitzt bereits fest auf meinem Rücken. Calum drückt die Leertaste, und die beeindruckende Wand aus Monitoren blinzelt wie auf Kommando gleichzeitig zum Leben. Er zieht das Mikrofon heran und loggt sich in den Computer ein.

Ich werfe einen Blick auf die Kameradrohne, die am Rand hockt.

„Bist du sicher, dass dein Trick funktioniert?“

„Wenn nicht … dann geben Gazas verbliebene Männer deinem Gesicht ein neues Atemloch“, sagt er, während seine Finger mit geübter Leichtigkeit über die Tastatur fliegen. Dann steckt er das Mikrofon in ein anderes Gerät. „Die benutzen Funkgeräte. Ich nehme analoge Modulation, zapfe ihre Frequenz an und isoliere sie – mit meinem eigenen Transceiver.“

Ich nicke und tue so, als verstünde ich. „Dein Nerdgelaber macht mich echt an.“

Er schaut zu mir zurück und kämpft mit einem Grinsen. „Sei ernst.“

Ich setze meine Keine-Spielchen-Miene auf. „Dann, sobald ich drin bin, legst du ein Störfeld über das ganze Gebiet, damit sie keine Verstärkung rufen können. Ich habe nur ein Fünf-Minuten-Fenster: rein, rumschnüffeln, raus.“ Ich fahre ihm mit einer behandschuhten Hand durchs Haar, bevor er sie wegschlagen kann. „Ich hab das im Griff, Goldlöckchen.“

„Berühmte letzte Worte.“

Er aktiviert sein Transceiver-Ding. Ein paar Augenblicke lang ist da nur Rauschen, bis die Lautsprecher mit fremden Stimmen aufdonnern. Ein Austausch knapper Worte. Klingt, als würden sie einander Updates geben.

„Ich hoffe, du hast dein Spanisch geübt.“

„Ich musste nur ein paar Sätze lernen.“

Er stellt die Frequenz scharf und startet den Stimmenmodulator, um seine Stimme zu verschleiern.

Informe de estado. Veo movimiento no autorizado.“

Binnen Sekunden prasseln mehrere Stimmen herein.

„Dónde?“

„Cual es tu ubicacion actual?“

„Diga su nombre y número.“

Nur drei Täter an Bord. Okay. Ich krieg das hin. Ich hab schon Schlimmeres gemacht.

Calum schaltet sich wieder dazu. „Posible agresor tratando de romper la terraza.“

„En ruta!“

Calum klopft mir dringlich an die Seite. „Los! Das verschafft dir Zeit. Rein da und verschaff mir Augen – es könnten noch andere Täter an Bord sein.“

Ich ziehe die Sturmhaube über den Kopf. Springe zur Tür, schiebe sie auf. Ich setze ab und mache einen weiten, geländegängigen Satz über die Straße. Das ungleichmäßige Licht verleiht mir eine unheimliche Deckung; Schatten verschieben sich bei jedem Schritt, das Geräusch meines schnellen Anmarsches wird von den flüsternden Wellen unter mir verschluckt. Die salzige Schärfe der Seeluft mischt sich mit einem fahlen Dieselgeruch und lotst mich zur drohenden Silhouette von Gazas Yacht.

Im Ohrstück knistert es, dann bricht Calums Stimme durch. „Alles gut?“

„Alles klar.“

Ich erreiche das Heck des Schiffs. Packe das hüfthohe Geländer und schwinge mich in einem Satz hinüber. „Hast du Augen am Himmel?“

„Starte White Wing jetzt.“

Die Glastüren stehen weit offen, und ich schleiche direkt hinein, die Augen auf gründlichem Scan.

Wow.

Wenn ich an eine Yacht denke, denke ich an Luxus. Und als Yacht ist hier auch alles makellos und glänzend. Trotzdem fühlt es sich eher an wie ein schwimmendes, schickes Gefängnis als wie ein prunkvolles Zuhause auf dem Meer. Ich gehe durch einen modernen Wohnbereich hinaus. Und hinein in einen Persil-weißen Flur, in dem Glühlampen die Wände säumen und Stahlstangen in die niedrige Decke geschraubt sind.

Ich probiere eine Tür. Abstellraum. Eine andere. Nutzlos. Schritte klatschen über den porzellanfarben gefliesten Boden. Scheiße! Ich husche zurück in den Abstellraum und schließe die Tür sanft hinter mir. Im selben Moment poltern Schuhe vorbei, werden lauter, dann leiser, mit der Entfernung. Erst als mein Herz aufhört, gegen meinen Brustkorb zu hämmern, bringe ich den Mut auf, wieder herauszukommen.

Nach ein paar weiteren Versuchen trete ich in die kühle Umarmung eines klimatisierten Serverraums; der plötzliche Temperatursturz ist ein harter Kontrast zur Wärme draußen. Reihen schlanker, schwarzer Serverracks säumen die Wände. Ich schnalle den Rucksack ab und ziehe ein winziges Gerät heraus, das ihm helfen wird, ihre Cybersicherheit zu umgehen und Calum ungehinderten Zugang zu verschaffen.

„White Wing hat Sichtkontakt … das da draußen sieht irre aus … Männer in Schwarz kriechen überall im Umschlaghof herum. Wie ein Verbrechensfestival. Nur Schwerkriminelle.“

„So schnell?“ Meine Stimme gedrückt, kaum mehr als ein Flüstern.

„Der Hof ist vielleicht fünf Minuten von den Docks. Bist du drin?“

„Du hast Augen in …“ Ich schnalle den Rucksack wieder um und gehe zum primären Server. „5 … 4 … 3 … 2 …“ Ich öffne die Zugangsklappe und stecke das Gerät ein. „Jetzt.“

„Okay, gib mir nur ’ne Sekunde.“

Ich werfe immer wieder Blicke zur Tür, die ich mir bereits aufschwingen sehe.

„Ein Kerl mit ’ner Knarre kann jeden Moment reinspazieren …“

„Ich bin drin.“

Ich reiße das Gerät heraus, ziehe die Tür zu. Stecke es ein.

„Ich zieh die Überwachung hoch … jaa. Ich hab Livebild von drinnen. Ich hab dich im Blick und Sicht auf das Treffen. Und darf ich nur mal sagen. Du siehst wunderschön aus.“

Ich setze mich zügig in Richtung Tür in Bewegung und schaue an mir herunter. „Mein Gesicht ist bedeckt?“

„Exakt.“

„Was für ein Arschloch.“ Ich greife nach der Klinke, ziehe die Tür einen Spalt auf, um nach draußen zu spicken. „Wo ist Gazas Büro?“

„Zwei Türen nördlich. Beeil dich besser, Wachmann Nummer zwei läuft gerade seinen Perimeter ab. Die anderen zwei machen keinen Scheiß außer auf dem Sonnendeck zu labern.“

Ich schieße den Korridor hinunter. „Weil niemand dämlich genug wäre, Gaza auszurauben.“

„Außer dir“, kontert er.

„Darum wird er’s nicht kommen sehen.“ Ich bin an der Tür, drücke die Klinke runter. Nichts. „Und außerdem raube ich ihn nicht aus. Nicht wirklich.“ Meine Augen tasten die weiße Flucht ab. Und ich entdecke eine Kamera oben rechts in der Ecke. Ich winke ihr zu. „Hey, Gandalf, ich muss hier irgendwie durch.“

Prompt blinkt die Tür grün. Ich stürme hinein. Sein Büro ist eng, praktisch kahl. Ich haste zu seinem Schreibtisch. Ich ziehe alle Schubladen auf. Leer. Ich bewege die Maus, der Bildschirm springt an. Gesperrt.

„Glaubst du, du kannst dich in seinen Computer hacken?“

Nach einem Moment produktiver Stille antwortet er: „Auf keinen Fall … scheint, der alte Knacker hat neue Tricks. Das Computersystem in seinem Besitz ist mit einem Advanced-Encryption-Standard-Algorithmus ausgestattet. AES ist in der 128-Bit-Form außergewöhnlich effizient und verwendet außerdem Verschlüsselungsschlüssel mit 192 und 256 Bit für Schwerlast-Verschlüsselungszwecke.“

„Kannst du es knacken?“

„Nicht in der Zeit, die du hast … mein Herrgott.

Panik flammt in mir auf. „Was?“

„Orian Moon ist gerade angekommen. Alle Anführer sind da. Ich erkenne einige von ihnen … Schwergewichte … und wir haben alles auf Kamera. Okay. Du musst da raus.“

„Dass sie auf Kamera sind, ist keine verwertbare Straftat, solange sie keine Ware haben. Und ich weiß, dass sie keine haben.“

„Haben sie nicht“, sagt er widerwillig, „aber deine fünf Minuten sind um.“

Frust zwingt mich, gegen das freche Tischbein zu treten. „Nein, ich bin zu weit gekommen.“ Ich halte inne, denke nach, zwinge meine Gedanken in eine Spur. „Ich glaube sowieso nicht, dass er irgendwas auf seinem Computer hat … da liegt nicht das Gold. Calum, zieh die Pläne vom Schiff hoch … gibt es irgendwelche neuen Änderungen?“

„Du musst da raus. Du hast einen Tango im Anmarsch.“

Ich schieße aus dem Büro, hetze ziellos durch das Labyrinth aus grellweißen Korridoren.

„Wohin soll ich?“

„Gazas Hauptsuite ist am Ende des Flurs. Die ist leer.“

Als ich sie erreiche, öffne ich die eine Tür und schlüpfe hinein.

„Hey, du hattest recht, sieht so aus, als wären an der Yacht Umbauten gemacht worden. Aber nicht kürzlich. In seinem Schlafzimmer gibt’s ein geheimes Fach. Ostwand.“

Ich springe zum Porträt, nehme es vom Haken. Lehne es an die Wand, und dahinter kommt ein Stahlschrank zum Vorschein, ein Tresor, direkt in die Wand eingelassen.

„Okay, das fängt an, sich wie ein Einbruch anzufühlen. Ich kann keinen Tresor knacken.“

„Entspann dich, das ist ein hochwertiger elektronischer Safe. Anspruchsvoll, aber hackbar.“

„Kannst du—“

„Scheiße! Sie haben White Wing erschossen, scheiße!“

„Was?“

„Da waren echte Scharfschützen oben auf den Schiffscontainern. Hadassah, sie wissen’s. Wir sind aufgeflogen. Abbruch. Raus da!“

„Mach den Safe auf.“

„Hadassah, hör auf, rumzuscheißen!“

„Mach den verdammten Safe auf.“

Er feuert eine Litanei von Flüchen ab, seine Finger hämmern so hart auf die Tastatur, dass ich es über die Comms hören kann.

„Ich kann die Biometrie nicht umgehen. Der braucht einen Netzhaut-Scan. Also, außer du hast vor, Gaza die Augen rauszureißen. Raus da!“

„Entweder du machst es, oder ich sterbe. Ich gehe hier nicht mit leeren Händen raus.“

Prompt ertönt ein lautes Klicken. Dann noch zwei Klicks, gefolgt von mahlenden Zahnrädern.

„Erstaunlich, was man alles kann, wenn man unter Druck steht.“

„Oder wenn man verzweifelt ist“, korrigiert er aggressiv.

Die Safetür springt auf. Zu meiner Überraschung liegt darin trotz der vielen Fächer nur eine einzige Sache. Kein Geld. Keine falschen Pässe. Ich ziehe ein Buch heraus. Aber es sieht nicht aus wie irgendein Buch. Ledergebunden, vergoldete Schnittkanten mit Metallnieten, als wäre es einem Mythos entnommen.

„Du kriegst Besuch!“

Ich streife den Rucksack ab, stopfe das rätselhafte Buch hastig hinein und schlinge mir die Tasche wieder über. Bevor ich mich überhaupt umdrehen kann. Packen mich von hinten zwei raue Hände.

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