Kapitel 5
„Danke, Luna Hannah“, sagte Zoe mit mehr Aufrichtigkeit, als ich erwartet hatte.
„Danke, dass ihr uns als euer Rudel gewählt habt“, erwiderte ich in einem fast schon widerlich süßen Ton. Ich wandte mich ihrem Sohn zu. „Sag mir, wie alt bist du, Adam?“
Adam hielt schüchtern vier Finger hoch.
Zoe lächelte und fuhr Adam durch seine goldenen Locken.
„Er ist vier Jahre alt“, sagte sie stolz. „Und er ist ein bisschen schüchtern bei neuen Leuten.“
Ich lächelte Adam strahlend an.
„Das ist schon in Ordnung. Es ist gut, bei Fremden ein wenig vorsichtig zu sein.“
Ich wandte mich wieder Zoe zu.
„Mit deiner Erlaubnis“, fuhr ich fort, „habe ich im Vorfeld des bevorstehenden Mondfestes Geschenke für alle Kinder des Rudels vorbereitet und würde Adam seines gerne jetzt schon geben. Das könnte genau das Richtige sein, damit er sich hier zu Hause fühlt.“
Zoe machte eine einladende Handbewegung.
„Nur zu.“
Ich griff hinter mich zu den Versorgungstaschen, wo ich Adams Geschenk sogar vor Noahs Blicken versteckt hatte. Ich zog die in glänzend rotes Geschenkpapier eingewickelte Schachtel hervor und reichte sie Adam. Der Junge drehte das Geschenk vorsichtig in seinen Händen, als wäre er unsicher, was er damit tun sollte.
„Na los, mein Schatz“, ermutigte Zoe ihn. „Mach es auf.“
Nach einem letzten Blick zu seiner Mutter riss Adam das Geschenkpapier auf und warf es achtlos zur Seite. Seine Augen weiteten sich, als er die „Transformers Optimus Prime“-Actionfigur sah. Er sah wieder zu seiner Mutter, dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus und er begann, auf und ab zu springen.
„Mama, Mama, schau mal!“, rief er und tippte immer wieder mit dem Finger auf die Schachtel.
„Ich weiß, ich sehe es“, sagte Zoe und lachte beinahe selbst vor Freude. „Das ist ein ganz besonderes Geschenk. Was sagst du zu Luna Hannah?“
Adam stellte sein neues Spielzeug auf den Boden und stürzte zu meiner Überraschung nach vorne, um mich zu umarmen, wobei er sein Gesicht in meinem Kleid vergrub.
„Danke, Luna Hannah“, sagte er mit gedämpfter Stimme.
Ich erwiderte seine Umarmung.
„Gern geschehen, Adam.“
Ein Chor von „Awws“ ertönte aus der Menge. Die Paparazzi fielen fast übereinander, um ein Foto von mir mit Adam und Zoe zu bekommen. Zu meiner heimlichen Freude war Noah so gut wie vergessen.
Später am Tag saß ich zu Hause und sah mir verschiedene Nachrichtenvideos von der Aufnahmezeremonie an.
„Luna Hannah hat sich heute selbst übertroffen mit ihrem herzlichen Empfang von Zoe, Alpha Noahs ehemaliger Schicksalsgefährtin, und Zoes Sohn Adam“, erklärte eine Nachrichtensprecherin. „Sie hat sich als Inbegriff von Anmut und Haltung erwiesen. Ich weiß, dass ich eine solche Situation nicht so taktvoll gehandhabt hätte.“
„Luna Hannah hat sich heute definitiv als würdig für diese Position erwiesen“, fügte ihr Kollege am Pult hinzu. „Sie hat Zoe und ihrem Kind nicht nur die gleichen Vorräte wie allen anderen Flüchtlingen gegeben, sondern ihnen wahrhaftig ihre Arme und ihr Herz geöffnet und sie wie lang vermisste Familienmitglieder begrüßt. Wie viele von uns hätten das getan?“
„Inmitten von Luna Hannahs lobenswerter Reaktion muss man sich fragen: Warum ist Zoe überhaupt zum Nachtschattenrudel zurückgekehrt?“, mutmaßte der Moderator einer anderen Sendung. „Immerhin ist es höchst ungewöhnlich, dass eine ehemalige Luna eines Rudels sich einem anderen anschließt. Zoe war als Luna für ihre Ehre und ihren guten Ruf bekannt – könnte etwas passiert sein, das beides in Gefahr gebracht hat?“
Ein politischer Kommentator befasste sich eingehend mit dem Profil von Drake, Zoes vermutlich ehemaligem Ehemann, und stellte einige Spekulationen über den Grund für Zoes plötzlichen Ortswechsel an:
„Drake, Neffe der Luna-Königin, ist ein berüchtigter, reicher Playboy aus den Tagen vor seiner Ehe mit Zoe. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass er diesen Lebensstil nie aufgegeben hat. Kürzlich wurde er mit dem internationalen Supermodel Amber gesichtet.“
„Es könnte sein, dass Zoe seine Frauengeschichten endlich satt hatte und beschloss, ihn zu verlassen, um ihr eigenes Ansehen zu retten. Ob das funktionieren oder tatsächlich den gegenteiligen Effekt haben wird, bleibt abzuwarten. Nur wenige Lunas erholen sich von der Scheidung von ihrem Alpha …“
Mein Handy vibrierte zum gefühlt hundertsten Mal in dieser Stunde. Es war wieder Viona. Ich konnte sie nicht zu lange hinhalten, sonst würde sie noch denken, mir sei etwas zugestoßen.
„Hallo?“, meldete ich mich.
„Endlich!“, rief Viona aus. „Ich habe mir langsam Sorgen gemacht.“
Ich verdrehte die Augen.
„Manchmal bist du echt eine Dramaqueen. Was gibt’s?“
„Was es gibt? Was es gibt? Es ist in allen Nachrichten!“
„Was denn?“
„Zoe ist zurück!“
„Ja, ich weiß“, sagte ich ruhig.
„Bist du deswegen nicht stinksauer?“
„Nicht wirklich“, log ich. „Du etwa?“
„Natürlich bin ich das. Wie konnte Noah sie nur zurückkommen lassen, nach allem, was du für ihn getan hast? Nach allem, was du für ihn geopfert hast?“
„Viona, ich weiß nicht, worüber du dir solche Sorgen machst.“
„Quatsch, das tust du nicht! Sie waren Seelengefährten, Hannah. Du weißt, was das bedeutet, oder?“
Ich zwang mich zu einem Seufzer, um meine ruhige Fassade aufrechtzuerhalten.
„Ja, ich weiß, was das bedeutet. Ich bin kein unwissender Teenager.“
„Warum machst du dir dann nicht mehr Sorgen? Weißt du nicht, was jetzt passieren könnte, wo sie zurück ist? Dieser kleine Mistkerl könnte …“
„Er könnte mich betrügen, er könnte meinen Ruf ruinieren, er könnte mich zum Narren machen. Ich weiß.“
Eine Pause trat ein, während Viona meine Worte verarbeitete.
„Und trotzdem lächelst du nur und heißt sie und ihr Kind in deinem Rudel willkommen“, sagte sie schließlich mit einem fast bitteren Unterton. „Du lässt sie auf dir herumtrampeln, als hättest du nicht aufgegeben, eine Alpha zu sein, um Noahs Luna zu werden. Als würdest du nicht …“
Ich musste es nicht hören, um zu wissen, was Viona sagen wollte.
Als würdest du dich nicht selbst verstümmeln, um ihn zufriedenzustellen.
Einen Moment lang verlor ich beinahe die Beherrschung. Leise wischte ich mir die Tränen aus dem Gesicht und atmete tief durch, bevor ich weitersprach.
„Ich habe alles unter Kontrolle, Viona“, versicherte ich ihr. „Ich weiß, was ich tue.“
„Aber, Süße“, erwiderte sie, ihr Tonfall nun traurig und besänftigend, „bist du auch bereit, dabei verletzt zu werden?“
„Ich werde nicht verletzt werden“, beharrte ich. „Ich habe eine Entscheidung getroffen, und ich werde hier nicht mit leeren Händen dastehen.“
Ich zuckte leicht zusammen, als sich die Haustür öffnete und Noahs hochgewachsene Gestalt zum Vorschein kam. Scott folgte direkt hinter ihm.
Verwirrt runzelte ich die Stirn. Noah kam nie nach Hause, außer in unseren intimen Nächten.
„Ich muss dich zurückrufen.“
Bevor Viona antworten konnte, legte ich auf.
Ich beobachtete Noah, wie er durch das Wohnzimmer stapfte, Scott an seiner Seite. Noah ließ seine Umhängetasche neben mir auf die Couch fallen und stellte sich vor mich, das Tablet in der Hand. Als ich seinen finsteren Gesichtsausdruck sah, wusste ich, dass er von meiner Entscheidung wusste.
Ich wappnete mich für seine Reaktion.
„Ich habe heute eine interessante E-Mail vom Alpha-Rat bekommen“, sagte er und starrte auf mich herab. Er reichte mir das Tablet. „Gibt es irgendetwas, das du mir sagen möchtest?“
Ich machte mir nicht die Mühe, auf das Tablet zu schauen. Ich wusste genau, was darauf stand. Er wollte, dass ich ihm sagte, es gäbe irgendeinen Fehler, aber den gab es nicht.
Ich gab Noah sein Tablet zurück. Dann straffte ich die Schultern, hob trotzig mein Kinn und blickte ihm direkt in die Augen.
„Ja, das ist mein Scheidungsantrag.“
