Kapitel 6

„Jetzt erreichen wir Seaview Villas.“

Die Durchsage im Bus riss sie aus dem Schlaf.

Sophia folgte der Menge wie betäubt aus dem Bus.

Kaum hatte sie sich gefangen, prasselten ohne jede Vorwarnung dicke Regentropfen herab und durchnässten sie von Kopf bis Fuß.

Der Abendwind fuhr ihr entgegen, trieb den eisigen Regen mit sich und ließ Sophia am ganzen Körper frösteln.

Sie nieste und beschleunigte ihre Schritte auf die hell erleuchtete Villa zu.

Sie stieß das schmiedeeiserne Ziertor der Churchill Villa auf. Ihre durchnässten Schuhe setzten auf dem Marmorboden auf und hinterließen sofort einen nassen Fleck.

Michael lag auf dem Sofa ausgestreckt und spielte Videospiele, die Lautsprecher dröhnten auf voller Lautstärke.

Als er den Lärm hörte, warf Michael ihr einen Blick von der Seite zu. Als er sie sah, wie eine ertränkte Ratte, prustete er los, doch er suchte nicht sofort Streit, wie er es sonst tat.

Er war gerade an einer kritischen Stelle im Spiel, fluchte leise vor sich hin und dirigierte seine Figur.

Sophia wollte nur so schnell wie möglich in ihr Zimmer und diese kalten, nassen Sachen ausziehen.

Den Kopf gesenkt, schlich sie vorsichtig am Wohnzimmer vorbei und steuerte auf die Treppe zu.

Gerade als sie an der Sofaseite vorbeikam, nahe dem Flur, der zur Küche führte, erstarrte sie plötzlich.

Etwas Langes, Dünnes schoss unter dem Sofa hervor und schnellte direkt auf Sophias Knöchel zu!

Sophia war zu Tode erschrocken. Instinktiv wich sie nach hinten aus, doch ihr Fuß rutschte weg. Die Sohle ihres durchnässten Schuhs hatte jede Haftung verloren. Sie verlor vollständig das Gleichgewicht und stürzte schwer rücklings!

Ein scharfer Schmerz schoss ihr durch Rücken und Hüften, das Steißbein fühlte sich an, als würde es gleich aufreißen.

Sie saß ausgestreckt auf dem Boden, die Hände instinktiv schützend über dem Bauch, und starrte die Schlange fassungslos an.

Es war Michaels kleines Haustier.

Michael brach in Gelächter aus, warf den Controller beiseite, sprang vom Sofa auf und zeigte auf Sophia, während er sich vor Lachen krümmte. „Sieh dich an, so ein Angsthase! Eine einzige Schlange, und du bist schon so panisch! Das ist ja zum Schreien! Sophia, sieh dich doch an – nicht mal eine Schlange kann dich leiden. Sie sieht dich und will wegrennen! Nein, warte, sie sieht dich und will dich beißen!“

Sein bösartiger Spott hallte durch das Wohnzimmer und schabte schmerzhaft an ihr.

Sophia tat vom Sturz der ganze Körper weh. Sie mühte sich, aufzustehen, doch sie rutschte immer wieder aus, scheiterte mehrere Male und sah dabei zunehmend erbärmlicher aus.

In diesem Moment war vom Eingangsbereich her das Geräusch einer sich öffnenden Tür zu hören.

Gerald trat ein, in einem teuren, maßgeschneiderten Anzug.

Als er die Pfützen auf dem Boden sah und Sophia, durchnässt auf dem Boden sitzend, hielt er einen Moment inne; sein Blick glitt über die Szene.

Sophia hob den Kopf, und in dem Augenblick, in dem sich ihre Blicke trafen, flackerte ein winziger Funken Hoffnung in ihrem Herzen auf.

Doch Geralds Augen ruhten weniger als eine Sekunde auf ihr, dann sah er ausdruckslos weg und ging geradewegs auf die Treppe zu.

„Gerald! Du bist zurück!“ Michael setzte sofort ein fröhliches Gesicht auf. „Ich warte schon ewig auf dich! Wir wollten doch heute Abend mit Claire feiern, oder?“

Gerald gab einen zustimmenden Laut von sich, ohne im Schritt zu stocken, und ging nach oben.

Sophia blieb in ihrer halb aufgestützten Haltung wie erstarrt.

Bald kam Gerald wieder herunter, nun in legerer Kleidung, die Autoschlüssel in der Hand.

Michael hing sich sofort an ihn. „Gerald, ich komme auch mit.“

Als er an Sophia vorbeiging, schenkte er ihr absichtlich ein gehässiges Grinsen, bevor er geschniegelt davonstolzierte.

Die riesige Villa versank wieder in Stille.

Sophia blieb noch eine Weile auf dem Boden sitzen, bis der Schmerz in ihrem Körper etwas nachließ, dann kam sie langsam, unter Qualen, auf die Füße.

Sie schleppte sich zurück in ihr Schlafzimmer, schälte die schmutzigen, nassen Kleider von der Haut, stellte sich unter eine heiße Dusche und zog trockenen, weichen Pyjama an. Erst dann begann die Kälte in ihrem Körper nachzulassen.

Eine beißende Leere stieg aus ihrem Magen auf und erinnerte sie daran, dass sie schon seit Langem nicht mehr richtig gegessen hatte.

Leise öffnete sie die Tür, ging in die Küche, nahm zwei Eier und eine kleine Handvoll Gemüse aus dem Kühlschrank und kochte sich eine Schüssel Nudeln.

Nach dem Essen spülte Sophia das Geschirr, schleppte ihren noch schmerzenden Körper zurück in ihr Zimmer und warf sich auf das weiche Bett.

Draußen vor dem Fenster ließ der Regen nach, trommelte nur noch sanft.

Sie zog ihr Handy hervor und öffnete die sozialen Medien, nur um zu sehen, dass Michael vor fünf Minuten etwas gepostet hatte.

[Wünsche Claires neuem Werk riesigen Erfolg! Mein Bruder schätzt Talent – hat selbst eine Party organisiert, um zu feiern!]

Darunter waren neun Fotos in einem Raster, dazu ein kurzes Video.

Dröhnende Musik, gleißende Lichter, die Kulisse eines gehobenen Clubs.

Eine Gruppe Menschen hatte sich in der Mitte versammelt, und Claire stand im Fokus.

Sie hatte in ein champagnerfarbenes Cocktailkleid gewechselt, das lange Haar leicht gelockt, das Make-up makellos. Sie hielt mehrere Seiten Dokumente in der Hand, und auf ihrem Gesicht lag ein Hauch von Schüchternheit.

Ein paar Sekunden nach Beginn des Videos zog Claire einige Blätter aus der Mappe und reichte sie Gerald, als würde sie ihm leise etwas sagen.

Gerald nahm sie, senkte kurz den Blick. Auch wenn die Kamera schnell weiterwanderte, erwischte Sophia doch ein Aufblitzen in seinen Augen, als hätte er etwas Interessantes gesehen.

Schmeichelnde Worte drangen aus dem Video:

„Claire ist wirklich talentiert und wunderschön! Ich habe nur kurz in diese Drehbuchskizze geschaut – Konzept und Figurenzeichnung sind einfach umwerfend!“

„Ja, so ein Schreibkönnen in so jungem Alter ist unglaublich selten! Mr. Churchill, wo haben Sie so einen Schatz von einer Drehbuchautorin gefunden?“

Die Kamera schwenkte zu Gerald.

Er saß auf dem Ehrenplatz und sah zu, wie Claire von allen in den Himmel gelobt wurde. Als er die Komplimente hörte, zuckte der Winkel seines Mundes kaum merklich.

„Claire hat tatsächlich von Natur aus Drive.“ Seine Stimme war voller Anerkennung für Claire. „Dieses Skript – ich habe sein Potenzial beim ersten Blick erkannt.“

Claire senkte sofort ein wenig den Kopf, ihre Stimme weich. „Gerald war es, der mir die Chance gegeben hat, es zu versuchen …“

Das Video endete.

Sophias Brust schmerzte, schwer vor Verletzung.

Sie hatte vier Jahre lang in Geralds Firma gearbeitet.

In diesen vier Jahren hatte sie unzählige Drehbücher geschrieben, doch nie die Gelegenheit bekommen, dass er auch nur einen Blick auf eines davon warf.

Und Claire brauchte nur ein einziges Skript vorzulegen, um mühelos sein Lob zu ernten – und ihn sogar dazu zu bringen, höchstpersönlich eine Feier für sie auszurichten.

Sophia schaltete das Handy aus; der letzte Funke Hoffnung in ihrem Herzen wurde von der Dunkelheit verschluckt.

Vier Jahre Warten fühlten sich plötzlich an wie nichts als ein grausamer Scherz.

Sie rollte sich unter der Decke zusammen, ihr ganzer Körper eiskalt, die Zähne klapperten ihr unkontrollierbar.

Sie wusste nicht, wie lange sie so im Dunkeln mit offenen Augen dalag, bis sie die extreme körperliche und seelische Erschöpfung schließlich in einen flachen Schlaf zerrte.

Ihre Träume waren chaotisch – mal war es Gerald, der ihr Dokumente ins Gesicht schleuderte, mal Claires lächelndes Gesicht, während die Leute ihr Drehbuch priesen, mal dieses Foto aus den sozialen Medien …

Ein gewaltiger Krach, als würde Donner direkt neben ihrem Ohr explodieren!

Sophia war zu Tode erschrocken. Sie schoss im Bett hoch und starrte voller Entsetzen zur Tür.

Eine Gestalt, die Gewalt ausstrahlte, stand im Flur.

Gerald stand in der Tür, aus seinem ganzen Körper quoll brennende Wut, sein Blick war auf sie genagelt.

„Sophia.“ Seine Stimme war kalt wie Eis. „Du reizt meine Grenzen wirklich immer wieder aus.“

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