Kapitel 8

Claire sagte das, die Handflächen leicht zusammengekrampft.

Sie hatte schon lange gehört, dass Gerald eine Ehefrau hatte, die er nicht liebte, eine, die sich mit schändlichen Mitteln in die Familie hineingeheiratet hatte. Gerald ekelte sich zutiefst vor ihr, und ihre Ehe bestand nur dem Namen nach.

Gerüchte besagten, die Frau sei unscheinbar und habe einen unerquicklichsten Charakter.

Claire hatte das immer umgetrieben; sie fand, dass so eine gewöhnliche Frau Gerald völlig unwürdig war. Außerdem war sie das größte Hindernis dafür, dass Claire Mrs. Churchill werden konnte, und Claire dachte unablässig daran, sie zu ersetzen.

Sie hatte schon mehrere Male versucht, Fallen zu stellen, in der Hoffnung, diese Frau zu Fehlern zu treiben, damit sie von selbst ging, doch keines davon war gelungen.

Sie empfand einen geradezu brennenden Ehrgeiz gegenüber dieser „Mrs. Churchill“, der sie noch nie begegnet war.

„Sie sehen? Vergiss es!“ Michael höhnte. „Diese hässliche Frau hat gestern in der Firma einen Fehler gemacht und Gerald verärgert. Letzte Nacht hat Gerald sie bestraft und sie gezwungen, hinten den Schlangenraum zu putzen! Wahrscheinlich sitzt sie jetzt immer noch da drin und schlägt sich mit diesen Schlangen herum!“

Claires Herz machte einen Sprung, eine Welle der Genugtuung spülte durch sie hindurch.

Es schien, als hätte Gerald tatsächlich keinerlei Gefühle für seine Frau.

Doch auf ihrem Gesicht zeigte sich genau das richtige Maß an Mitgefühl. „Der Schlangenraum? Ist das nicht furchteinflößend? Mrs. Churchill ist doch immerhin eine Frau, wie soll sie das aushalten?“

„Claire, du bist einfach zu weichherzig!“ Michael tat es ab. „Bei so einer Frau, was ist schon dabei, wenn sie ein bisschen leidet? Dass Gerald sie nicht direkt hinauswirft, ist schon großzügig! Komm, mach dir keine Gedanken um sie. Ich zeig dir ein bisschen unser Haus.“

Claire nickte, die Augen sanft. „Okay, danke.“

Sie folgte Michael auf dem Rundgang durch die Villa. Etwa auf halber Strecke musste Michael zur Toilette. Als sie seiner sich entfernenden Gestalt nachsah, wurden Claires Augen hart und bösartig.

Sofort rannte sie zu dem Schlangenraum, an dem sie vorhin vorbeigekommen waren, und näherte sich lautlos.

Drinnen waren leise Wassergeräusche zu hören und hin und wieder abgebrochene Schluchzer, bei denen es einem kalt den Rücken hinunterlief.

Die Strafe schien noch nicht vorbei zu sein, und niemand bewachte den Raum.

Fast augenblicklich flackerte Grausamkeit in ihren Augen auf.

Sie sah sich um, um sich zu vergewissern, dass sie allein war, dann polsterte sie mit ihrem Taschentuch die Hand und fasste damit behutsam den Türgriff. Mit einem leisen Klicken glitt der alte Riegel im Türrahmen fest in die Schließöffnung und verriegelte die Tür vollständig von außen.

Claire trat zwei Schritte zurück, betrachtete die fest geschlossene Eisentür, und ihre Lippen bogen sich zu einem Lächeln.

Mit eleganter Geste strich sie ihren Rock glatt, steckte das Taschentuch weg und setzte wieder ihr makelloses, sanftes Lächeln auf. Dann drehte sie sich um und ging mit leichten Schritten den Weg zurück, bis sie wieder im Wohnzimmer war.

Im Wohnzimmer hatte Gerald seine Videokonferenz bereits beendet. Als er nach unten kam, saß Claire schon auf dem Sofa, hielt eine Tasse Blütentee, die ein Diener ihr soeben eingeschenkt hatte, und saß in anmutiger Haltung da.

„Gerald.“ Als sie ihn sah, stellte Claire sofort die Teetasse ab und erhob sich; ihr Gesicht erblühte in einem sanften, süßen Lächeln. „Ich hoffe, ich störe dich nicht bei der Arbeit? Ich habe ein paar überarbeitete Ideen fürs Drehbuch mitgebracht und wollte deine Meinung hören.“

Gerald nickte und setzte sich auf das Sofa ihr gegenüber.

Claires saubere, reine Ausstrahlung konnte tatsächlich helfen, seine angespannten Nerven ein wenig zu beruhigen.

Er nahm die Unterlagen entgegen, die sie ihm reichte. Das Papier verströmte einen angenehmen Duft, die Schrift war ordentlich, und der Inhalt war tatsächlich ausgefeilter als bei seinem ersten Blick gestern Nacht.

Er musste zugeben, Claire hatte ein gewisses angeborenes Talent fürs Drehbuchschreiben.

In diesem Moment klingelte ihr Handy.

Sie warf einen Blick auf die Anzeige; ihre Augen leuchteten augenblicklich auf, und auf ihrem Gesicht lag unverhohlene Freude.

Sie lächelte Gerald entschuldigend zu und nahm den Anruf an. „Griffin!“

Aus dem Hörer kam die heitere, lachende Stimme eines jungen Mannes: „Claire, ich bin gelandet, hab gerade erst mein Handy angemacht. Hast du mich vermisst?“

„Natürlich habe ich das! Griffin, du warst auf dieser Geschäftsreise so lange weg“, schmiegte sich Claires Stimme honigsüß, voller verspielter Klage. „Wann bist du hier?“

„Bin schon unterwegs, in etwa einer halben Stunde bin ich da. Na, hat meine kleine Prinzessin Hunger?“ Griffins Stimme klang unverschämt verwöhnend.

„Nein, ich will dich nur bald sehen. Beeil dich, und fahr vorsichtig.“ Claire flötete noch ein paar süße Worte, ehe sie widerstrebend auflegte.

Dann wandte sie sich Gerald zu und lächelte strahlend. „Gerald, mein Bruder ist gleich da. Er hat gesagt, er will dich unbedingt kennenlernen.“

Gerald gab nur einen unverbindlichen Laut von sich.

Griffin Douglas, der älteste Sohn der Familie Douglas, war ziemlich fähig – und er verwöhnte seine Schwester Claire in den Himmel.

Er hatte schon immer den Kontakt zu ihm gesucht, und heute bot sich endlich die Gelegenheit.

Währenddessen, im Schlangenraum.

Wellen der Angst peitschten unablässig auf Sophias Nerven ein. Im dämmrigen Licht züngelten die Schlangen, und jede ihrer Bewegungen ließ ihr die Haare zu Berge stehen.

Ihre Hände, die die Putzutensilien hielten, zitterten so sehr, dass sie kaum greifen konnte. Ihre Tränen waren längst getrocknet, doch ihr Körper bebte unkontrollierbar.

Plötzlich schoss eine Schlange, die still auf einem Regal zusammengerollt gelegen hatte, nach vorn und schnappte direkt nach ihrem Knöchel!

Sophia sprang instinktiv zurück. Die Schlange verfehlte sie und landete auf dem Boden, nicht weit von ihren Füßen entfernt, hob den Kopf und starrte sie mit kalten, senkrechten Pupillen an.

Flucht! Sie musste hier raus!

Der Befehl, „alles zu reinigen“, war ihr in diesem Moment egal. Sie wirbelte herum und stürzte zur Tür.

Mit zitternden Fingern fand sie die Klinke und riss daran, doch die Tür rührte sich nicht!

Sie zerrte wie wahnsinnig daran, hämmerte gegen die schwere Eisentür und schrie: „Macht auf! Lasst mich raus! Hilfe! Macht die Tür auf!“

Keine Antwort.

An die Eisentür gepresst, sah sie hilflos zu, wie die Schlange langsam auf sie zuschlängelte.

Nein … es durfte nichts passieren … ihrem Baby …

Sophias Blick jagte panisch durch den Raum und blieb an einem Haufen weggeworfener Holzspäne in der Ecke hängen.

Ein Feuerzeug! Sie erinnerte sich, vorhin am Werkzeugregal ein altes Feuerzeug gesehen zu haben!

Mit ihrem letzten Rest Kraft warf sie sich hinüber, riss das Feuerzeug an sich und zog ein paar Stofffetzen heran.

Funken stoben – und endlich sprang eine kleine Flamme auf!

Mit aller Macht schleuderte sie den brennenden Stoff den herannahenden Schlangen entgegen!

Die Flammen schreckten die Schlangen tatsächlich auf. Hastig zerstreuten sie sich und glitten in dunklere Ecken davon.

Endlich konnte sie wieder atmen, doch Erleichterung blieb keine Zeit.

Denn zugleich entzündete der brennende Stoff weiteres leicht entflammbares Material in der Nähe.

Die Flammen schossen augenblicklich hoch und breiteten sich rasend schnell aus!

Dichter Rauch stieg auf, der beißende Geruch füllte den engen Raum.

Sophia hustete heftig, die Lungen brannten vor Schmerz.

Sie wollte zur Tür zurück, doch das Feuer war zu schnell, versperrte den Weg binnen Sekunden.

Die Hitze sengte, die Luft wurde dünn.

Sie versuchte, auf der anderen Seite vorbeizukommen, doch stolperte über verstreute Gegenstände auf dem Boden.

Im Moment ihres Sturzes krachte ein hölzernes Regal in der Nähe herab!

Es schlug hart auf und klemmte ihr Schienbein ein!

Ein stechender Schmerz schoss durch sie, als wären ihr die Knochen zerborsten. Sophia schrie auf, sofort wie festgenagelt, unfähig, sich zu rühren.

Das Feuer wurde wilder, der Rauch wälzte sich. Vor ihren Augen verschwamm alles.

Erstickung umklammerte sie, das Bewusstsein begann zu zerfließen.

›Baby … es tut mir leid … Mama schafft es nicht mehr …‹

Gerade als die Dunkelheit sie endgültig zu verschlingen drohte, zerriss ein lautes Krachen die Luft; die fest verschlossene Eisentür wurde von außen mit einem Tritt aufgerissen!

Gleißendes Tageslicht flutete in den Raum und fiel auf Sophias kleinen Körper.

Das Dröhnen riss Sophia einen Hauch zurück. Mit ihrem letzten Fünkchen Kraft hob sie die brennenden Lider.

Gegen das grelle Flammenlicht brach eine große, strenge Gestalt durch die Schwärze, herabsteigend wie ein Gott.

Geralds angespannte Kieferlinie zeichnete sich ab, und in den Augen, die sonst immer gleichgültig und fern gewesen waren, tobten Schock und eine Wut, wie sie sie noch nie gesehen hatte.

In dem Moment, in dem sich ihre Blicke trafen, flackerte in der toten Asche von Sophias Augen plötzlich ein schwacher Lichtschein auf.

Warum war er gekommen?

Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel