Kapitel 1 1

OLIVIA

„Verspätet?“ platze ich heraus. „Das kann doch nicht Ihr Ernst sein.“

Die Mitarbeiterin der Fluggesellschaft blinzelt mich mit einem aufgemalten Lächeln an. „Es tut mir leid, Ma’am. Dominoeffekt. Der vorherige Flug hatte Verspätung.“

Ich schlucke meine Enttäuschung hinunter. „Wie lange wird es dauern?“

„Ein paar Stunden. Ich mache eine Durchsage, sobald wir mehr wissen. In der Zwischenzeit setzen Sie sich doch.“

Sie hätte genauso gut sagen können: Setzen Sie Ihren nervigen Hintern hin – so eindeutig ist die Abfuhr. Mir bleibt nichts anderes übrig, als zurückzunicken. „Okay. Danke.“

Ich schleiche zur hintersten Sitzreihe mit Blick auf das Hauptterminal und sehe auf die Uhr. Wir hätten jetzt schon einsteigen sollen. Stattdessen richte ich mich auf einem harten Plastikstuhl in einem überfüllten Flughafen ein und weiche einem Fleck auf der Armlehne aus, der verdächtig nach Erbrochenem aussieht.

Unnötig zu sagen: Ich hatte schon bessere Urlaube.

Mein Handy pingt fünfmal hintereinander, aber ich weiß auch so, wer das ist. Mom besitzt technisch gesehen ein funktionierendes Mobiltelefon, bezahlt die Rechnung und alles, aber eher friert die Hölle zu, bevor sie rausfindet, wie man das verdammte Ding überhaupt einschaltet.

Mein Bruder Rob ist nicht wirklich der SMS-Typ. Wenn er was zu sagen hat, nimmt er einfach sein Telefon und ruft an.

Was heißt: Meine liebste Schwester ist diejenige, die mich zuspammt. Ich öffne ihre Nachrichten.

Zuerst sehe ich nur einen Haufen überschwänglicher Emojis. Lächelnd scrolle ich runter, bis ich tatsächliche Worte sehe, geschrieben in echtem Englisch. Mia ist zehn Jahre älter als ich, aber manchmal tippt sie immer noch, als wäre sie ein zwölfjähriges Mädchen, gefangen in einer frühen-2000er-AOL-Chatroom-Version des Fegefeuers. Unmengen an omgz und lulz und rolfcopters.

Eins hat sich allerdings nicht geändert: typisch Mia sind ihre Gedanken auf ein halbes Dutzend einzelner Nachrichten verteilt. Ein kleiner Blick darauf, wie ihr Gehirn funktioniert. Hundert Sachen auf einmal – in jede Richtung.

MIA: hav u boarded yet?

MIA: ill be there to pick u up.

MIA: Tht way we can tlk abt Mom and Rob b4 we r all trapped in 1 house 2gether.

MIA: so excited to see you, munchkin!!!

MIA: cant wait to smush ur face.

Satzzeichen sind ein seltener Genuss. Sie muss völlig aus dem Häuschen sein. Ich kann nicht anders, ich lache und fühle mich sofort besser. Ich würde hundert Verspätungen aussitzen, wenn es bedeutete, dass ich am Ende meine Familie sehe. Gott weiß, dass ich es brauche.

Seit ich vor zwei Jahren nach New York gezogen bin, habe ich sie nicht so oft gesehen, wie ich es mir wünsche. Mia war zweimal zu Besuch; Mom kam einmal. Rob hat die Reise noch nicht geschafft.

Sein Job hält ihn auf Trab, was verständlich ist. Und dann ist da noch die andere Sache …

Ich hole tief Luft, besorgt um meinen starrköpfigen Bruder und darum, wie er sein erstes Weihnachten ohne Isabella verkraften wird.

Ich schicke Mia einen Haufen Herzen und Smileys zurück, bevor ich anfange, eine richtige Nachricht zu tippen.

OLIVIA: Ich freu mich auch total, euch zu sehen!!! Aber mein Flug hat Verspätung. Weiß noch nicht, wie lange.

Sie schreibt fast sofort zurück. Neeeeeeeein!

Ich sehe, dass sie noch etwas tippt, aber dann verschwinden die drei Punkte wieder. Eine Sekunde später klingelt mein Handy. Ich nehme mit einem Lächeln ab.

„Hey, hey, hey!“, sage ich mit einer tiefen, wenn auch quietschigen, vor allem aber einfach grauenhaften Fat-Albert-Imitation. Das ist seit Jahren unser Insider. Mia ist mir früher durchs Haus hinterhergejagt und hat es immer wieder gesagt, und sobald sie mich eingeholt hatte, hat sie mich halb tot gekitzelt.

„Verspätung?“, stöhnt sie, nicht einmal der Mühe wert, den Spruch zurückzugeben. „Was für ein Scheiß. Na ja, dann iss was Kleines und trink ein bisschen Wasser, wenn du noch eine Weile warten musst.“

Ich unterdrücke den Drang, die Augen zu verdrehen. „Ich habe schon eine Mutter, vielen Dank. Ich brauche keine zweite.“

So eng, wie wir sind, könnte man denken, der Altersunterschied wäre kleiner. Aber Mia ist volle zehn Jahre älter als ich. Als wir jünger waren, war sie wie meine zweite Mutter. Jetzt sind wir zuerst Freundinnen, dann Schwestern. Außer wenn Mia einen sitzen hat, dann erzählt sie allen, wir seien „erst mal Ballers“. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was das überhaupt heißen soll.

„Okay, wie unhöflich!“, faucht sie und schnaubt.

„Jedenfalls – ja, ich hoffe, es ist keine riesige Verspätung.“

„Ist es immer“, sagt Mia sofort.

„Verschrei es nicht.“

Sie lacht. „Du abergläubisches kleines Weirdo.“

„Ja, na schön, verklag mich halt. Ich bin, wie ich bin. Ich sag dir Bescheid, sobald ich mehr weiß. Ich will nicht, dass du am SFO campierst und auf mich wartest.“

„Ganz ehrlich“, sagt sie und senkt die Stimme, „mich würde das nicht stören …“

Ich verziehe das Gesicht. „Oh nein. Ist es Rob?“

„Nein, aber … na ja, es ist sein erstes Weihnachten ohne sie“, sagt sie. Sie muss nicht mehr erklären.

„Geht’s ihm denn besser?“, frage ich vorsichtig. „Jedes Mal, wenn ich ihn anrufe, wirkt er so abgelenkt.“

„Na ja, das muss nicht an Isabella liegen. Ich glaube, bei der Arbeit läuft gerade was Großes“, sagt sie.

„Uh, Drama beim Bureau“, kichere ich. „Hat er gesagt, was? Ist es ein Serienkiller? Ich wette, es ist ein Serienkiller. Es ist doch immer ein Serienkiller.“

„Nein, du Clown“, sagt Mia mit einem genervten Lachen. „Er redet nie über die Arbeit. Das ist verdammt nochmal nervig. Vor allem, weil er derjenige mit dem coolen Job ist. Es ist unhöflich, fürs FBI zu arbeiten und nie darüber zu reden!“

„Dann vergräbt er sich wohl in Arbeit. Ist das gesund?“

„Ich kann’s ihm ehrlich gesagt nicht verübeln. Ich würde wahrscheinlich genauso reagieren.“

Ich nicke und spüre diesen scharfen Schmerz in der Brust, jedes Mal, wenn ich an Rob denke und an alles, was er im letzten Jahr durchgemacht hat. Es hat ihn verändert. Es gibt Momente, da fühlt er sich wie ein völlig anderer Mann an. Als wäre der Bruder, den ich geliebt habe, weg, und als käme er nie wieder zurück.

„Warte – also wenn du nicht von Rob gesprochen hast, was hast du dann gemeint?“

„Nichts“, sagt sie ein bisschen zu schnell. „Es ist nur … Weihnachten ist für Mom immer schwer.“

Sofort bildet sich dieser Kloß in meinem Hals. Wobei „bildet“ nicht das richtige Wort ist, denn er sitzt da schon so lange, dass er sich inzwischen wie ein Teil von mir anfühlt. Eher so, als pochte er, mit einem Schmerz, den ich so, so verzweifelt zu vergessen versucht habe.

Dad liebte Weihnachten in einem geradezu unvernünftigen Ausmaß. Wir waren das einzige Haus in der Straße, das seine Dekoration Anfang November schon hängen hatte, und das letzte, das sie am letzten Januartag wieder abnahm. Wenn es nach Mom gegangen wäre, hätte er sie wahrscheinlich bis in den Sommer hängen lassen.

„Ich kann nicht glauben, dass er seit sieben Jahren weg ist“, flüstere ich.

„Ich weiß“, sagt sie. „Es ist seltsam. Ehrlich gesagt fühlt es sich an, als wäre er schon ewig weg.“

„Wirklich?“, frage ich. „Für mich fühlt es sich an, als wäre es erst gestern passiert.“

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