Kapitel 2 2

Einen Moment lang sitzen wir einfach da, Seite an Seite mit unserer gemeinsamen Trauer. Es gab eine Zeit, da mied ich jedes Gespräch über Dad. Es tat einfach zu weh. Aber im Lauf der Jahre habe ich gelernt, mich Mia zu öffnen. Sie ist immer noch die Einzige, bei der ich mich traue zu weinen.

„Du warst so viel jünger“, sagt sie.

„Ich war achtzehn“, gebe ich zurück. „Ich war alt genug. Alt genug, es besser zu wissen.“

„Oh, Schatz, lass uns da nicht hingehen, ja?“ sagt sie. „Ich dachte, du wärst durch mit der Schuld.“

„Ich bin nie durch damit, Mimi. Sie kommt nur und geht wieder.“

Sie hält inne und atmet einen Moment. Dann: „Liv, vielleicht solltest du mit jemandem reden?“

„Hab ich versucht“, fahre ich sie an, ein bisschen schärfer, als sie verdient. „Zweimal sogar. Aber beide Seelenklempner, bei denen ich war, haben in Aufklebersprüchen geredet.“

„Was soll das heißen?“

„So was wie: Coexist. Schließ Frieden mit deinen Dämonen. Wenn dir das Leben Zitronen gibt, wirf sie zurück und verlang stattdessen Tacos. Diese Art augenrollwürdiger Quatsch, den man hinten auf dem Van irgendeiner Fußball-Mom liest.“

Mia bricht in Gelächter aus. „Okay, verstanden. Aber einen Therapeuten zu finden ist wie Dating. Jede Menge Fische im Meer; du musst nur den richtigen erwischen. Weißt du, ich habe da sogar einen Freund, der Therapeut ist. Ich könnte dich ver—“

„Nein“, sage ich und schneide ihr das Wort ab.

„Schon wieder unhöflich. Warum nicht?“

„Weil es zu persönlich ist. Ihr zwei seid befreundet.“

„Wir sind nicht so eng“, protestiert Mia. „Wir haben zweimal miteinander geschlafen, und das war’s. Wir waren beide jung und beschäftigt. Es ging nur um Sex.“

„Wunderbar. Schon deutlich mehr, als ich über meinen Therapeuten wissen muss.“

„Okay, gut. Auch das ist angekommen.“

„Apropos Fische im Meer“, sage ich und wechsle das Thema. „Was hast du in letzter Zeit an der Angel gehabt? Triffst du jemanden, der erwähnenswert ist?“

Sie stößt einen theatralischen Seufzer aus. „Ich bin Chirurgin, Liebling. Die Männer, die ich treffe, liegen meistens ausgestreckt auf meinem Tisch, und ihre Innereien starren mich an.“

„Äh, igitt.“

„Danach fällt es schwer, einen Mann noch attraktiv zu finden“, setzt sie nach.

„Du hast seit William niemanden mehr gedatet“, sage ich, als müsste man sie daran erinnern.

„Ja, tja. Ich war beschäftigt.“

„Drei Jahre lang?“

„Noch mal: Ich bin Chirurgin. Ich bin immer beschäftigt.“

Ich lache. „Was ist mit deinen Kollegen? Ich bin sicher, es gibt da auch ein paar heiße Pfleger.“

„Glaubst du, ich arbeite in einer Folge Grey’s Anatomy?“

„Ich meine, vielleicht? Gibt’s denn wirklich keine McSteamys weit und breit?“

„Überhaupt keine“, sagt sie. „Was auch in Ordnung ist. Du weißt doch, ich bin eher so der McDreamy-Typ.“

Ich rümpfe die Nase. „Stimmt. Ich hatte deinen seltsamen Männergeschmack vergessen.“

„Ich?“ Sie schnaubt. „Sagt die Dame, die Männer datet, die so langweilig sind wie trockenes Toastbrot!“

„Und wer ist jetzt unhöflich?“

„Widersprich nicht“, entgegnet sie. „Ich erinnere mich an deine Datinghistorie. Du behauptest, du stehst auf Bad Boys, aber ausnahmslos jeder deiner Exfreunde war so langweilig wie ein Vanillecupcake.“

„Okay, okay“, gebe ich nach. „Also vielleicht war keiner von ihnen—“

„Aufregend? Sexy? Auch nur annähernd interessant?“, bietet sie an.

„Lionel war gar nicht so schlimm!“

Sie stößt ein bellendes Lachen aus. „Er hieß Lionel. Anfang und Ende der Geschichte.“

Bevor ich anfangen kann, all ihre Exfreunde in der Luft zu zerreißen, ertönt eine Durchsage aus den Lautsprechern.

„Oh, warte“, sage ich zu ihr. „Die ist für mich.“

Die Stimme ist klar und professionell. „Die folgende Durchsage richtet sich an Fluggäste des Fluges UA523: Ihre neue Boardingzeit ist 13:15 Uhr. Wir entschuldigen uns für etwaige Unannehmlichkeiten.“

„Oh, fick dich“, stöhne ich.

„Was haben sie gesagt?“, fragt Mia. „Ich hab’s nicht ganz verstanden.“

„Fünf Stunden Verspätung.“

„Neeein!“, sagt sie mit reichlich Melodram. „Was machst du jetzt?“

„Schon okay“, sage ich hastig und versuche, etwas Positives daran zu finden. „Ich hänge einfach am Flughafen rum, bis ich boarden muss.“

„Fünf Stunden lang?“

„Es ergibt keinen Sinn, zurück nach Hause zu fahren“, sage ich. „Mit dem Verkehr brauche ich in jede Richtung mindestens anderthalb Stunden. Dann kann ich’s auch gleich hier aussitzen.“

„Okay, gut. Aber nutz diese verdammte Verspätung wenigstens und flirte mit irgendeinem süßen Fremden.“

Ich verdrehe die Augen. „Klar, das werde ich ganz bestimmt genau so machen. Du kennst mich ja so gut.“

„Hör auf, mit den Augen zu rollen, und lass es dir gutgehen, Olivia“, sagt Mia.

„Woher wusstest du—“

„Ich bin deine große Schwester. Ich weiß alles“, sagt sie. „So wie ich weiß, dass du dir nur Männer aussuchst, zu denen du dich gar nicht wirklich hingezogen fühlst und in die du dich unmöglich verlieben kannst, weil du dann nicht in Gefahr bist, dass dir das Herz gebrochen wird.“

Ich zucke zurück, als hätte sie mir eine Ohrfeige verpasst. Nicht, weil sie unrecht hätte. Sondern aus genau dem Gegenteil.

„Na … Scheiße.“

„Siehst du?“, sagt Mia trocken. „Ich kenne dich.“

„Vielleicht solltest du meine Therapeutin sein.“

„Du könntest mich nicht bezahlen.“

„Kein Familienrabatt?“, japste ich in gespieltem Entsetzen.

„Ein Mädchen muss essen. Und mein Loft ist nicht billig.“

„Ich kann’s kaum erwarten, dich zu sehen“, sage ich lachend.

„Ich auch, Kleines. Ich auch.“

Wir verabschieden uns mit dem Versprechen, dass ich ihr Bescheid gebe, falls sich die Abflugzeit noch einmal ändert. Als ich aufgelegt habe, laufe ich ziellos durch den Flughafen. Zwischen den Schnell-im-Vorbeigehen-Optionen finde ich eine niedliche kleine Bäckerei, die aufs Rollfeld hinausgeht. Der schwarz-weiß geflieste Boden und die Metallstühle im Café verleihen dem Ganzen einen Hauch von Eleganz – solange ich die mitgenommene Frau im schmutzigen Hauskleid ohne Schuhe ignoriere, die in der Ecke kauert.

Ich wende mich von ihr ab und wähle einen Hocker an der Theke. Der Kellner bringt mir einen Kaffee, und ich nippe daran, während ich zusehe, wie sich jedes Flugzeug außer meinem zum Abflug bereitmacht.

Draußen, wohin ich auch blicke, ist alles ein Bienenstock aus Aktivität. Männer, die mit diesen Leuchtstäben in alle Richtungen winken, Koffer in die Bäuche der Maschinen schleudern, ohne jede Rücksicht auf „Vorsicht zerbrechlich“, über das Gelände rasen auf diesen kleinen motorisierten Wagen. Irgendwie ist es Zen, auf eine merkwürdige Art.

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