Kapitel 4 4

Also nein, die kleine Kiska muss diese eine Wahrheit nicht aussprechen, damit ich sie ebenfalls kenne: dass sie exakt die Sorte Frau ist, die auf geheimnisvolle Männer steht.

Vielleicht sogar auf gefährliche.

„Ich bin übrigens Aleksandr“, sage ich und rette sie.

„Alexander“, wiederholt sie unbeholfen.

„Versuch, es zu sagen, als wärst du nicht so schmerzhaft amerikanisch“, lache ich. „Oder wir bleiben einfach bei ‚Aleks‘.“

Sie verzieht das Gesicht. „War es so schlimm? Dann bist du wohl nicht Amerikaner.“

„Nicht im Entferntesten.“

„Du hast aber keinen richtigen Akzent.“

„Ich habe vor langer Zeit gelernt, den zurückzulassen.“

„Hm, auch sehr mysteriös. Du lehnst dich wirklich in die ganze Persona rein.“

Ich neige den Kopf in ihre Richtung. „Der Topf, der den Kessel schwarz nennt. Du hast mir immer noch nicht deinen Namen gesagt.“

„Oh, stimmt.“ Sie lacht. „Liv. Kurz für Olivia. Nicht annähernd so interessant wie dein Name. Aber ich schätze, er passt. Ich bin auch nicht besonders interessant.“

„Überlass das Urteil mir.“

Ich hatte nicht erwartet, mich so von ihr angezogen zu fühlen. Sie ist eine attraktive Frau. Wunderschön sogar.

Sie ist nur so darauf bedacht, sich unsichtbar zu machen, dass ihre Schönheit nicht sofort ins Auge fällt.

Ihre Jeans sitzen hoch in der Taille und passen gut, aber sie werden von einer langen, weiten weißen Bluse und einem Wollpullover verdeckt, der eher zu einem siebzigjährigen Mann passt als zu einer fünfundzwanzigjährigen Verführerin.

„Ich werde dich Olivia nennen“, entscheide ich.

Liv ist das unbeholfene, unsichere Mädchen mit dem hässlichen Pullover und heißem Kaffee über den Fingern.

Olivia ist die Frau unter all den Schichten. Die, die ich finden wollte.

„Oh. Äh, okay, ja, klar. Total.“ Sie lächelt höflich, doch darunter liegt eine Schicht Verwirrung, wie statische Elektrizität, die die Fernsehsendung ihres Lebens stört.

Sie ist Männer wie mich nicht gewohnt. Rätsel.

Ich schaue auf den Becher in meiner Hand hinunter. „Dieser Kaffee schmeckt wie Katzenpisse.“

Sie schnaubt vor Lachen und verbirgt es hinter ihrer kaffeebefleckten Hand. „Er wird auf meiner Liste erinnerungswürdiger Becher nicht weit oben stehen, nein. Aber es ist Flughafenkaffee — was hast du erwartet?“

„Wenn man weiß, wohin man geht, findet man immer, was man sucht“, sage ich zu ihr. „Sogar in einem Flughafen.“

Sie verengt die Augen. „Wo ist dieses magische Kaffee-Utopia, von dem du sprichst?“

„Willst du mitkommen und es herausfinden?“

Sie hebt die Augenbrauen. „Warte, echt?“

„Warum nicht?“ frage ich. „Du hast fünf Stunden Verspätung, genau wie ich. Das wird ohne einen ordentlichen Koffein-Kick schwer durchzustehen.“

Sie zögert. Ihre Gedanken stehen ihr in den Augen geschrieben, klar wie der Tag. Sie findet mich attraktiv, aber ich bin ein Fremder. Sie will mitkommen, aber sie ist nicht die Sorte Mädchen, die Risiken eingeht.

Olivia ist ein offenes Buch.

Und ich will sie auseinanderreißen — Seite für Seite für Seite.

Ich sehe den Moment, in dem sie sich entscheidet. Sie strafft die Schultern und setzt das Kinn vor. „Okay. Los.“

Als ich aufstehe, wandert ihr Blick langsam an mir hoch, und mit jedem Zentimeter werden ihre Augen größer. Sie ist nicht die erste Frau, die mich so anstarrt. Aber sie ist die erste seit einer Weile, bei der es mich überhaupt noch interessiert.

Nur nicht aus den Gründen, die sie vermutet.

Sie blinzelt und schaut weg, in dem Moment, in dem sie begreift, dass ich sie dabei beobachte, wie sie mich beobachtet. Sie richtet die Wirbelsäule auf und steht auf. „Geh voran“, verkündet sie.

Ich grinse. „Mach ich doch immer.“

Ich lotsen sie durch die Menge in Richtung der privaten Lounge des Flughafens. Nicht die für Vielflieger oder abgehetzte Geschäftsleute. Diese hier ist versteckt hinter einer unscheinbaren, verbeulten Tür ohne jedes erkennbare Schild.

Man muss die richtigen Leute kennen, um hier reinzukommen.

Ich öffne die Tür und bedeute ihr, zuerst zu gehen. Sie bleibt auf der Schwelle stehen und rümpft die Nase. „Ich wusste ja nicht, dass der beste Kaffee am Flughafen im Putzschrank zu finden ist – oh.“

Die Worte sterben ihr auf den Lippen, als sie sieht, was dahinter liegt. Ich beobachte sie, wie gebannt, während das sanfte Leuchten der Lichter, das sich in der bronzenen Plakette spiegelt, ihr Gesicht wie eine Sternenkarte erhellt.

„Ähm, Aleks? Ich … ich glaube nicht, dass ich hierhergehöre.“

„Wie kommst du darauf?“

„Ich glaube, man braucht so was wie eine exklusive Mitgliedschaft, um reinzukommen. Die werfen einen Blick auf mich und rufen dann das SEK zur Bauernentfernung.“

„Dann ist es ja gut, dass du bei mir bist.“ Ich greife in die Tasche und ziehe meine Platin-Mitgliedskarte hervor. „Komm.“

Ich schiebe sie nach drinnen und ziehe die Tür hinter uns zu. Das Gewusel des Flughafens verstummt auf der Stelle. Hier drinnen ist es ruhig und still.

Wir biegen um die Ecke, und ein Empfangstresen aus poliertem Stahl kommt in Sicht, in einem glatten Bogen geschwungen. Dahinter fährt ein Mitarbeiter sofort stramm. Ich zeige ihm meine Karte; er verbeugt sich und legt dann den Daumen auf einen Scanner, der knapp außer Sicht angebracht ist. Ein angenehmes Summen, und links schwingt eine Tür lautlos in ihren Scharnieren auf.

Olivia reißt die Augen auf, als wir weiter hineingehen.

Die Lounge ist ein weitläufiger, höhlenartiger Raum, frei fließend angelegt und in offene Nischen gegliedert, die gemütliche Wohnzimmer nachahmen. Tiefe, üppige Sofas baden im Sonnenlicht, frisch geschnittene Blumen glänzen auf jedem Tisch, und auf Mahagonischreibtischen stehen Becher mit goldenen Stiften.

An einer Seite erstreckt sich ein opulentes Buffet. Ich entdecke Krabben und Hummer, Jambalaya, Omeletts, ein halbes Dutzend verschiedener Suppen, die in eleganten Töpfen leise blubbern. Der Duft ist himmlisch.

Eine der Hostessen bemerkt uns und schreitet herüber. Ich habe sie schon einmal gesehen – groß, kurvig, mit einer Bluse, die ungefähr drei Nummern zu klein ist, und einem sehr auffälligen Mangel an BH. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich sie gevögelt habe oder nicht.

„Guten Morgen, Sir“, sagt sie und ignoriert Olivia völlig. „Darf ich Ihnen etwas bringen?“

„Zwei Tassen Kaffee“, sage ich. „Wir nehmen sie in einer der privaten Lounges.“

In dem Moment, in dem sie verschwindet, schiebt Olivia sich dicht an meine Seite. Sie ist größer, als ich gedacht habe, als ich mich im Café neben sie gesetzt habe. Ich würde sagen, so um die eins fünfundsiebzig oder eins achtundsiebzig. Das leichte Zusammenziehen ihrer Schultern verrät mir, dass sie den Großteil ihres Lebens versucht hat, sich kleiner zu machen.

„Es gibt eine private Lounge in der privaten Lounge?“

„Komm mit.“

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