Nach dem Unterricht

ARIA

Ein C?

Ich habe ein C für meine Hausarbeit in Werwolfgeschichte bekommen!?

Ungläubig sehe ich zu Professor Denver auf. Hinter seinen Brillengläsern mustert er mich und sagt ruhig: „Beim nächsten Mal besser, Murdock.“

„Aber … was könnte schiefgelaufen sein? Ich bin mir sicher, ich—“

„Alles, was Sie besprechen möchten, können Sie nach dem Unterricht mit mir besprechen“, unterbricht er mich abweisend, bevor er weitergeht, um weitere benotete Arbeiten auszuteilen. Ungläubig blättere ich die Seiten durch. Ich habe alles in diese Arbeit gesteckt, wie immer, und doch scheint aus irgendeinem Grund nichts jemals genug für Professor Denver zu sein.

Ich bin die schlechteste Studentin in seinem Kurs, was verrückt ist, wenn man bedenkt, dass ich sonst in allem gut bin – genau deshalb habe ich überhaupt ein Stipendium bekommen, um an der Ironclaw U zu studieren.

Aber ich muss einen bestimmten Notenschnitt halten, um das Stipendium zu behalten. Wenn ich rausfliege – was soll ich dann machen?

Ich bin die älteste in meinem Kurs, weil Onkel Barty einfach nicht das Geld hatte, mein Studium zu bezahlen. Nach der Highschool habe ich ein paar Gelegenheitsjobs angenommen, gedemütigt, weil ich so dringend weiterstudieren und später im medizinischen Bereich arbeiten wollte. Zwei Jahre später bot sich mir diese Chance meines Lebens. Onkel Barty hat es geschafft, mir diese Stelle zu sichern.

Ich arbeite als Sanitäterin für das Team im Austausch für meine Kurse. Es ist unbezahlt und es ist eine Menge Arbeit, aber ich bin mehr als privilegiert, diese Möglichkeit zu haben.

Nur zwanzig weitere Omegas studieren an der Ironclaw U. Das sind die reichen Omegas – die mit Generationenvermögen, die tatsächlich Seite an Seite mit dem Alpha arbeiten.

Der Rest von uns ist zu arm, um unsere Ausbildung fortzusetzen, also landen wir für den Rest unseres Lebens in mies bezahlten Jobs, kämpfen darum, die Miete zu zahlen und irgendwie zu leben.

So eine Note könnte mein Leben zerstören. Ich weiß einfach nicht, wie ich es ihm recht machen soll.

Was mache ich nur?

„Nun“, fährt er fort, als er wieder neben der Tafel steht, „jetzt haben Sie Ihre Note gesehen. Glückwunsch an alle, die gut bestanden haben – Ihre Bemühungen werden geschätzt.“

Als er das sagt, schaut er direkt mich an, und meine Wangen werden rot und heiß.

„Machen wir weiter auf Seite—“

Seine Lektion wird unterbrochen, als jemand das Klassenzimmer betritt. Zehn Minuten zu spät. Ryder. Er sieht Professor Denver an und sagt mit tiefer Stimme, die ich hören kann, weil ich direkt in der ersten Reihe sitze: „Ich hatte ein Gespräch mit dem Direktor.“

„Schon gut. Bitte setzen Sie sich.“

Das ist der einzige Kurs, den wir zusammen haben, und in den letzten zwei Monaten ist er immer hereingestiefelt und hat mich kein einziges Mal angesehen. Heute ist es anders. Seine Augen liegen auf mir, während er vorbeigeht, und unser Blickkontakt reißt erst ab, als er an mir vorbei ist.

Aber ich bin ihn noch nicht los, denn er setzt sich direkt hinter mich.

Sein warmer, würziger Duft dringt mir in die Nase und lenkt mich ab. Ich höre Professor Denver nicht zu – ich achte auf seinen Geruch und darauf, wie er hinter mir atmet und sich bewegt. Es ist so nervig. Ich kann mich auf nichts konzentrieren außer auf das Gefühl, dass er hinter mir ist.

Ich bin in diesem Kurs ohnehin schon schlecht. Ich brauche nicht auch noch das.

„… Ms. Murdock?“

Ich schaue auf und sehe dem Professor direkt in die Augen. Er beobachtet mich streng, und mir wird klar, dass er mir gerade eine Frage gestellt hat, die ich nicht einmal gehört habe.

Mist.

„Äh … könnten Sie das bitte noch mal fragen?“

„Abgelenkt?“

Ich schlucke. Ich habe keine Ahnung, was ich darauf überhaupt antworten soll. Ich spüre jeden Blick im Raum auf mir, und es ist kein gutes Gefühl. Wäre Ryder Drexel nicht direkt hinter mir gesessen, wäre das nicht passiert.

Ja, es ist meine Schuld, dass ich mich habe ablenken lassen. Aber ich gebe ihm die Schuld.

„In welchem Jahr war die letzte Rogue-Rebellion?“, wiederholt er und rückt seine Brille zurecht.

„1967“, antwortet die Stimme hinter mir, bevor ich auch nur die Chance habe, etwas zu sagen. Ryder. Professor Denver nickt, aber der Blick, den er mir zuwirft, ist voller Enttäuschung.

Ich balle die Fäuste unter dem Tisch und drehe den Kopf, um ihn anzusehen. Seine Augen treffen meine, und in seinem Gesicht liegt etwas Unlesbares. Warum hat er die Frage für mich beantwortet? Was zur Hölle stimmt nicht mit ihm?

„In Ordnung, der Unterricht ist beendet. Ms. Murdock, bleiben Sie bitte noch einen Moment.“

Ich packe meine Sachen unnatürlich langsam ein, während ich warte, bis alle aus dem Raum geströmt sind. Ryder ist der Letzte, der geht. Ich spüre seinen Blick auf mir, als er zur Tür hinübergeht, aber ich ignoriere ihn. Sobald er draußen ist, trete ich an Professor Denvers Pult.

„Das ist nicht gut, Aria“, sagt er und benutzt meinen Vornamen, was er nie tut, wenn andere Studierende dabei sind. Er lehnt sich zurück und starrt mich lange an. „Was ist los? Unterrichte ich Sie nicht gut?“

„Ich frage mich eher, warum Sie mir so eine schlechte Note gegeben haben“, sage ich. „Ich habe alles gegeben – ich weiß, dass ich das richtig gut gemacht habe.“

Ich habe wochenlang daran gearbeitet. Wie kann das sein?

„Hm“, macht er, beugt sich jetzt näher vor und legt die Hände auf den Tisch. „Also wissen Sie es besser als ich? Oder was wollen Sie damit sagen? Dass ich Ihnen absichtlich eine schlechte Note gegeben habe?“

Ich halte den Kiefer angespannt und verkneife mir eine Antwort.

Langsam zieht sich ein Lächeln über seine Lippen, und aus irgendeinem Grund gerate ich in Panik. Es macht mich nervös. „Sie sind wirklich… etwas Besonderes, Aria. Ich glaube, ich habe noch nie eine Omega wie Sie getroffen.“

„Was soll das heißen, Professor?“

„Das heißt, Sie sind anders“, behauptet er, bevor er aufsteht und sich an die Seite des Pults lehnt. Er steht mir jetzt sehr nahe, und ich bekomme von allem hier ein seltsames Gefühl. Er hat mich schon öfter gebeten, noch zu bleiben, aber so… seltsam wurde es nie. „Ich weiß nicht, ob es mir gefällt oder nicht.“

„Warum haben Sie mich gebeten zu bleiben?“, frage ich, komme direkt zum Punkt und hoffe, dass ich dadurch schneller gehen kann.

„Ich wollte mit Ihnen über Ihre Note sprechen.“

„Ich werde mich verbessern.“

Er tippt einmal mit dem Finger auf das Pult. Dann ein zweites Mal. „Ich bin mir nicht sicher, ob das in Ihrem Fall reichen wird, um ehrlich zu sein.“

Ich suche seinen Blick hinter der Brille. „Was soll das heißen? Ich weiß, dass ich mich verbessern kann.“

Wieder lächelt er auf diese unheimliche Art. Es kribbelt mir über die Haut. Ich will hier verdammt noch mal raus. „Wir besprechen das am Freitag im Detail. Kommen Sie nach sechs in mein Büro.“

Ich schnappe mir mein Blatt und haste zur Tür, das Herz schlägt mir schnell. Ich drücke die Tür auf und stolpere in den Flur.

Beim Anblick von Ryder, der an der Wand des leeren Flurs lehnt, entfährt mir ein lauter Atemzug. Mein Herz hämmert gegen die Rippen. Sein Blick liegt auf mir, unbeirrt. Bevor ich ihn fragen kann, was er hier macht, fragt er: „Ist alles in Ordnung?“

Ich bin so überrumpelt, dass ich seine Frage nicht beantworten kann. Fragt Ryder Drexel mich das gerade wirklich?

Ohne Vorwarnung stößt er sich von der Wand ab und kommt an meine Seite. „Beantworte meine Frage, Aria. Geht es dir gut? Hat er dir wehgetan?“

Was. Zur. Hölle?

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