Der Herbst
RYDER
Statt meine Frage zu beantworten, stößt sie einen erschrockenen Atemzug aus, als hätte ich sie verängstigt, und geht, ohne ein Wort zu sagen, einfach von mir weg.
Ich schnaube empört, während ich ihrer sich entfernenden Gestalt nachstarre. Wird dieses Mädchen jemals aufhören, mich zu überraschen? Zugegeben, ich habe sie gerade erst kennengelernt, also weiß ich nicht, wie sie sonst so ist, aber wenn sie sich so gegenüber dem zukünftigen Alpha ihres Rudels verhält – wie behandelt sie dann alle anderen?
Ich muss losjoggen, um sie einzuholen, und als ich es schaffe, packe ich sie am Arm, um sie aufzuhalten. Irritation schießt durch mich, dick und stachelig, bei der Erkenntnis, dass ich gerade ignoriert worden bin. Ganz offen. Direkt ins Gesicht. „Bist du taub? Ich habe dir eine Frage gestellt!“
Sie reißt ihren Arm aus meinem Griff. „Und ich will ganz offensichtlich nicht darauf antworten! Was ist das überhaupt für eine Frage? Warum sollte ich verletzt sein?“
„Weil Professor Denver hier einen Ruf hat. Weißt du das nicht? Hast du nichts gehört?“
Ihre Augen sind ein bisschen weit, aber sie versucht, ihre Nervosität zu verbergen. Ich merke es. „Was für einen Ruf?“
Ich schüttle den Kopf über sie. Ich kann es nicht lassen. „So frech wie du bist, und du bist nicht in die Geheimnisse der Schule eingeweiht? Was ist – reden deine Freunde nicht mit dir über die Gerüchte?“
Bei meiner Frage verlagert sie das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Sie zuckt die Schultern. „Ich habe keine Freunde, also nein, ich weiß nicht, wovon du redest.“
Ich starre ihr eindringlich ins Gesicht und versuche, das, was sie gesagt hat, zu begreifen. „Wie meinst du das? Wie kannst du keine Freunde haben? Es gibt hier doch andere Omegas.“
Sie verschränkt die Arme. „Ah, ich verstehe. Sogar du findest, dass ich nur mit anderen Omegas befreundet sein kann.“
Scham sticht mir in die Brust. Ich habe das so achtlos herausgeplatzt. Wenn ich mit meiner Clique zusammen bin, fällt es mir leichter, über Omegas so zu reden, wie wir es tun – darüber, wie schwach sie sind, und all den anderen Scheiß.
Aber ich hätte es nicht vor ihr erwähnen dürfen.
„So habe ich das nicht gemeint.“
„Doch, hast du.“
Ich presse den Kiefer zusammen. Mit ihr zu streiten ist unmöglich. Verdammt, ich bin es gewohnt, Diskussionen zu gewinnen. Niemand stellt mich jemals infrage. Es ist schwer, in ihrer Nähe nicht empört zu sein. Ich bin der zukünftige Alpha.
Was gibt ihr das Recht, so mit mir zu reden?
„Darum geht es doch nicht“, knurre ich. „Wir haben über Professor Denver gesprochen.“
Sie streicht sich eine Haarsträhne hinter das Ohr und seufzt. „Ja. Statt mir zu sagen, warum du unbedingt auf mich warten musstest, hast du dich darüber lustig gemacht, dass ich keine Freunde habe, und sogar meinen Rang auf die demütigendste Art überhaupt erwähnt.“
Ich kann es nicht fassen. „Das ist doch Bullshit, und das weißt du. Ich hab das nicht so gemeint. Hör zu, Professor Denver ist ein Raubtier, okay? Wenn du kannst, geh ihm aus dem Weg, wenn niemand zusieht. Das ist alles, was ich dir sagen wollte.“
„Und wenn er so ein Raubtier ist, warum hat es dann noch keiner von euch gemeldet? Weil er Beta-geboren ist?“ Sie schnaubt. „Danke für die Warnung.“
Als sie weggeht, sehe ich ihr an, dass sie mir nicht geglaubt hat. Wieder schüttle ich den Kopf. Ist das gerade wirklich passiert? Sie hat mich einfach abgewimmelt und ist weggegangen.
Ich bin so verdattert, dass ich fast vergesse, dass ich Training habe. Wenn ich es nicht rechtzeitig schaffe, hat Coach Murdock die Erlaubnis, mich für den Rest des Trainings auf die Bank zu setzen. Ich beeile mich, so schnell ich kann.
Unsere Eisbahn an der Uni ist direkt neben dem Fitnessstudio, also muss ich mich sputen, um pünktlich da zu sein. Als ich die Umkleide erreiche, sind alle schon weg.
„Scheiße“, fluche ich, während ich mich hastig in die Uniform werfe und gleichzeitig nach meiner Ausrüstung greife. Nein, ich kriege es nicht hin. Ich lasse den Kram fallen und veranstalte ein Chaos. Und das Schlimmste? Der ganze Aufwand garantiert mir nicht mal, dass ich spiele.
Ich steuere auf den Ausgang zu, sehe kaum, was direkt vor mir ist, und remple jemanden an. Ein missbilligendes Geräusch entweicht ihren Lippen, und ich weiß schon, wer es ist.
Ihre Augen bohren sich wie Messer in mich. „Du schon wieder!“
Diesmal kann ich nicht die Klappe halten. Während ich mein Shirt über den Bauch nach unten zupfe, verringere ich den Abstand, indem ich mich Zentimeter für Zentimeter näher an sie heranschiebe, und sage mit zusammengebissenen Zähnen: „Ich bin der zukünftige Alpha, kapiert? Vielleicht solltest du zweimal nachdenken, bevor du mit mir redest, wie’s dir gerade passt.“
„Du bist noch nicht der Alpha!“, faucht sie zurück. „Solange du an dieser Uni bist, sind wir hier alle gleich. Sind das nicht die Regeln? Dass kein Student irgendeine Sonderbehandlung verdient?“
Ich setze an, etwas zu sagen, doch da höre ich Coach Murdocks Stimme und gehe darauf zu, lasse sie in ihrer Sanitäteruniform zurück.
Er steht direkt neben der Tür, die zur Eisfläche führt, und starrt auf seine Uhr. Ich habe keine Ahnung, wie zum Teufel ich mich da rausreden soll. Wie soll ich ihm sagen, dass seine Nichte für meine Verspätung verantwortlich ist?
Sobald er mich sieht, platzt es aus ihm heraus: „Das ist inakzeptabel, Drexel!“
„Tut mir leid, Coach“, keuche ich. „Ich hatte eine beschissene Periode.“
„Periode, ja?“ Er mustert mich mit einem Blick, der mich verdorren lässt. „Ja, das bezweifle ich nicht, Prinzessin. Los. Ab aufs Eis.“
„Danke, Coach“, sage ich, erleichtert, dass ich eine Chance bekomme. Coach Murdock ist gnadenlos. Wenn er etwas sagt, meint er es auch so. Er macht keine Spielchen.
„Was war denn los, Ryder?“, fragt Zach mich leise. „Du kommst nie zu spät. Ist alles okay?“
„Ja, mach dir keine Gedanken.“
Ich laufe auf dem Eis warm, und er folgt mir. Ich blicke mich um, und mein Blick bleibt an Tyler Hawke hängen. Wut – roh und sinnlos – bläht sich in meiner Brust auf. Sie lässt nicht mal Platz für gesunden Menschenverstand. Warum bin ich wütend auf ihn? Wegen diesem Omega-Gör, das absolut keine Manieren hat? Ich hab ihr einen Gefallen getan, bin zurückgeblieben und hab riskiert, auf der Bank zu landen.
Bei einem anderen Mädchen hätte ich es nicht getan.
Ganz schön kaputt, so was zu denken, oder?
Tylers Blick trifft meinen, und irgendetwas geht zwischen uns hin und her. Dann, nachdem ich an ihm vorbeigelaufen bin, sehe ich sie. Sie steht bei ihrem Onkel, die Arme verschränkt. Er scheint sie wegen irgendetwas zusammenzustauchen. Auch wenn Trotz in jeder Faser ihrer Haltung steht, hat sie den Blick gesenkt und sagt kein Wort.
Wenigstens gibt es jemanden, den sie respektiert.
Plötzlich treffen ihre Augen meine, und darin sehe ich einen Funken von etwas – etwas, das sich verdammt noch mal nicht erklären lässt. Bevor ich überhaupt versuchen kann zu begreifen, was ich da gesehen habe, stürze ich, und ich lande mit meinem verdammten Gesicht direkt vor allen meinen Teamkollegen auf dem Eis.
„Whoa, Ryder!“, sagt Zach sofort, als er nach mir greift. Ich spüre seine Hand auf meiner Schulter, während ich auf die Knie komme.
Aufgeplatzte Lippe. Meine Zunge schnellt vor und schmeckt Blut. Na ja, hätte schlimmer kommen können.
Aber diese Peinlichkeit.
„Alles gut“, versichere ich ihm, bevor ich aufstehe. Als ich den Kopf drehe, um hinzusehen, ist sie nicht mehr da. Coach Murdock brüllt: „Alles in Ordnung bei dir?“
Verdammt. Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so gedemütigt gefühlt.
Ich bin noch nie hingefallen. Nicht, außer wenn mich jemand umgehauen hat. Was zur Hölle ist das? Ich gebe ihm den Daumen hoch und hoffe, dass wir endlich anfangen.
Ich sollte dieses Mädchen aus dem Kopf kriegen. Sofort.
Es ist ihre verdammte Schuld, dass ich hingefallen bin.
