KAPITEL 0 - VOR FÜNF JAHREN

Der Mond war schon immer ihr Schicksal gewesen.

Solange Saphira denken konnte, hatte sie sich diese Nacht vorgestellt, ihren achtzehnten Geburtstag, den Vollmond, der nur für sie aufging, den Moment, in dem ihr Wolf endlich erwachen würde. Jede Geschichte, die sie je gehört hatte, jedes geflüsterte Versprechen der Ältesten, jeder Traum, an den sie sich geklammert hatte, besagte dasselbe... Wenn der Mond ruft, antwortet dein Wolf.

Und heute Nacht rief der Mond.

Ihre Rudelmitglieder versammelten sich in einem lockeren Kreis um sie. Manche sahen voller Neid zu, andere voller Ehrfurcht, doch sie alle warteten auf denselben Moment. Die erste Verwandlung.

Sie hatte ihr ganzes Leben darauf gewartet.

Als der Mond unfassbar hell über den Baumwipfeln erschien, trat sie in seinen Schein. Das Licht ergoss sich über sie wie geschmolzenes Silber, warm und kalt zugleich. Sie schloss die Augen und machte sich bereit für das Knacken der Knochen, den Rausch der Macht, das wilde, wunderschöne Aufbäumen ihres Wolfes, der sich erhob, um ihr zu begegnen.

Sie wartete... Und wartete. Doch nichts passierte.

Das Summen unter ihrer Haut flackerte auf... und erstarb.

Ein leises Murmeln ging durch die Menge. Saphira schluckte schwer und versuchte es erneut... erzwang die Verwandlung, bettelte darum, flehte stumm zur Mondgöttin. Ihr Herzschlag donnerte in ihren Ohren und übertönte das Flüstern hinter ihr.

Noch immer nichts.

Minuten zogen sich zu einer Ewigkeit. Der Mond stieg höher, gleichgültig. Ihr Atem wurde flach, ihre Handflächen feucht. Sie versuchte, die Verwandlung zu erzwingen, versuchte, etwas heraufzubeschwören, irgendetwas, aber ihr Körper blieb stur und schmerzhaft menschlich.

Als der Mond seinen Höhepunkt erreichte, traf sie die Wahrheit wie eine Klinge.

Ihr Wolf würde nicht kommen.

Ein kalter, hohler Schmerz öffnete sich in ihrer Brust und breitete sich aus wie Frost. Das Flüstern hinter ihr wurde schärfer und schnitt durch die Nacht.

Wolflos.

Gebrochen.

Nutzlos.

Jemand kicherte. Ein anderer murmelte ein Gebet. Einige traten zurück, als wäre ihr Versagen ansteckend.

Saphiras Sicht verschwamm; sie bekam keine Luft.

Sie konnte nicht bei ihnen bleiben. Also rannte sie.

Äste kratzten an ihren Armen, als sie in den Wald floh, und ihre Sicht verschwamm mit jedem Schritt. Sie hielt erst an, als sie die Klippe erreichte, wo die Welt unter ihr abfiel. Tief unten tobte der Fluss, eine dunkle, hungrige Strömung, die alles verschlang, was sich ihr in den Weg stellte.

Sie starrte in die Nacht, Tränen liefen über ihre Wangen, und ihre Stimme brach, als sie die Mondgöttin um eine Antwort anflehte.

Warum sie?

Warum das?

Warum ihr das Einzige nehmen, worauf sie ihr ganzes Leben gewartet hatte?

Doch der Wind brachte keine Antwort. Nur Stille.

Schritte näherten sich von hinten. Für einen Herzschlag flackerte Hoffnung auf. Vielleicht war jemand gekommen, um sie zu trösten, um ihr zu sagen, dass es ein Irrtum war, dass ihr Wolf sich nur verspätet hatte.

Doch es war Ruby.

Die Stimme ihrer Halbschwester war Gift, eingehüllt in Seide. „Du bist eine Schande für diese Familie. Du hättest niemals geboren werden dürfen.“

Saphira zuckte zusammen, aber Ruby war noch nicht fertig.

„Du hast uns vor dem ganzen Rudel blamiert. Vater wird dir das niemals verzeihen. Und ich auch nicht.“

Saphira öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Ruby wandte sich ab, nur um im nächsten Moment mit einem Knurren herumzuwirbeln und direkt auf sie loszustürmen. Die Absicht war unmissverständlich. Ruby wollte sie über die Klippe stoßen.

Panik packte sie.

Ihre Füße rutschten auf losem Geröll aus. Der Klippenrand bröckelte unter ihrer Ferse. Sie stolperte rückwärts, ruderte mit den Armen … Dann brach Connor aus den Bäumen hervor.

Er rief nicht. Zögerte nicht. Er warf sich zwischen sie und stieß Saphira mit all seiner Kraft aus Rubys Weg.

Die Welt drehte sich.

Sie schlug hart auf dem Boden auf, der Aufprall trieb ihr die Luft aus den Lungen. Schmerz schoss ihre Wirbelsäule hinauf. Sie keuchte und rappelte sich hastig auf die Ellbogen hoch, gerade rechtzeitig, um Ruby schreien zu hören.

„CONNOR!“

Saphiras Blut gefror zu Eis.

Ruby lehnte sich über die Klippe, ihre Stimme hallte schrill und panisch durch die Berge.

Connor war weg.

Saphiras Herz hämmerte gegen ihre Rippen, als sie zum Rand stolperte. Der Fluss tief unten schäumte wild und verschlang alles, was sich ihm in den Weg stellte. Sie schrie seinen Namen, bis ihr die Kehle brannte, bis ihre Stimme brach, bis die Nacht selbst vor ihrer Verzweiflung zurückzuweichen schien.

Aber es gab keine Antwort.

Nur den Fluss.

Nur die Stille.

Ihre Knie gaben nach. Sie klammerte sich an die Erde, zitternd, schluchzend, und betete für ein Wunder, das nicht geschah.

Als das Rudel eintraf, war Ruby verschwunden … und ihre Lügen hatten bereits Wurzeln geschlagen.

„Sie hat ihn gestoßen!“

„Sie hat ihn getötet!“

„Sie ist durchgedreht, weil sie sich nicht verwandelt hat!“

„Sie ist gefährlich!“

Die Anschuldigungen verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Saphira versuchte zu sprechen, versuchte sich zu erklären, doch jedes Wort prallte an einer Mauer aus Misstrauen und Angst ab. Das Rudel kreiste sie ein, ihre Augen kalt, ihr Urteil absolut.

Sie töteten sie nicht für das Verbrechen, dessen sie angeklagt war – nicht, weil sie ihr glaubten, sondern weil Connors Leiche nie gefunden wurde. Ohne Beweise konnten sie sie nicht hinrichten.

Stattdessen dachten sie sich eine andere Strafe aus. Sie zerrten sie in den Kerker.

Achtzehn Peitschenhiebe. Einen für jedes Jahr ihres Lebens, und einen für jedes Jahr, das Connor niemals erreichen würde.

Die silberdurchwirkte Peitsche schnitt wieder und wieder in ihren Rücken. Sie hatte keinen Wolf, um den Schmerz zu lindern oder die Wunden zu heilen. Sie war sich nicht sicher, ob sie überleben würde. Ein Teil von ihr wollte es auch gar nicht.

Doch sie tat es … Gerade so.

Und die Narben blieben. Sie waren erhabene, gezackte Erinnerungen, tief in ihre Haut geritzt. Sie trug sie wie ein zweites Rückgrat, jedes dieser Male eine Erinnerung an Verrat, Verlust und die Nacht, in der ihre Welt zerbrach.

Jahrelang folgten ihr die Blicke des Rudels wie Schatten. Mörderin. Monster. Fehler.

Sie lernte, den Blick gesenkt zu halten. Lernte, ihre Trauer hinunterzuschlucken. Lernte, mit der Last eines Verbrechens zu leben, das sie nicht begangen hatte.

Aber Saphira weigerte sich, daran zu zerbrechen.

Sie weigerte sich zu glauben, dass Connor umsonst gestorben war.

Sie weigerte sich, Rubys Sieg zu akzeptieren.

Sie weigerte sich, sich vom Rudel definieren zu lassen.

Etwas Wildes war in jener Nacht in ihr erwacht … kein Wolf, sondern ein Wille. Eine Kraft. Ein Versprechen.

Das Versprechen, dass sie eines Tages die Wahrheit ans Licht bringen und ihren Bruder rächen würde.

Sie würde überleben, auch wenn die Welt darauf bestand, dass sie es nicht tun sollte.

Und eines Tages würde sie alle bereuen lassen, das Mädchen unterschätzt zu haben, das sich nie verwandelt hatte.

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