Kapitel 2
Emilys Herz war in den Keller gesackt.
Sie sollten doch eine Familie sein, und doch lag nun eine unübersehbare Distanz zwischen ihnen – nicht nur ein bisschen räumlicher Abstand, sondern ein tiefer emotionaler Abgrund, der unüberbrückbar schien.
In jedem Gesicht im Raum lag Misstrauen, Vorsicht, Argwohn. Lucas war sogar einen Schritt nach vorn getreten und hatte sich schützend vor Laura gestellt.
Emily war alles andere als naiv. Sie sah deutlich genug, dass Laura inzwischen diejenige war, die von der ganzen Familie wirklich geschätzt und gehütet wurde.
Die Adoptivtochter bekam all die Liebe, die eigentlich ihr hätte gehören sollen – von ihren Eltern, von ihrem Verlobten, von allen.
Aber warum war es überhaupt so weit gekommen? Die Verbrecherbande hatte ursprünglich Laura im Visier gehabt, nicht sie.
Emily hatte sich ohne zu zögern auf diese Männer gestürzt, hatte Laura zugeschrien, sie solle nach Hause rennen und die Polizei rufen.
Hätte Laura tatsächlich die Polizei verständigt, wäre Emily vielleicht niemals entführt worden – aber Laura war einfach davongerannt, ohne auch nur ein einziges Mal zurückzublicken!
Emily hatte unzählige Qualen und Misshandlungen für dieses Mädchen ertragen!
Und jetzt besaß ausgerechnet diejenige, die an all ihrem Leid schuld war, alles, was eigentlich Emily zustehen sollte.
Wie sollte sie das jemals akzeptieren können?
In diesem Moment trat Laura hinter Lucas hervor, Tränen standen ihr in den Augen, während sie nach vorne griff und Emilys Hand packte, ihre Stimme schwer vor offenbar aufrichtiger Reue.
„Es tut mir so leid, Emily. Das alles ist meine Schuld – jedes einzelne bisschen! Du wurdest meinetwegen verschleppt, du hast ein ganzes Jahr gelitten, eine Misshandlung nach der anderen ertragen, bis dein Körper nicht mehr konnte und du dir diese Krankheiten eingefangen hast. Das ist alles meinetwegen, und ich werde mir das nie verzeihen. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, wäre ich lieber an deiner Stelle genommen worden!“
Sie schien wirklich von Schuldgefühlen verzehrt, und doch hatte sie im selben Atemzug alle schrecklichen Gerüchte über Emily bestätigt – Gerüchte, die es vorher gar nicht gegeben hatte.
Das Vorurteil, das sich bereits in den Herzen aller festgesetzt hatte, fühlte sich nun wie ein unsichtbarer Berg an, der sich auf sie legte.
Emilys Augen wurden in einem Schlag eiskalt. Ohne zu zögern riss sie ihre Hand aus Lauras Griff.
„Du behauptest, ich hätte Krankheiten. Welche Beweise hast du dafür?“
Laura stieß einen schrillen Schrei aus, taumelte zurück und sackte zu Boden.
Emily ballte fassungslos die Fäuste. Sie hatte kaum Kraft aufgewendet.
Sie hätte sehr gern viel mehr Kraft eingesetzt, aber in ihrem jetzigen geschwächten Zustand besaß sie sie einfach nicht.
Und trotzdem stellten sich alle – selbst jetzt – ohne zu zögern auf Lauras Seite.
War Laura wirklich eine so überzeugende Schauspielerin? Oder war allein Emilys Existenz ihnen allen so unangenehm, dass sie sie am liebsten verleugnet hätten?
Bianca eilte zu Laura, um ihr aufzuhelfen, die Stimme übervoll vor Sorge. „Laura, Liebling, hast du dir irgendwo wehgetan?“
Laura schüttelte langsam den Kopf, während sie wieder auf die Beine kam, ihre Stimme vom Weinen belegt.
„Bitte macht Emily deswegen keine Vorwürfe. Wie auch immer sie mich behandelt, ich habe es verdient.“
Lucas sah zu Laura hinüber, und in seinem Blick lag nichts als sanftes Mitgefühl. „Laura, du bist viel zu gutmütig und verständnisvoll. Genau deshalb nutzen die Leute dich aus. Warum solltest du jetzt ihren Prügelknaben spielen, nur wegen dem, was ihr passiert ist?“
Damit wandte er den Blick Emily zu, und der Ekel in seinen Augen war völlig unverhohlen.
„Emily, wir haben sehr wohl Mitgefühl mit allem, was du durchgemacht hast, aber Laura ist in dieser Sache völlig unschuldig. Sie ist körperlich schwach, und kaum betrittst du das Haus, fährst du sie schon an?“
Emilys Herz war nun endgültig in tausend Stücke zerbrochen.
Sie sahen nur Lauras angebliches Leid – nie ihres!
Sie hatte gerade so überlebt, sich mit letzter Kraft nach Hause gekämpft, und so wurde sie empfangen!
Sie war diejenige, die in diesem Raum am dringendsten Zuwendung und Fürsorge brauchte!
Emily schluckte ihren Schmerz mühsam hinunter und richtete einen anklagenden Finger auf Laura. „Ich wurde überhaupt nur entführt, weil ich versucht habe, sie zu retten! Wenn sie einfach die Polizei gerufen hätte, wie ich es ihr gesagt habe, wie hätte ich dann jemals verschleppt werden sollen? Sie vergießt ein paar Krokodilstränen und ihr habt alle sofort Mitleid mit ihr – aber was ist mit mir? Was bin ich euch eigentlich?“
Emilys Stimme brach immer mehr, je länger sie sprach.
Als sie ausgepeitscht und mit Elektroschockern gefoltert worden war, hatte sie keine einzige Träne vergossen.
Doch jetzt brannten ihre Augen, und sie musste mit aller Kraft dagegen ankämpfen, dass die Tränen nicht herausbrachen.
„Welchen Sinn hat es, die Vergangenheit jetzt wieder aufzuwühlen?“
Wayne konnte sich nicht länger beherrschen, sprang wutentbrannt auf und schrie.
„Laura hatte damals Todesangst. Glaubst du, einer von uns hätte gewollt, dass dir all das passiert? Sie lebt jetzt schon das ganze Jahr mit Schuldgefühlen und Reue, sie hat sich sogar die Pulsadern aufgeschnitten, um sich das Leben zu nehmen. Willst du Laura in den Tod treiben, bevor du endlich zufrieden bist?“
Emilys Körper bebte leicht, während sie dort stand.
In ihren Augen lag nicht nur Traurigkeit, sondern blankes, vollkommenes Unglauben.
Sollte es wirklich so einfach sein – konnte Laura all ihre Verantwortung mit ein paar oberflächlichen Gesten von Schuld und Reue einfach wegwischen?
Emily ballte die Hände so fest, dass sich ihre Nägel tief in die Handflächen bohrten.
„Na und?“ Emilys Miene war vollkommene Trostlosigkeit, ausgehöhlt von Verzweiflung.
„Willst du damit sagen, dass ich als Opfer nicht einmal das Recht habe, die Wahrheit auszusprechen? Ich bin eure leibliche Tochter, und nach allem, was ich ertragen und durchgemacht habe, nur um wieder nach Hause zu kommen, hätte ich niemals erwartet, euch hier beim fröhlichen Familienglück mit der Person zu sehen, die für mein Leid verantwortlich ist!“
Emilys Emotionen brachen endgültig aus ihr heraus, jedes Wort ihrer Anklage von rohem Schmerz durchzogen.
Ihr Ausbruch ließ den gesamten Raum in peinliches Schweigen stürzen.
Bianca wandte sich mit einem unbehaglichen Ausdruck im Gesicht Emily zu und seufzte leise. „Emily, wir verstehen schon, was du alles durchgemacht hast, aber irgendwann müssen wir nach vorne schauen. Du kannst nicht immer alles auf Laura abwälzen. Am Ende des Tages waren die wahren Schuldigen doch diese Verbrecher, oder nicht?“
Bianca setzte mit ihrer Standpauke nach.
„Außerdem bist du jetzt endlich wieder zu Hause. Wir sollten uns darauf konzentrieren, als Familie zusammenzuhalten. Wenn du diese alten Geschichten ständig wieder auf den Tisch bringst, werden wir doch nur zum Gespött der Leute.“
Emily fehlten die Worte.
Sie stand einfach nur da, bis ins Mark ausgekühlt, und ließ ihren Blick über die Gesichter um sie herum wandern, aus denen nur Verachtung sprach, der Ekel in den Augen ihrer Familie unverkennbar.
In diesem Moment wurde ihr klar, dass all die Träume, an denen sie vom Nachhausekommen festgehalten hatte, sie nur zu einer vollständigen Narren gemacht hatten.
Emily presste die Augen fest zusammen.
In diesem Augenblick ertönte hinter ihr eine Stimme, in der ein amüsierter Unterton mitschwang.
„Sollten hier nicht jede Menge Gäste sein? Warum steht ihr alle nur beim Eingang herum?“
Jason Windsor, Emilys älterer Bruder, kam mit fragendem Blick auf dem Gesicht näher, doch seine Worte versiegten, sobald sein Blick auf Emily fiel.
Sein Gesicht erstarrte vor Schreck, doch von Freude keine Spur. „Wie bist du wieder hierhergekommen?“
Diese Worte fuhren Emily wie ein Messer direkt ins Herz.
Jason war immer derjenige gewesen, der ihr am nächsten gestanden hatte.
Ihr allerletzter, still gehegter Hoffnungsschimmer hatte allein darauf geruht, wie Jason reagieren würde.
Doch jetzt … Sie schluckte den Schmerz hinunter und zwang sich zu einer Erklärung.
„Das Versteck der Verbrecherorganisation wurde von den Behörden gestürmt. Ich wurde gerettet.“
Jason schien sich plötzlich an etwas zu erinnern, und sein Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig.
„Alle sofort zurücktreten. Sie könnte ansteckende Krankheiten haben. Wir müssen sie sofort ins Krankenhaus bringen, zu einer gründlichen Untersuchung. Sie darf keinen Kontakt mit uns haben, bevor wir nicht absolut sicher sind, dass sie nicht ansteckend ist.“
Der letzte Funke Licht in Emilys Augen erlosch vollständig.
Jason war immer derjenige gewesen, der sie am meisten geliebt hatte – und nun war ausgerechnet er es, der sie behandelte, als wäre sie ein gefährliches Virus.
Auf seine Worte hin wichen alle um sie herum sofort zurück, und Emily blieb völlig allein mitten im Raum stehen, umgeben nur von Feindseligkeit, die von allen Seiten auf sie einprasselte.
„Laura, du bist gesundheitlich angeschlagen – bleib hinter mir. Sicherheitsleute, kommt her und bringt Emily ins Krankenhaus, damit sie gründlich untersucht wird. Ansteckende Krankheiten haben Inkubationszeiten. Sie muss mindestens einen Monat in Quarantäne!“
Zwei Sicherheitsleute traten sofort vor, wollten Emily packen, doch der Gedanke an die angeblichen ansteckenden Krankheiten ließ sie innehalten. Sie blieben zögernd stehen, keiner von beiden wagte es, sie direkt zu berühren.
„Ich habe keine ansteckenden Krankheiten! Das sind nichts als Lügen!“
Emilys Augen waren ganz rot gerändert, als sie ihren Protest hinausschrie.
Sie war gefangen gehalten worden, doch warum gab es so viele seltsame, verdrehte Gerüchte über sie?
Plötzlich schoss Emilys Blick zu Laura hinüber.
„Worauf wartet ihr noch? Los jetzt!“ Jason stieß den Befehl ungeduldig ein weiteres Mal hervor.
Verzweiflung überflutete Emilys Augen vollends.
