Kapitel 1 Das Opfer

PROLOG

Die Wehen setzten um Mitternacht ein.

Die Frau biss die Zähne zusammen und umklammerte den Bettpfosten, während der Schmerz sie zerriss. Sie hatte vor Stunden alle fortgeschickt und nur den Priester bei sich behalten.

Er stand am Fenster und beobachtete mit besorgtem Blick die Dunkelheit draußen. „Sie kommen. Ich kann es spüren.“

„Ich weiß.“ Eine weitere Wehe überrollte sie. Sie krümmte sich und atmete dagegen an. „Wie lange noch?“

„Minuten. Vielleicht weniger.“ Er drehte sich zu ihr um. „Wir sollten gehen und dich an einen sicheren Ort bringen.“

„Nein. Sie muss hier geboren werden. Hier sind die Schutzzauber am stärksten.“

Der Priester trat an ihre Seite und half ihr aufs Bett. Er hatte ihr jahrelang treu gedient, aber noch nie, während Schattenwesen direkt vor den Mauern Jagd auf sie machten.

„Ich habe Nachricht geschickt“, keuchte sie zwischen den Wehen. „Sie werden kommen und sie mitnehmen.“

„Bist du sicher, dass du ihnen vertrauen kannst?“

„Mit meinem Leben und ihrem.“

Der Schmerz wurde heftiger. Sie schrie auf, unfähig, ihn zurückzuhalten. Irgendwo in der Ferne antwortete etwas mit einem Heulen, das nicht menschlich klang.

„Sie haben dich gehört“, sagte der Priester leise.

„Gut. Sollen sie nur kommen. Eher bin ich verdammt, als dass sie sie holen, bevor sie überhaupt ihren ersten Atemzug getan hat.“

Die nächste Stunde war reine Qual. Der Priester arbeitete ruhig und effizient, seine Gebete murmelte er kaum hörbar vor sich hin – Schutzsprüche, Bannformeln. Alles, um ihnen noch ein wenig Zeit zu erkaufen.

Dann durchschnitt endlich der Schrei eines Babys die Luft.

„Es ist ein Mädchen“, hauchte der Priester.

Die Frau sank gegen die Kissen zurück, Tränen liefen über ihr Gesicht. „Lass mich sie sehen. Bitte.“

Behutsam legte er ihr das Baby in die Arme. Das Neugeborene war vollkommen. Winzig, laut schreiend, und selbst während es weinte, flackerten seine Augen zwischen Gold und Blau.

„Hallo, kleine Maus.“ Die Stimme der Frau zitterte. „Es tut mir so leid, was dein Leben sein muss.“

Das Baby wurde still und blickte zum Gesicht seiner Mutter auf.

Draußen wurde das Heulen lauter und kam näher.

„Sie sind an den Mauern“, sagte der Priester. „Die Schutzzeichen halten noch, aber nicht mehr lange.“

Die Frau nickte erschöpft. Sie blutete noch immer. Die Geburt war schwer gewesen, und ihr Körper versagte. Aber für das hier hatte sie noch genug Kraft.

Sie hielt ihre Tochter und prägte sich jedes einzelne Detail ein. Die kleine Nase. Die Rundung der Ohren. Die Art, wie sich die Hand des Babys mit überraschender Kraft um ihren Finger schloss.

Draußen krachte etwas gegen die Mauern. Der ganze Raum erbebte.

„Sie brechen durch.“

Dann flog die Tür auf.

Ein Mann und eine Frau stürmten herein, atemlos und mit wilden Blicken. Sie blieben abrupt stehen, als sie die blutgetränkten Laken sahen und die erschöpfte Frau mit dem Neugeborenen im Arm.

„Ihr seid gekommen.“ Erleichterung durchströmte die Stimme der Frau.

„Natürlich sind wir gekommen.“

Die Hände der Frau zitterten, als sie das Kind hielt. Nur noch ein paar Minuten blieben ihr, um sich dieses kleine Gesicht, diese winzigen Finger einzuprägen und sich von allem zu verabschieden, was ihr etwas bedeutete.

„Sie ist wunderschön“, sagte der Mann leise.

„Sie ist alles.“ Die Stimme der Frau brach. Sie presste die Lippen auf die Stirn des Babys. „Sie ist die einzige Hoffnung, die uns noch bleibt.“

Ein weiterer Aufprall ließ die Mauern beben. Diesmal näher.

Die Ehefrau trat vor und streckte die Hände aus. „Wir werden sie beschützen. Ich schwöre es bei meinem Leben.“

„Ich weiß, dass ihr das werdet.“ Die Frau zog unter ihrem blutbefleckten Kleid einen Anhänger hervor. Roter Kristall, in dessen Innerem Feuer zu brennen schien. „Er gehörte meiner Mutter. Gib ihn ihr, wenn die Zeit gekommen ist.“

Die Ehefrau nahm den Anhänger mit ehrfürchtigen Händen entgegen.

„Und das hier.“ Die Frau reichte ihr eine Schriftrolle, die mit einem schwarzen Band zusammengebunden war. „Falls sie jemals in Gefahr ist. Das wird sie in Sicherheit bringen.“

„Wir verstehen.“

Die Frau blickte ein letztes Mal auf ihre Tochter hinab, während Tränen über ihre bleichen Wangen strömten. „Sie heißt Emberlyn. Vergesst das nicht. Selbst wenn ihr sie anders nennen müsst, selbst wenn sie alles andere vergisst, sie ist Emberlyn.“

„Wir werden es nicht vergessen.“

„Sagt ihr, dass sie geliebt wurde. Sagt ihr, dass alles, was ich getan habe, ihrem Schutz diente. Sagt ihr, dass es mir leid tut.“

„Das werden wir.“

Das Baby regte sich. Die Arme der Frau schlossen sich instinktiv fester um ihre Tochter, als wollte sie sie ein letztes Mal ganz nah bei sich halten.

Dann zwang sie sich, loszulassen.

Die Ehefrau nahm das Kind vorsichtig an sich. Der Mann legte seiner Frau den Arm um die Schultern, und beide wandten sich zur Tür.

„Wartet.“ Die Stimme der Frau hielt sie auf, kaum mehr als ein Flüstern. Der Blutverlust machte sie schwindelig.

„Wenn die Dunkelheit nach ihr greift – und das wird sie –, versprecht mir, dass ihr dafür sorgt, dass sie bereit ist. Versprecht mir, dass sie stark genug sein wird, zu überleben, wovor ich sie nicht beschützen konnte.“

Der Mann hielt ihrem Blick stand. „Sie wird bereit sein. Das versprechen wir.“

„Geht. Jetzt. Bevor es zu spät ist.“

Sie verschwanden in der Nacht und nahmen das Baby mit sich.

Draußen kamen die Kreaturen näher. Sie konnte ihr Knurren hören. Die Schutzzauber zerbarsten mit einem Geräusch wie brechendes Glas.

Aber ihre Tochter war in Sicherheit.

Das war alles, was zählte.

Nächstes Kapitel