Kapitel 6

Jett Maverick

Ich halte vor dem Lagerhaus, in dem wir uns alle treffen. Es liegt in der Innenstadt, gut versteckt. Früher war es mal ein alter Papiervertrieb, aber jetzt, wo der meiste Kram online abläuft, steht es leer, wie so viele andere Gebäude auch. Die Ziegel könnten eine gründliche Reinigung vertragen, aber je schlimmer es aussieht, desto besser. So kommt wenigstens niemand auf die Idee, hier herumzuschnüffeln.

Ich steige vom Motorrad, lege meinen Helm auf den Lenker und hole die Tasche mit der Essensbestellung unter dem Sitz hervor. Arschlöcher. Ich komme mir vor wie ein Lieferjunge.

Die Metalltür wird von zwei großen Kerlen bewacht. Der eine heißt Jace, der andere Ely. Glatzköpfig, Gesichter wie Bulldoggen und Arme so dick wie meine Oberschenkel. Beide von Kopf bis Fuß mit Tattoos übersät. „Jungs“, sage ich, als ich die Tür öffne.

Sie nicken. Sie sind nicht für ihre Redseligkeit bekannt, sondern dafür, wie sie ihre Fäuste einsetzen. Und es gibt Zeiten, in denen wir sie als Verstärkung brauchen. Vor nicht allzu langer Zeit wurden wir in einer Spelunke auf der anderen Seite der Stadt angegriffen. Es war nur ein kurzer Zwischenstopp nach einer langen Fahrt in die Berge. Woher zum Teufel sollten wir wissen, dass ein anderer MC den Laden als sein Hauptquartier nutzte? Inzwischen prüfen wir so etwas vorher.

„Was hat verdammt noch mal so lange gedauert?“, fragt Jackson, als ich in den großen, quadratischen Raum trete. Da es sich um eine alte Industriehalle handelt, verlaufen über uns große Rohre und Lüftungsschächte. Hinten und an beiden Seiten gibt es ein paar Fenster. Der Boden ist aus Beton. Alles, was wir hier drin haben, sind drei abgenutzte Ledersofas, zwei Sessel und ein Couchtisch. An einer der Seitenwände haben wir eine kleine Küchenzeile mit Mikrowelle, Spüle und ein paar Schränken eingebaut. Gerade genug, um unsere notwendigen Lebensmittel zu lagern, wenn wir längere Besprechungstage haben oder einer von uns hier übernachten will.

„Ich bin so schnell hergekommen, wie ich konnte. Was ist denn die große Eile?“, sage ich und stelle das Essen auf die Theke in der Küchenzeile.

„Wir haben gehört, dass deine Schwester mit den Black Vultures abhängt“, sagt Jackson, auch bekannt als der Vollstrecker. Sein dunkles, langes Haar ist heute zu einem Knoten auf dem Kopf zusammengebunden, sein Bart müsste mal wieder getrimmt werden und er hat dunkle Ringe unter den Augen. Zweifellos, weil sein Neugeborenes ihn die meisten Nächte wach hält.

Cecille und er haben vor ein paar Jahren geheiratet und jetzt haben sie ein Kind. Ich frage mich, wie sich das anfühlt. Ich meine, ich und heiraten, Kinder – keine Chance. Ich mag hin und wieder einen One-Night-Stand, und das war’s. Ich genieße meine Freiheit viel zu sehr. Laut Jackson gibt es nichts Besseres, als mit der Einen zusammen zu sein. Was auch immer das bedeuten mag.

Als Kind dachte ich, meine Eltern würden für immer verheiratet bleiben, und sieh dir an, was daraus geworden ist. Also ja, eine Beziehung ist ein großes NEIN, DANKE!

„Stiefschwester“, korrigiere ich ihn schnell.

„Kommt aufs Gleiche raus“, sagt er und zuckt mit seinen beeindruckenden Schultern. Der Kerl hat einen Körper wie Arnie in seinen besten Zeiten. Verbringt morgens stundenlang im Fitnessstudio. Laut Cecille steht er um vier Uhr auf, um bis sechs Uhr zu trainieren. Hingabe.

Ich für meinen Teil stehe um sechs auf und trainiere bis sieben, dann versuche ich abends meistens noch mal neunzig Minuten dranzuhängen. Zum Glück hat mein Alter zu Hause ein Fitnessstudio, das ausgestattet ist wie ein richtiges Gold’s Gym.

Jackson nimmt sein Essen und schmeißt sich neben Leroy, alias „Der Terminator“, aufs Sofa, der irgendein Videospiel zu zocken scheint, so wie seine Finger über das Handy flitzen.

„Wo ist Ethan?“, frage ich, als ich auf einem der anderen Sofas Platz nehme und die Füße auf den Tisch lege, die Knöchel übereinandergeschlagen.

„Pinkeln“, sagt Jackson.

„Okay, worum geht’s bei dem Treffen? Weiß das jemand?“, frage ich und nehme einen Schluck aus der Flasche Cola Light, die ich aus dem Kühlschrank geholt habe.

Jackson dreht sich zu mir um. „Ich hab’s dir doch gesagt, wir haben Ärger mit dem Black Vultures M.C. Die versuchen, in unser Revier einzudringen, Bro. Was zum Teufel macht deine Schwester da und fährt mit denen rum? Wir dachten, sie wär irgendein Mädel aus Russland, und jetzt hängt sie mit denen ab? Was zur Hölle, Mann?“ Jackson klingt alles andere als begeistert.

„Stiefschwester“, erinnere ich ihn erneut. Verdammt, ich muss das ständig klarstellen, denn die schmutzigen Gedanken, die mir bei Kitty immer wieder in den Kopf schießen, sind definitiv nicht geschwisterlicher Natur.

„Ja, wie auch immer. Das könnte für uns eine Katastrophe bedeuten, Maverick“, sagt Leroy und legt endlich sein Handy auf den Tisch.

„Liegt nicht in meiner Hand. Ich habe mit dem Balg nichts zu tun. Soweit ich weiß, ist sie nur für eine Auszeit nach Hause gekommen, und meine Stiefmutter ist deswegen total aus dem Häuschen. Ich kann es kaum erwarten, bis sie wieder abhaut.“ Vielleicht ist das eine kleine Unwahrheit, denn ich schaue sie verdammt gerne an. Auch wenn es mich total verrückt macht!

„Sie könnte hier sein, um uns auszuspionieren. Ich meine, was für eine bessere Gelegenheit gäbe es, da sie unter demselben Dach wohnt wie du, Mav.“ Ich werfe Jackson einen finsteren Blick zu. Meint er das gerade ernst?

Ich presse die Lippen aufeinander und mahle mit dem Kiefer. „Ich glaube nicht, dass Kitty es in sich hat, mich auszuspionieren, und was würde es ihr bringen?“

Äh, warum verteidige ich das Balg? Was zum Teufel soll das? Allerdings muss selbst ich zugeben, dass die süße, kleine Ekaterina definitiv nicht mehr süß ist.

Sie ist extrem unabhängig, hat mehr Tattoos, als ich bei einer Frau erwartet hätte, einen Körper wie eine Füchsin und ein Mundwerk, das für ihr eigenes Wohl viel zu schlagfertig ist.

Muss wohl das verdammte russische Blut in ihr sein.

„Sei dir da mal nicht so sicher. Ich habe gehört, ihr Vater ist in die Mafia verwickelt und verdient sein Geld mit Morden. Warum sollte seine Tochter anders sein? Es gibt einen Grund, warum sie hier ist, Bro, und ich glaube nicht, dass es darum geht, mit deiner Stiefmutter heile Familie zu spielen.“

Er könnte recht haben. Aber doch nicht wirklich?

Oder ist Kitty wirklich hier, um Dreck über unseren M.C. auszugraben?

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