Kapitel 3 3

WILLOW

Beruhig dich. Wenn der Maître d’ sich bei der Zeitarbeitsagentur beschwert, wirst du nicht bezahlt.

Ich schiebe mich noch ein Stück weiter in den Separeeraum und versuche, das Vibrieren in meiner Seitentasche zu ignorieren. Der Mann, von dem ich den Blick nicht lassen kann, wird von zwei anderen flankiert. Alle drei sehen mich an, doch keiner so eindringlich wie der Erste.

Seine Augen sind ein weiches Haselnussbraun, sein Haar ein sattes, herbstliches Kupferrot. Doch trotz dieser Farben strahlt er nicht die geringste Wärme aus. Es ist, als starrte man eine Statue an, aus Eis gehauen.

„Ähm, hi“, sage ich und krümme mich innerlich über meinen künstlich heiteren Ton. „Ich bediene Sie heute Abend.“

Der Haselnussäugige antwortet nicht. Lächelt nicht einmal. Er starrt einfach weiter, als sähe er mir bis auf den Grund der Seele.

Die beiden Männer zu seiner Rechten und Linken wirken ein wenig weniger intensiv. Ich beschließe, mich auf sie zu konzentrieren.

Nicht, dass sie nicht auf ihre eigene Art furchteinflößend wären. Nur dass sie, verglichen mit dem Haselnussäugigen, meine Beine nicht zu Wackelpudding machen.

Der links hat Haare so schwarz wie meine und Augen so dunkel, dass man seine Iris kaum erkennt. Er ist von Kopf bis Fuß mit Tattoos bedeckt.

Der Mann rechts ist das genaue Gegenteil. Er ist genauso groß, aber sehnig statt massig. Sein blondes Haar ist dünn, kurz davor, ungepflegt zu wirken. Seine blauen Augen gleiten mit unverhohlenem Interesse über mein Gesicht.

Eines ist sicher: Der Maître d’ hatte nicht übertrieben, als er mir sagte, diese Männer seien wichtig. Ich frage mich, ob er in Wahrheit gefährlich meinte.

„Was darf ich Ihnen, meine Herren, heute Abend zu trinken bringen?“ frage ich und versuche, mir nicht anmerken zu lassen, wie der Haselnussäugige mich anstarrt – obwohl meine Haut zugleich brennt und sich mir Gänsehaut über die Arme zieht.

„Du hast uns deinen Namen noch gar nicht gesagt“, bemerkt er. Seine Stimme ist voll und tief und dunkel. Sie passt perfekt zu seinem Äußeren.

„Oh. Ja. Ich bin Willow.“

„Willow“, wiederholt er. „Wir nehmen eine Flasche Absolut Crystal Wodka.“

„Und eine Flasche Glenlivet ’67“, fügt der Tätowierte hinzu.

„Und jede Menge Eis“, sagt der Blonde.

Ich nicke und ziehe mich so schnell wie möglich aus dem Raum zurück, ohne ein weiteres Wort. An der Bar gebe ich dem Barkeeper ihre Bestellung durch.

„Die wollen den Absolut und den Glenlivet?“ fragt er, den Kiefer weit offen. „Ganze Flaschen von beidem? Ist denen klar, dass das locker dreißig Riesen an Alkohol sind?“

„Ich glaub nicht, dass es sie einen Scheiß interessiert“, sage ich.

Er pfeift leise durch die Zähne. „Muss schön sein, so reich zu sein. Ich muss die aus dem Safe holen. Bin gleich wieder da.“

„Alles klar. Bitte beeil dich.“

Während ich warte, checke ich mein Handy. „Scheiße“, flüstere ich.

Fünf verpasste Anrufe von Casey und eine regelrechte Lawine an Textnachrichten. Je weiter es geht, desto gereizter werden sie.

Text eins: Hey Baby. Ich dachte, ich würde dich heute Abend zum Essen ausführen. Wie klingt das?

Text zwei: Willow? Baby? Ich hab versucht anzurufen und du bist nicht rangegangen. Wo bist du? Sag mir nicht, dass du schon wieder bei dieser beschissenen Zeitarbeitsagentur bist.

Text drei: Wo zum Teufel bist du und warum gehst du nicht ans Telefon?

Text vier: Ich bin diese ganze Unabhängigkeitsnummer von dir so was von satt. Das ist völlig sinnlos. Du weißt doch, dass du niemals richtig Geld verdienen wirst. Du hast das College geschmissen, schon vergessen? Du hast keinen Abschluss und keine Berufserfahrung! Beweg deinen Arsch nach Hause. Und ruf mich verdammt noch mal an!

„Die wollten eine ganze Flasche Whiskey?“ fragt der Barkeeper.

Ich schaue abgelenkt auf. „Ich, äh … ja. Ja. Eine ganze Flasche.“

Er zuckt die Schultern und dreht sich um, um sie zu holen. Ich senke den Blick wieder aufs Handy. Ich weiß, ich komme nicht darum herum zu antworten, also öffne ich unseren Chatverlauf und tippe hastig eine Nachricht.

Ich habe dir gesagt, dass ich es ernst meine mit dem Job. Heute Abend arbeite ich im Black Lotus. Das ist eine Spätschicht, also warte nicht auf mich.

Ich stecke das Handy weg, greife das beladene Tablett und gehe zurück in Richtung Separee.

Während ich laufe, kriecht dieses inzwischen vertraute Gefühl wieder an meiner Wirbelsäule empor. Als würde ich gleichzeitig brennen und frieren. Aufregung? Nein, das ist nicht das richtige Wort. Außerdem kenne ich den Mann nicht einmal.

Und doch wandert mein Blick in dem Moment, in dem ich den Raum betrete, direkt zu ihm. Ich gehe nach vorn und stelle das Tablett mit dem Alkohol auf den runden Tisch zwischen ihnen.

„Möchten Sie Ihr Essen jetzt bestellen oder später?“ frage ich.

„Das Eis fehlt“, sagt der blonde Mann zu mir.

Ich blicke auf das Tablett und werde auf der Stelle bleich. „Scheiße … oh, verdammt. Ich meine—es tut mir so leid … Entschuldigen Sie, ich laufe eben schnell zur Bar und hole es für Sie.“

Mit brennenden Wangen schieße ich zur Bar hinüber. Wenn sie sich beim Maître d’ beschweren, bin ich sowas von am Arsch.

Es dauert nur ein, zwei Minuten, bis ich mit dem Eiskübel in der Hand wieder im Separee bin. Als ich eintrete, sehe ich, dass die zwei Männer zu seiner Rechten und Linken verschwunden sind.

Nur einer ist geblieben: der haselnussäugige Gott.

Ich bemühe mich, nicht allzu überrascht oder nervös zu wirken, als ich den Eiskübel auf dem Tablett abstelle. „Wo sind Ihre Freunde hin?“

„Die brauchten eine Zigarettenpause.“

Ich nicke und versuche, mir eine professionelle Haltung zu bewahren. „Es tut mir wirklich leid, dass ich das Eis vergessen habe.“

„Setzen Sie sich.“

Mein Kopf schnellt zu ihm hoch. „Wie bitte?“

„Setzen Sie sich“, wiederholt er, mit so viel Autorität, dass ich mich tatsächlich schon auf den Stuhl direkt hinter mir niederlasse, bevor mir überhaupt klar wird, was ich da tue.

„Nicht dort“, sagt er, und ich halte mitten in der Bewegung inne. Er deutet auf den freien Platz neben sich. „Hier.“

Mach einfach, was sie sagen; das sind sehr wichtige Männer. So hat es mir der Maître d’ eingebläut. Und das ist harmlos, oder? Ich setze mich ja nur kurz. Kein Grund zur Sorge. Hakuna matata.

Mit wackligen Beinen gehe ich um den Tisch herum und setze mich neben ihn, aber ich achte darauf, gut sechzig Zentimeter Abstand zwischen uns zu lassen. „Ähm, ich bin mir wirklich nicht sicher, ob ich—“

„Sie sind neu hier.“

Meine Wangen färben sich sofort. „Ist es so offensichtlich?“

„Für mich? Ja. Ich spüre, wie Ihr Stress aus Ihnen herausstrahlt.“

Seine Hand liegt auf der Rückenlehne des Sofas, das heißt, sie ist nur wenige Zentimeter von meinem Nacken entfernt. Ein paar Strähnen meiner Haare streifen sogar seine Finger.

Ich atme tief durch. Es tut gut, es einfach zuzugeben. „Ich bin ein bisschen gestresst, ja. Ich muss in diesem Job wirklich gut sein.“

„Warum?“

„Weil … na ja, wenn ich es nicht bin, wird die Zeitarbeitsfirma, die ich nutze, mich eher nicht für andere Stellen empfehlen.“

„Zeitarbeitsfirma“, wiederholt er nachdenklich, als wäre es ein Fremdwort.

„Nur für den Moment“, stottere ich zur Erklärung. „Ich habe es auch anders versucht, Jobs zu bekommen, aber wie sich herausstellt, sind nicht besonders viele Leute scharf darauf, eine siebenundzwanzigjährige Studienabbrecherin ohne Berufserfahrung und ohne erkennbare Fähigkeiten einzustellen.“

„Klingt, als hätten Sie es nicht leicht gehabt.“

„Allein in den letzten drei Wochen habe ich Bettpfannen geleert, öffentliche Toiletten geschrubbt, in einem Fast-Food-Laden Geschirr gespült und ein halbes Dutzend Häuser von oben bis unten geputzt. Die Arbeit ist zum Kotzen und der Lohn ist der totale Dreck, aber was soll ich denn machen?“

„Jeder hat eine Wahl.“

Ich sehe ihn an. Etwas an der Art, wie er das sagt, lässt vermuten, dass mehr dahintersteckt, als ich begreife. Du kennst das doch: Menschen sagen etwas, obwohl sie etwas anderes meinen?

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