Heute ist der Tag, an dem ich Lucian heirate.
Die Frau im Spiegel trug ein Kleid in makellosem Weiß – doch in Joanna Ashfords Augen lag nichts von der Freude einer Braut. Das Flüstern ihrer besten Freundin Sia strich ihr übers Ohr: Alles ist bereit. Nach der Hochzeit treffen wir uns auf dem von Bäumen gesäumten Weg hinter dem Anwesen.
Das war keine Hochzeit. Es war ein Geschäft zwischen zwei Wolfsrudeln. Und Joanna war der Pfand.
Joanna war einst von ihrem Schicksalsgefährten geliebt worden, Sebastian Lockwood – ein Beta der Grenzpatrouille, der nichts besaß außer seiner Integrität und der Wärme in seinen Augen. Dann stellte ihr Vater, Roger Ashford, Alpha des Schattenrudels, sie vor eine Wahl, die keine war: Stell dich in diesem Gerichtssaal hin und zerstöre den Mann, den du liebst, oder sieh zu, wie deine Mutter auf einem Operationstisch stirbt, weil die unterschriebene Einwilligung fehlt.
Sie log. Jedes Wort, das ihren Mund verließ, war eine Klinge, die sie eigenhändig in Sebastian trieb.
Er kappte ihre Bindung vor dem ganzen Clan, noch bevor der Hammer fiel. Er sah sie kein einziges Mal an.
Sie wusste nicht, als sie zusah, wie man ihn in silbernen Fesseln abführte, dass sie bereits sein Kind unter dem Herzen trug.
Sebastian überlebte das Exilgelände so, wie nur die Wütendsten es tun – indem er sich weigerte zu sterben. Er kam zurück, härter, kälter, erfüllt von einem einzigen Zweck. Als er in den Herausforderungsring des Nordrudels trat und den alten Alpha in weniger als drei Minuten zu Boden schickte, war niemand überrascht. Als er seine erwählte Luna verkündete – Sophia Carter, die ihn vom Rand des Todes zurückgeholt hatte –, jubelte die Menge.
Er hatte sich ein Leben aufgebaut, in dem kein Platz für die Vergangenheit war.
Und dann hob eine Köchin in einer mit Mehl bestäubten Uniform am anderen Ende eines Bankettsaals den Blick, und sein Wolf wurde vollkommen wild.
Joanna hatte drei Jahre damit verbracht, aus den Trümmern von allem, was sie zerstört hatte, etwas Kleines und Unbeugsames aufzubauen. Eine Stelle in einer Küche. Eine winzige Wohnung. Einen Sohn namens Theo, mit tiefbraunem Haar, das sich im Nacken kräuselte – genau wie das seines Vaters –, und graublauen Augen, die alles sahen.
Theos Ohren hatten sich nicht richtig entwickelt. Die Rechnungen waren erdrückend. Jedes Restaurant im Nordterritorium war gewarnt worden, sie nicht einzustellen.
Sie machte trotzdem weiter. Weil Theo sie brauchte.
Sebastian beglich ihre Schulden, ohne dass sie darum gebeten hätte. Er übertrug ihr ein Restaurant. Er fand sie in seinem Büro in einer Vollmondnacht, die silbernen Fesseln bereits zugeschnappt, und sie blieb – und später, im Dunkeln, sagte er: Zieh in mein Apartment. Sie sagte: Tun wir so, als wäre das nie passiert.
Ihr Wolf Nana kehrte endlich zurück, in einem Wald, umzingelt von Abtrünnigen, die Sophia geschickt hatte, um sie zu töten, rotes Fell, das durch aufgerissene Haut brach. Geh zu Sebastian, flüsterte Nana, bevor sie wieder still wurde. Erzähl ihm von Theo. Er wird Theo lieben.
Morgen ist das Mondfest. Morgen ist die Zeichenzeremonie, die Sebastian für immer an Sophia binden wird.
Joanna hat noch eine einzige Chance – und eine Frage, die sie nicht beantworten kann.
Wenn Sebastian die Wahrheit über den Gerichtssaal erfährt, über das Kind, von dessen Existenz er nie wusste – wird er Theo ansehen und seinen Sohn sehen?
Oder wird er nur ihren Verrat sehen?